Funk­tio­niert der Trick­le-Down-Effekt?

Die Idee klingt ver­lo­ckend ein­fach: Wenn man die Rei­chen rei­cher macht, pro­fi­tie­ren am Ende alle davon. Steu­er­sen­kun­gen für Wohl­ha­ben­de und Unter­neh­men, so die Theo­rie, regen Inves­ti­tio­nen an, schaf­fen Arbeits­plät­ze und las­sen den ent­ste­hen­den Wohl­stand nach unten „durch­si­ckern” – daher der Begriff Trick­le-Down-Öko­no­mie. Seit den 1980er Jah­ren unter Ronald Rea­gan als „Rea­gano­mics” popu­lär gewor­den, ist die­ses wirt­schafts­po­li­ti­sche Kon­zept bis heu­te eines der umstrit­tens­ten The­men in der ame­ri­ka­ni­schen Volks­wirt­schaft. Doch was sagen die Daten wirk­lich?

Die Theo­rie und ihre Ver­spre­chen

Befür­wor­ter des Trick­le-Down-Ansat­zes argu­men­tie­ren, dass nied­ri­ge Steu­ern für Unter­neh­men und Spit­zen­ver­die­ner die Leis­tungs­be­reit­schaft stei­gern und Kapi­tal frei­set­zen, das in neue Betrie­be, Maschi­nen und Arbeits­plät­ze inves­tiert wird. Wenn Unter­neh­men flo­rie­ren, stei­gen die Löh­ne, die Beschäf­ti­gung wächst und der all­ge­mei­ne Lebens­stan­dard ver­bes­sert sich. Der Staat, so das Argu­ment, ver­liert zwar kurz­fris­tig Steu­er­ein­nah­men, gleicht dies aber durch wirt­schaft­li­ches Wachs­tum lang­fris­tig aus – bekannt als Laf­fer-Kur­ven-Logik. Die­se Über­zeu­gung präg­te nicht nur die Rea­gan-Ära, son­dern auch die Steu­er­po­li­tik unter Geor­ge W. Bush und zuletzt den Tax Cuts and Jobs Act von 2017 unter Donald Trump.

Was die Empi­rie zeigt

Die empi­ri­sche Bilanz der Trick­le-Down-Poli­tik ist ernüch­ternd. Eine viel­be­ach­te­te Stu­die des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds aus dem Jahr 2020, die Steu­er­sen­kun­gen für die Reichs­ten in 18 OECD-Län­dern über einen Zeit­raum von 50 Jah­ren unter­such­te, kam zu einem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis: Sol­che Maß­nah­men stei­ger­ten das Wirt­schafts­wachs­tum nicht mess­bar, erhöh­ten jedoch die Ein­kom­mens­un­gleich­heit signi­fi­kant. In den USA ist die­ser Trend beson­ders deut­lich sicht­bar. Seit den frü­hen 1980er Jah­ren hat sich der Anteil des Ein­kom­mens, den das obers­te Pro­zent der Bevöl­ke­rung auf sich ver­eint, mehr als ver­dop­pelt. Wäh­rend 1980 die obe­ren zehn Pro­zent der Ame­ri­ka­ner etwa ein Drit­tel des natio­na­len Ein­kom­mens kon­trol­lier­ten, sind es heu­te fast die Hälf­te.

Beson­ders auf­schluss­reich ist der Blick auf kon­kre­te Steu­er­sen­kungs­run­den. Nach den Bush-Steu­er­sen­kun­gen von 2001 und 2003 ver­lang­sam­te sich das Wirt­schafts­wachs­tum, und die Lohn­ent­wick­lung für mitt­le­re und unte­re Ein­kom­mens­grup­pen blieb weit hin­ter den Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wäch­sen zurück. Auch der Trump-Steu­er­re­form von 2017 wur­de ein enor­mes Wachs­tums­ver­spre­chen gege­ben. Tat­säch­lich stie­gen die Unter­neh­mens­ge­win­ne kurz­fris­tig, und die Arbeits­lo­sig­keit sank – aller­dings setz­te die­ser Trend bereits unter Barack Oba­ma ein, und die Lohn­zu­wäch­se für Gering­ver­die­ner blie­ben beschei­den. Statt­des­sen nutz­ten vie­le Groß­un­ter­neh­men ihre Steu­er­erleich­te­run­gen vor­ran­gig für Akti­en­rück­käu­fe, was den Akti­en­kur­sen und damit vor allem Wohl­ha­ben­den zugu­te­kam.

Die wach­sen­de Sche­re

Das viel­leicht deut­lichs­te Argu­ment gegen die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Trick­le-Down-Effekts ist die Ent­wick­lung der Ver­mö­gens­un­gleich­heit in den USA. Das Land weist heu­te eine der höchs­ten Ver­mö­gens­kon­zen­tra­tio­nen unter allen ent­wi­ckel­ten Volks­wirt­schaf­ten auf. Die drei reichs­ten Ame­ri­ka­ner besit­zen zusam­men mehr Ver­mö­gen als die ärme­re Hälf­te der Bevöl­ke­rung – rund 160 Mil­lio­nen Men­schen. Die Real­löh­ne für Arbeit­neh­mer ohne Hoch­schul­ab­schluss sta­gnie­ren seit Jahr­zehn­ten, wäh­rend die Pro­duk­ti­vi­tät der Wirt­schaft kon­ti­nu­ier­lich gestie­gen ist. Wür­de der Trick­le-Down-Effekt funk­tio­nie­ren, müss­te genau das Gegen­teil der Fall sein: Wachs­tum oben soll­te sich gleich­mä­ßig nach unten ver­tei­len.

