Donald Trump erzählt seit Jahren Geschichten über seine eigene Rolle nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Es sind Geschichten, in denen er nicht bloß Beobachter einer nationalen Katastrophe ist, sondern selbst immer näher an das Zentrum des Geschehens rückt: als Unternehmer, der seine Arbeiter zum Ground Zero schickt, als Mann, der bei den Aufräumarbeiten hilft, als Augenzeuge dramatischer Szenen und inzwischen sogar als jemand, der von Feuerwehrleuten persönlich aus einer gefährlichen Situation gerettet worden sein will. Das Problem ist nur: Je genauer man diese Erzählungen betrachtet, desto weniger stabil werden sie.
Unbestritten ist, dass Trump nach den Anschlägen in Lower Manhattan war. Bild- und Videoaufnahmen zeigen ihn dort am 13. September 2001, zwei Tage nach dem Einsturz der Türme. Schon damals erklärte er, Männer aus seinem Unternehmen seien im Einsatz und würden bei den Arbeiten helfen. Er sprach von mehr als hundert Beschäftigten und stellte in Aussicht, dass sich noch weitere anschließen würden. Dass Trump sich in den Tagen nach den Anschlägen in der Nähe des zerstörten World Trade Centers aufhielt, ist deshalb kein Mythos.
Etwas völlig anderes ist jedoch die Frage, welche Rolle er dort tatsächlich spielte. Für einen umfangreichen Hilfseinsatz von mehr als hundert Mitarbeitern seines Unternehmens gibt es bis heute keine überzeugende unabhängige Bestätigung. Ebenso wenig lässt sich nachweisen, dass Trump selbst bei den eigentlichen Bergungs- oder Aufräumarbeiten mitarbeitete. Angesichts der strengen Organisation des Katastrophengebiets wäre ein größerer Einsatz eigener Bautrupps zudem kaum eine informelle Angelegenheit gewesen. Hunderte Helfer bewegten sich dort nicht einfach auf eigene Faust. Polizei, Feuerwehr und andere Behörden koordinierten den Zugang und die Arbeiten.
Trotzdem wurde Trumps eigene Rolle im Laufe der Jahre immer dramatischer. Im September 2026 erzählte er erneut, er sei bereits am Tag nach den Anschlägen mit Bauarbeitern nach Downtown gegangen und habe dort lange und hart gearbeitet. Wenige Tage später fügte er eine weitere Episode hinzu: In der Nähe von One Liberty Plaza, einem Gebäude, bei dem zeitweise Einsturzgefahr befürchtet wurde, hätten zwei kräftige Feuerwehrleute ihn unter den Armen gepackt und aus der Gefahrenzone getragen.
Dass damals tatsächlich Sorge bestand, One Liberty Plaza könne ebenfalls einstürzen, ist plausibel und dokumentiert. Für Trumps persönliche Rolle in dieser Situation fehlt dagegen die Bestätigung. Es gibt keine bekannte zeitgenössische Aufnahme, keinen allgemein bekannten Einsatzbericht und keine verifizierte Aussage der beteiligten Feuerwehrleute, die diese Szene bestätigt. Bemerkenswert ist vor allem, wie sich aus einem realen historischen Ereignis nachträglich eine sehr persönliche Heldengeschichte entwickelt: Das Gebäude war gefährdet – und in Trumps Version befindet er sich mitten darin.
Dieses Muster findet sich auch in anderen Erzählungen über den 11. September. Trump hat im Laufe der Jahre unterschiedliche Darstellungen darüber gegeben, was er von den Anschlägen selbst gesehen habe. Aus Berichten, die er unmittelbar nach dem Ereignis teilweise noch als Informationen anderer schilderte, wurden später persönliche Beobachtungen. Besonders berüchtigt wurde seine Behauptung, in New Jersey hätten nach den Anschlägen Tausende Muslime den Einsturz der Türme gefeiert. Für ein solches Massenereignis gibt es keine belastbare Grundlage.
Selbst am Tag der Anschläge zeigte sich eine bemerkenswerte Tendenz, das historische Ereignis mit der eigenen Person und dem eigenen Besitz zu verbinden. Trump erklärte damals, sein Gebäude an der Wall Street sei nach dem Einsturz des World Trade Centers nun das höchste Gebäude in Downtown Manhattan. Auch das war falsch. Während New York noch unter dem unmittelbaren Schock der Katastrophe stand, tauchte in seiner öffentlichen Darstellung bereits die eigene Immobilie auf.
Gerade deshalb geht es bei diesen Geschichten um mehr als einzelne Ungenauigkeiten. Niemand kann aus der Distanz zweifelsfrei feststellen, welche Erinnerung Trump selbst für wahr hält, welche Episode im Laufe der Jahrzehnte in seinem Gedächtnis verändert wurde und wo bewusste Übertreibung beginnt. Feststellen lässt sich aber ein wiederkehrendes Prinzip: Seine eigene Bedeutung innerhalb der Geschichte wächst. Aus Anwesenheit wird Beteiligung, aus Beteiligung wird Hilfe, aus Hilfe wird persönliche Gefahr, und aus persönlicher Gefahr entsteht schließlich eine Erzählung, in der selbst Feuerwehrleute Trump retten müssen.
Bei einem Ereignis wie dem 11. September ist diese Art der Selbstinszenierung besonders heikel. Die Anschläge gehören zu den am intensivsten dokumentierten Ereignissen der jüngeren amerikanischen Geschichte. Fast 3.000 Menschen wurden getötet. Hunderte Feuerwehrleute, Polizisten und Rettungskräfte starben bei dem Versuch, andere zu retten. Viele weitere Helfer und Anwohner leiden bis heute an den gesundheitlichen Folgen. Die Erinnerung daran ist deshalb nicht einfach politische Folklore, in der jeder seine persönliche Anekdote beliebig ausschmücken kann.
Trump hat zweifellos das Recht, von seinen Erinnerungen an diesen Tag zu erzählen. Aber je außergewöhnlicher die behauptete eigene Rolle wird, desto wichtiger wird die Frage, was davon tatsächlich geschehen ist. Und genau dort entsteht das Problem: Die gesicherten Tatsachen ergeben ein deutlich bescheideneres Bild als die Geschichte, die Trump heute über sich selbst erzählt.
Belegt ist seine Anwesenheit in Lower Manhattan zwei Tage nach den Anschlägen. Nicht belegt sind dagegen zentrale Teile seiner immer wieder erzählten Geschichte über einen großen eigenen Hilfseinsatz, seine persönliche Arbeit bei den Aufräumarbeiten und die dramatische Rettung durch zwei Feuerwehrleute. Das macht die Geschichte politisch so aufschlussreich. Denn Trump erzählt nicht einfach nur von 9/11. Er schreibt sich selbst nachträglich immer tiefer in 9/11 hinein.