KI-Boom unter Druck

Zwei­fel an Finan­zie­rung und chi­ne­si­sche Kon­kur­renz belas­ten Chip­ak­ti­en

Der jah­re­lan­ge Höhen­flug vie­ler Halb­lei­ter- und KI-Akti­en gerät zuneh­mend unter Druck. Anle­ger schau­en nicht mehr nur auf das enor­me Wachs­tums­po­ten­zi­al künst­li­cher Intel­li­genz, son­dern stär­ker auf die Risi­ken hin­ter dem welt­wei­ten Aus­bau von Rechen­zen­tren, Chip­ka­pa­zi­tä­ten und Cloud-Infra­struk­tur. Beson­ders drei Fak­to­ren sor­gen für Ner­vo­si­tät: Zwei­fel an der Finan­zie­rung des KI-Booms, der zuneh­men­de Wett­be­werb aus Chi­na und die Aus­sicht auf eine straf­fe­re Geld­po­li­tik in den USA.

Der jüngs­te Aus­ver­kauf ist inzwi­schen kein iso­lier­tes Pro­blem ein­zel­ner Tech­no­lo­gie­wer­te mehr. Die welt­wei­ten Akti­en­märk­te fie­len auf ein Monats­tief, wäh­rend der MSCI All Coun­try World Index um 0,5 Pro­zent auf den nied­rigs­ten Stand seit Ende Juni sank. Damit zeigt sich, dass die Unsi­cher­heit im Halb­lei­ter­sek­tor zuneh­mend auf den Gesamt­markt über­greift.

Beson­ders hef­tig waren die Ver­lus­te in Süd­ko­rea. Der KOSPI fiel um mehr als 10 Pro­zent auf ein Drei­mo­nats­tief und lös­te einen auto­ma­ti­schen Han­dels­stopp aus. Der Index steu­er­te zugleich auf sei­nen stärks­ten Monats­ver­lust seit Beginn der Auf­zeich­nun­gen zu. Zuvor hat­te sich sein Wert inner­halb eines Jah­res mehr als ver­drei­facht, seit dem Hoch jedoch bereits mehr als ein Drit­tel ein­ge­büßt. Die Kurs­be­we­gung macht deut­lich, wie stark die vor­an­ge­gan­ge­ne Ral­ly von hohen Erwar­tun­gen und zuneh­men­der Hebel­wir­kung geprägt war.

Zu den größ­ten Ver­lie­rern gehör­ten Sam­sung Elec­tro­nics und SK Hynix, deren Akti­en jeweils um mehr als 12 Pro­zent nach­ga­ben. Bei­de Unter­neh­men hat­ten stark von der Nach­fra­ge nach Spei­cher­chips für KI-Anwen­dun­gen pro­fi­tiert. Die hohen Ver­lus­te zei­gen nun, dass Anle­ger nicht nur ein­zel­ne Unter­neh­men neu bewer­ten, son­dern die Ren­ta­bi­li­tät des gesam­ten asia­ti­schen Halb­lei­ter­mark­tes infra­ge stel­len. Markt­be­ob­ach­ter hal­ten die­se Neu­be­wer­tung teil­wei­se für gesund, weil außer­ge­wöhn­lich hohe Gewinn­wachs­tums­ra­ten lang­fris­tig nur schwer auf­recht­zu­er­hal­ten sind.

Im Zen­trum der Dis­kus­si­on steht wei­ter­hin Nvi­dia. Das Unter­neh­men ist einer der größ­ten Pro­fi­teu­re des KI-Booms, weil sei­ne Hoch­leis­tungs­pro­zes­so­ren in zahl­rei­chen Rechen­zen­tren ein­ge­setzt wer­den. Berich­te über mög­li­che Finan­zie­rungs­ga­ran­tien von rund 250 Mil­li­ar­den US-Dol­lar für ein Ope­nAI-Rechen­zen­trums­pro­jekt sorg­ten jedoch für neue Fra­gen. Zusätz­lich sol­len Finan­zie­run­gen für Chip­käu­fe im Umfang von bis zu 350 Mil­li­ar­den US-Dol­lar dis­ku­tiert wor­den sein. Dadurch rück­te die enge finan­zi­el­le Ver­flech­tung zwi­schen Chip­her­stel­lern, KI-Unter­neh­men, Cloud-Anbie­tern und Rechen­zen­trums­be­trei­bern in den Fokus.