Hin­zu kommt, dass die öffent­li­che Infra­struk­tur, von der ärme­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten beson­ders abhän­gig sind, in vie­len Tei­len der USA ver­fällt. Schu­len in ein­kom­mens­schwa­chen Bezir­ken sind chro­nisch unter­fi­nan­ziert, das Gesund­heits­sys­tem lässt Mil­lio­nen ohne aus­rei­chen­den Schutz, und sozia­le Auf­stiegs­mo­bi­li­tät – einst als ame­ri­ka­ni­scher Traum gefei­ert – ist in den USA mitt­ler­wei­le gerin­ger als in vie­len euro­päi­schen Län­dern. Eine Stu­die der Har­vard-Öko­no­men Raj Chet­ty und Natha­ni­el Hendren zeig­te, dass die Chan­cen eines Kin­des aus ein­kom­mens­schwa­chem Haus­halt, in die obe­re Mit­tel­schicht auf­zu­stei­gen, in Däne­mark oder Kana­da deut­lich höher sind als in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten.

Gegen­ar­gu­men­te und Dif­fe­ren­zie­run­gen

Ver­tei­di­ger des Ansat­zes ver­wei­sen dar­auf, dass die Kau­sa­li­tä­ten kom­pli­zier­ter sind, als Kri­ti­ker zuge­ben wol­len. Glo­ba­li­sie­rung, tech­no­lo­gi­scher Wan­del und der Nie­der­gang der Gewerk­schaf­ten hät­ten die Ungleich­heit eben­falls vor­an­ge­trie­ben, unab­hän­gig von der Steu­er­po­li­tik. Zudem sei­en nicht alle Steu­er­sen­kun­gen gleich zu bewer­ten: Geziel­te Inves­ti­ti­ons­an­rei­ze für klei­ne und mitt­le­re Unter­neh­men könn­ten durch­aus Beschäf­ti­gung schaf­fen, auch wenn pau­scha­le Ent­las­tun­gen für Spit­zen­ver­die­ner wir­kungs­los blie­ben. Eini­ge Öko­no­men argu­men­tie­ren auch, dass das rich­ti­ge Maß an Steu­er­last ent­schei­dend ist – exzes­siv hohe Grenz­steu­er­sät­ze könn­ten tat­säch­lich inves­ti­ti­ons­hem­mend wir­ken, wäh­rend mode­ra­te Steu­ern ein gesun­des Gleich­ge­wicht ermög­lich­ten.

Die­se Dif­fe­ren­zie­run­gen sind berech­tigt, ändern jedoch nichts am Gesamt­be­fund. Die Mehr­heit der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen For­schung kommt zu dem Schluss, dass der Trick­le-Down-Effekt in sei­ner rei­nen Form nicht funk­tio­niert. Selbst der IWF, tra­di­tio­nell eher markt­freund­lich ori­en­tiert, plä­diert seit Jah­ren für eine stär­ke­re Umver­tei­lung, weil extre­me Ungleich­heit lang­fris­tig das Wirt­schafts­wachs­tum brem­se.

Ein Kon­zept mit poli­ti­scher Halb­werts­zeit

Trotz der dürf­ti­gen empi­ri­schen Bilanz hält sich die Trick­le-Down-Öko­no­mie als poli­ti­sches Kon­zept erstaun­lich hart­nä­ckig. Dies liegt nicht zuletzt dar­an, dass sie mäch­ti­gen Inter­es­sen­grup­pen nutzt: Wer von Steu­er­sen­kun­gen pro­fi­tiert, hat die Mit­tel, poli­ti­schen Ein­fluss zu sichern und die öffent­li­che Debat­te zu prä­gen. Die Rhe­to­rik von Job­schaf­fung und wirt­schaft­li­cher Dyna­mik klingt über­zeu­gend, auch wenn die Rea­li­tät der Lohn­zet­tel vie­ler Ame­ri­ka­ner eine ande­re Spra­che spricht.

Das Fazit ist ernüch­ternd, aber klar: Der Trick­le-Down-Effekt funk­tio­niert in den USA nicht in der ver­spro­che­nen Form. Was tat­säch­lich nach unten durch­ge­si­ckert ist, waren nicht Wohl­stand und Chan­cen, son­dern in vie­len Fäl­len staat­li­che Schul­den und eine wach­sen­de wirt­schaft­li­che Unsi­cher­heit für brei­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten. Eine Wirt­schafts­po­li­tik, die auf nach­hal­ti­gem Wachs­tum und gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt beruht, müss­te statt­des­sen stär­ker auf Inves­ti­tio­nen in Bil­dung, Infra­struk­tur und eine soli­de sozia­le Absi­che­rung set­zen – also auf einen Ansatz, der von unten nach oben denkt, nicht umge­kehrt.


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