Eine neue Volatilitätsdynamik am Aktienmarkt
Der US-Aktienmarkt wird zunehmend von derivativen und systematischen Handelsströmen geprägt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die wachsende Popularität gehebelter Exchange Traded Funds (ETFs). Diese Produkte bilden die Entwicklung ihrer Basiswerte nicht nur ab: Durch ihre tägliche Anpassung des Exposures können sie bestehende Marktbewegungen zusätzlich verstärken. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt im Technologiesektor. Für quantitative Handelsstrategien gewinnt diese Dynamik deshalb zunehmend an Bedeutung.
Entscheidend ist das tägliche Rebalancing der Fonds. Gehebelte ETFs müssen ihr Exposure regelmäßig anpassen, um den angestrebten Hebelfaktor für den folgenden Handelstag wiederherzustellen. Dadurch entstehen prozyklische Handelsströme: Steigen die Kurse, müssen die Fonds tendenziell zukaufen; fallen sie, müssen sie Exposure abbauen. Auf diese Weise können bereits bestehende Trends verstärkt werden. Intraday-Momentum-Strategien versuchen, genau von dieser Dynamik zu profitieren. Dabei ist die Richtung des Marktes zweitrangig – entscheidend sind Stärke und Persistenz der Kursbewegung.
Wie gehebelte ETFs Marktbewegungen verstärken
Die Marktwirkung dieser Produkte zeigt sich besonders deutlich zum Ende eines Handelstages. Um ihren Zielhebel einzuhalten, müssen gehebelte ETFs ihre Positionen regelmäßig neu gewichten. Diese Transaktionen erfolgen weitgehend unabhängig von fundamentalen Bewertungen oder makroökonomischen Nachrichten und können deshalb zusätzliche, technisch bedingte Nachfrage- oder Verkaufsströme erzeugen.
Das Volumen dieser Anpassungen ist beträchtlich. Nach Angaben von JPMorgan reduzierten gehebelte US-ETFs zwischen Anfang Juni und Ende Juli netto rund 150 Milliarden US-Dollar Aktienexposure. Solche Größenordnungen können insbesondere in weniger liquiden Marktphasen kurzfristig erheblichen Einfluss auf die Preisbildung haben. Für professionelle Marktteilnehmer entstehen dadurch potenziell handelbare Muster, sofern Richtung und Größenordnung der erwarteten Flows hinreichend gut eingeschätzt werden können.
Intraday-Momentum als systematische Strategie
Intraday-Momentum-Strategien sind regelbasierte Ansätze, die auf eine Fortsetzung bereits etablierter Kursbewegungen innerhalb eines Handelstages setzen. Ein von JPMorgan untersuchter Ansatz analysiert Kurse beispielsweise in Fünf-Minuten-Intervallen. Long-Positionen werden eröffnet, wenn ein Wert einen definierten Schwellenwert über dem Vortagesschluss erreicht; entsprechende Abwärtsbewegungen können als Short-Signal dienen. Sämtliche Positionen werden zum Ende des Handelstages geschlossen.
Das Renditeprofil ist asymmetrisch: An ausgeprägten Trendtagen können solche Strategien stark profitieren. In ruhigen oder richtungslosen Märkten entstehen dagegen häufig kleinere Verluste durch wiederholte Fehlsignale. Ihre Attraktivität steigt daher insbesondere in Marktphasen mit hoher Einzelaktienvolatilität und ausgeprägten prozyklischen Handelsströmen.
Halbleiter als Schwerpunkt
Besonders ausgeprägt war die Entwicklung zuletzt im Halbleitersektor. Laut Premialab erzielten entsprechende Intraday-Momentum-Strategien von April bis Juni eine Rendite von rund 8,1 % bei einer Sharpe Ratio von 2,5. Zum Vergleich kam ein breiterer US-Aktienansatz im selben Zeitraum auf lediglich 0,4 % Rendite und eine Sharpe Ratio von 0,8.
Allerdings hängt die Stärke der Intraday-Effekte nicht allein von ETF-Flows ab. Auch die Positionierung am Optionsmarkt ist entscheidend. Bei Nvidia schwächte umfangreiches Call-Overwriting den Short-Gamma-Effekt teilweise ab. Bei Micron führten dagegen Put-Käufe und Call-Verkäufe zu einer negativen Gamma-Positionierung der Dealer. Dadurch können Market Maker gezwungen sein, bei steigenden Kursen zu kaufen und bei fallenden Kursen zu verkaufen – ein Mechanismus, der bestehende Bewegungen zusätzlich verstärken kann.
Bereinigung, aber kein Ende des Trends
Nach den Rekordständen im Juni kam es zunächst zu einer deutlichen Bereinigung. Das verwaltete Vermögen gehebelter ETFs sank vom Juni-Hoch um etwa 70 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig wurde die Nachfrage in einzelnen Märkten, etwa in Südkorea, regulatorisch gebremst.
Das institutionelle Interesse an Intraday-Trendstrategien bleibt dennoch hoch. Laut Société Générale erzielten mehrere dieser Ansätze zuletzt ihre beste Performance seit 2022. Gleichzeitig deutet die starke Nachfrage nach Call-Optionen auf eine erneute Zunahme des gehebelten Upside-Exposures hin. Nach der vorausgegangenen Bereinigung scheinen Investoren damit wieder verstärkt in entsprechende Instrumente zurückzukehren.
Fazit
Gehebelte ETFs sind inzwischen selbst ein relevanter Bestandteil der kurzfristigen Marktmechanik. Ihr tägliches Rebalancing erzeugt prozyklische Handelsströme, die bestehende Kursbewegungen unter bestimmten Bedingungen verstärken können. Für Intraday-Momentum-Strategien entstehen daraus systematisch nutzbare Chancen – insbesondere in volatilen Marktphasen und in Segmenten wie Halbleitern, in denen ETF-Flows und Optionspositionierung gleichzeitig in dieselbe Richtung wirken.