Kri­ti­ker sehen dar­in ein mög­li­ches struk­tu­rel­les Risi­ko. Ein Teil der Nach­fra­ge nach KI-Chips könn­te nicht allein aus bereits pro­fi­ta­blen Geschäfts­mo­del­len ent­ste­hen, son­dern durch Garan­tien, Kre­di­te und wech­sel­sei­ti­ge Finan­zie­rungs­zu­sa­gen gestützt wer­den. Solan­ge die Nach­fra­ge nach Rechen­leis­tung wächst und die gro­ßen Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne ihre Inves­ti­tio­nen erhö­hen, kann die­ses Modell funk­tio­nie­ren. Soll­ten die Erträ­ge aus KI-Anwen­dun­gen jedoch hin­ter den Erwar­tun­gen zurück­blei­ben, könn­ten Pro­jek­te ver­scho­ben, ver­klei­nert oder gestri­chen wer­den. Beson­ders gefähr­det wären dann Unter­neh­men, deren Bewer­tun­gen bereits dau­er­haft hohe Wachs­tums­ra­ten vor­aus­set­zen.

Gleich­zei­tig ver­schärft sich der Wett­be­werb aus Chi­na. Berich­te, wonach Chi­na mit der Pro­duk­ti­on eige­ner Immersi­ons-DUV-Litho­gra­fie­ma­schi­nen begon­nen hat, belas­te­ten den nie­der­län­di­schen Anla­gen­bau­er ASML. Die Aktie ver­lor 8,5 Pro­zent. ASML domi­niert bis­lang einen zen­tra­len Bereich der Chip­fer­ti­gung. Auch wenn chi­ne­si­sche Sys­te­me tech­no­lo­gisch noch hin­ter den füh­ren­den west­li­chen Maschi­nen zurück­lie­gen dürf­ten, ver­än­dert bereits die Aus­sicht auf eine stär­ker eigen­stän­di­ge chi­ne­si­sche Lie­fer­ket­te die Erwar­tun­gen der Anle­ger.

Hin­zu kommt der Auf­stieg chi­ne­si­scher Chip­her­stel­ler wie CXMT. Das Unter­neh­men nahm bei sei­nem Bör­sen­gang 8,6 Mil­li­ar­den US-Dol­lar ein und been­de­te sei­nen ers­ten Han­dels­tag als wert­volls­tes bör­sen­no­tier­tes Unter­neh­men Chi­nas. Der Bör­sen­er­folg wur­de als wei­te­res Signal gewer­tet, dass Chi­nas Halb­lei­ter­indus­trie nicht mehr nur ver­sucht, bestehen­de Tech­no­lo­gien auf­zu­ho­len, son­dern in ein­zel­nen Markt­seg­men­ten zu einem ernst­haf­ten Wett­be­wer­ber wer­den könn­te.

Die Märk­te preis­ten eine Wahr­schein­lich­keit von rund 35 Pro­zent ein, dass die US-Noten­bank ihren Leit­zins kurz­fris­tig um 25 Basis­punk­te erhöht. Höhe­re Zin­sen ver­teu­ern die Finan­zie­rung gro­ßer Rechen­zen­tren und sen­ken zugleich den heu­ti­gen Wert zukünf­ti­ger Unter­neh­mens­ge­win­ne. Das trifft beson­ders wachs­tums­star­ke Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men, deren Bewer­tun­gen stark von lang­fris­ti­gen Gewinn­erwar­tun­gen abhän­gen.

Par­al­lel dazu fie­len die Ölprei­se deut­lich. Brent-Roh­öl ver­lor nach einem Ein­bruch von fast 9 Pro­zent am Vor­tag noch­mals mehr als 3 Pro­zent und notier­te bei 85,55 US-Dol­lar je Bar­rel. Grund war eine vor­über­ge­hen­de Ent­span­nung im Kon­flikt zwi­schen den USA und Iran. Nied­ri­ge­re Ölprei­se ent­las­ten zwar grund­sätz­lich Unter­neh­men und Ver­brau­cher, konn­ten den Aus­ver­kauf an den Akti­en­märk­ten jedoch nicht stop­pen.

