Der Stun­den­he­bel: Wenn aus Geld­an­la­ge ein Hoch­ge­schwin­dig­keits­spiel wird

Die Finanz­in­dus­trie hat ein bemer­kens­wer­tes Talent dafür ent­wi­ckelt, bekann­te Risi­ken nicht zu besei­ti­gen, son­dern sie neu zu ver­pa­cken und anschlie­ßend als Inno­va­ti­on zu ver­kau­fen. Die jüngs­te Idee aus der Welt der bör­sen­ge­han­del­ten Fonds fügt sich naht­los in die­ses Mus­ter ein: gehe­bel­te ETFs, die nicht mehr auf die Tages­be­we­gung einer Aktie zie­len, son­dern auf deren Ent­wick­lung inner­halb einer ein­zi­gen Stun­de. Was tech­nisch raf­fi­niert klingt, führt die Logik kurz­fris­ti­ger Spe­ku­la­ti­on auf eine neue Spit­ze.

Geplant sind Pro­duk­te, die die stünd­li­che Kurs­be­we­gung aus­ge­wähl­ter Akti­en und ETFs mit dem Fak­tor zwei nach­voll­zie­hen sol­len. Dar­un­ter befin­den sich hoch­li­qui­de und bei Pri­vat­an­le­gern beson­ders popu­lä­re Titel wie Nvi­dia und Micro­soft. Der ent­schei­den­de Unter­schied zu bereits exis­tie­ren­den gehe­bel­ten Ein­zel­ak­ti­en-ETFs liegt im Reset-Mecha­nis­mus. Wäh­rend klas­si­sche Pro­duk­te ihren Hebel in der Regel auf Tages­ba­sis neu aus­rich­ten, soll dies bei den neu­en Kon­struk­tio­nen nach jeder ein­zel­nen Stun­de gesche­hen.

Damit ver­än­dert sich nicht nur die tech­ni­sche Struk­tur, son­dern auch der Cha­rak­ter des Pro­dukts. Ein ETF war ursprüng­lich ein Instru­ment, das Anle­gern einen ein­fa­chen, trans­pa­ren­ten und ver­gleichs­wei­se kos­ten­güns­ti­gen Zugang zu Märk­ten ermög­li­chen soll­te. Ein Fonds, des­sen öko­no­mi­sche Logik im Stun­den­takt neu beginnt und des­sen Erfolg davon abhängt, kurz­fris­tigs­te Kurs­be­we­gun­gen rich­tig ein­zu­schät­zen, ent­fernt sich von die­sem Grund­ge­dan­ken erheb­lich. Er ist weni­ger Anla­ge­instru­ment als prä­zi­se kon­stru­ier­te Spe­ku­la­ti­ons­ma­schi­ne.

Beson­ders pro­ble­ma­tisch ist die Wir­kung der fort­lau­fen­den Hebe­lung. Ent­wi­ckelt sich ein Kurs über meh­re­re Stun­den kon­se­quent in die­sel­be Rich­tung, kön­nen sich Gewin­ne durch die wie­der­hol­te Neu­aus­rich­tung ver­stär­ken. Genau die­ser Effekt dürf­te einen erheb­li­chen Teil der Attrak­ti­vi­tät sol­cher Pro­duk­te aus­ma­chen. Doch die­sel­be Mecha­nik arbei­tet bei wech­sel­haf­ten Märk­ten gegen den Anle­ger. Steigt eine Aktie zunächst, fällt anschlie­ßend und been­det den Tag am Ende viel­leicht sogar mit einem mode­ra­ten Plus, kann ein stünd­lich zurück­ge­setz­ter Hebel den­noch zu einem Ver­lust füh­ren. Ent­schei­dend ist nicht nur, wo der Kurs endet, son­dern wel­chen Weg er dort­hin nimmt.