Auch an den Devi­sen­märk­ten blieb die Lage ange­spannt. Der US-Dol­lar wur­de durch die Aus­sicht auf höhe­re Zin­sen gestützt, wäh­rend der japa­ni­sche Yen nahe einem Vier­zig­jah­res­tief notier­te. Anle­ger rech­ne­ten damit, dass japa­ni­sche Behör­den bei einer wei­te­ren Abwer­tung ver­bal oder direkt am Devi­sen­markt ein­grei­fen könn­ten. Damit kommt neben Tech­no­lo­gie- und Zins­ri­si­ken auch die Gefahr grö­ße­rer Wech­sel­kurs­schwan­kun­gen hin­zu.

Nicht alle Markt­be­rei­che wur­den aller­dings glei­cher­ma­ßen belas­tet. Euro­päi­sche Akti­en hiel­ten sich ver­gleichs­wei­se bes­ser, weil posi­ti­ve Unter­neh­mens­zah­len unter ande­rem von Uni­le­ver und Mer­ce­des-Benz die Ver­lus­te im Tech­no­lo­gie­sek­tor teil­wei­se aus­gli­chen. Das deu­tet dar­auf hin, dass der Aus­ver­kauf bis­lang vor allem hoch bewer­te­te und stark KI-abhän­gi­ge Markt­seg­men­te trifft und nicht zwangs­läu­fig eine gleich­mä­ßi­ge glo­ba­le Abwärts­be­we­gung dar­stellt.

Ent­schei­dend für die wei­te­re Ent­wick­lung blei­ben die Inves­ti­ti­ons­plä­ne der gro­ßen Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne. Unter­neh­men wie Micro­soft, Ama­zon, Meta und Apple geben jähr­lich Mil­li­ar­den für Rechen­zen­tren, Cloud-Infra­struk­tur und KI-Sys­te­me aus. Solan­ge die­se Aus­ga­ben wei­ter stei­gen, bleibt die Nach­fra­ge nach Pro­zes­so­ren, Spei­cher­chips und Pro­duk­ti­ons­an­la­gen hoch. Soll­ten die Kon­zer­ne ihre Inves­ti­tio­nen jedoch dros­seln oder stren­ge­re Ren­di­te­zie­le set­zen, könn­te die gesam­te Lie­fer­ket­te unter Druck gera­ten.

Der aktu­el­le Kurs­rück­gang bedeu­tet des­halb nicht zwangs­läu­fig das Ende des KI-Booms. Die Nach­fra­ge nach Rechen­leis­tung bleibt hoch, und künst­li­che Intel­li­genz dürf­te lang­fris­tig eine zen­tra­le Rol­le in vie­len Bran­chen spie­len. Die Markt­pha­se ver­än­dert sich jedoch. Wachs­tum allein reicht nicht mehr aus. Anle­ger ver­lan­gen zuneh­mend Bele­ge dafür, dass die hohen Inves­ti­tio­nen nach­hal­tig Gewin­ne erzeu­gen und nicht dau­er­haft von Kre­dit, Garan­tien und immer neu­en Kapi­tal­zu­sa­gen abhän­gen.

Der Markt bewer­tet nicht nur ein­zel­ne Chip­un­ter­neh­men neu, son­dern prüft inzwi­schen das gesam­te finan­zi­el­le Fun­da­ment des KI-Aus­baus. Hin­zu kom­men Zins­ri­si­ken, Wäh­rungs­tur­bu­len­zen und geo­po­li­ti­sche Ein­flüs­se. Ob dar­aus eine län­ge­re Kor­rek­tur oder nur eine vor­über­ge­hen­de Unter­bre­chung der KI-Ral­ly ent­steht, hängt vor allem davon ab, ob die gro­ßen Tech­no­lo­gie­kon­zer­ne ihre Inves­ti­tio­nen recht­fer­ti­gen kön­nen und ob chi­ne­si­sche Anbie­ter ihre tech­no­lo­gi­schen Fort­schrit­te tat­säch­lich in kon­kur­renz­fä­hi­ge Pro­duk­te umset­zen.


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