Damit wird ein ohne­hin kom­ple­xes Pro­dukt noch pfad­ab­hän­gi­ger. Der Anle­ger muss nicht ledig­lich mit sei­ner Ein­schät­zung der Rich­tung rich­tig­lie­gen. Er muss auch Timing, Schwan­kungs­in­ten­si­tät und Rei­hen­fol­ge der Kurs­be­we­gun­gen berück­sich­ti­gen. Das ist eine deut­lich anspruchs­vol­le­re Auf­ga­be als die pla­ka­ti­ve Bezeich­nung „zwei­fa­cher Hebel“ ver­mu­ten lässt. Die ver­meint­li­che Ein­fach­heit einer han­del­ba­ren ETF-Hül­le darf des­halb nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass das Risi­ko­pro­fil struk­tu­rell kom­pli­ziert ist.

Noch kri­ti­scher ist die Ziel­grup­pe. Gehe­bel­te ETFs wer­den bereits heu­te zu einem erheb­li­chen Teil von Pri­vat­an­le­gern gehan­delt. Gleich­zei­tig wird bei den geplan­ten Stun­den­pro­duk­ten aus­drück­lich vor­aus­ge­setzt, dass Nut­zer die Risi­ken ver­ste­hen und ihre Port­fo­li­os wäh­rend des gesam­ten Han­dels­ta­ges über­wa­chen kön­nen. Dar­in liegt ein offen­sicht­li­cher Wider­spruch. Ein Finanz­pro­dukt, des­sen sach­ge­rech­te Nut­zung per­ma­nen­te Auf­merk­sam­keit ver­langt, ist für den durch­schnitt­li­chen Anle­ger kaum ein Instru­ment zur Ver­mö­gens­an­la­ge. Es nähert sich viel­mehr einem pro­fes­sio­nel­len Tra­ding-Werk­zeug an, wird aber in einer Ver­pa­ckung ange­bo­ten, die vie­len Inves­to­ren aus dem klas­si­schen ETF-Spa­ren ver­traut ist.

Gera­de die­se Ver­traut­heit kann gefähr­lich sein. Der Begriff ETF genießt bei vie­len Anle­gern einen Ruf von Ein­fach­heit, Diver­si­fi­ka­ti­on und lang­fris­ti­ger Ori­en­tie­rung. Ein gehe­bel­ter Stun­den-ETF über­nimmt zwar die recht­li­che und han­dels­tech­ni­sche Form eines bör­sen­ge­han­del­ten Fonds, teilt aber kaum etwas mit der öko­no­mi­schen Logik eines breit gestreu­ten Index­pro­dukts. Wer bei­des gedank­lich in die­sel­be Kate­go­rie ein­ord­net, unter­schätzt womög­lich den Unter­schied zwi­schen Inves­tie­ren und kurz­fris­ti­ger Wet­te.

Hin­zu kommt die zuneh­men­de Eska­la­ti­ons­lo­gik inner­halb der Pro­dukt­ent­wick­lung. Nach­dem gehe­bel­te Ein­zel­ak­ti­en-ETFs bereits Tages­be­we­gun­gen ver­stär­ken, wird nun der Betrach­tungs­zeit­raum wei­ter ver­kürzt. Gleich­zei­tig haben die Auf­sichts­be­hör­den bei noch aggres­si­ve­ren Kon­struk­tio­nen mit drei- oder fünf­fa­chem Tages­he­bel bereits Gren­zen gezo­gen. Dass die Bran­che den­noch neue Wege sucht, die Inten­si­tät der Spe­ku­la­ti­on über kür­ze­re Reset-Zeit­räu­me zu erhö­hen, zeigt, wie stark der Wett­be­werb um immer auf­merk­sam­keits­stär­ke­re Pro­duk­te gewor­den ist.

Natür­lich lässt sich argu­men­tie­ren, dass erfah­re­ne Markt­teil­neh­mer sol­che Instru­men­te sinn­voll ein­set­zen kön­nen. Für kurz­fris­ti­ge tak­ti­sche Posi­tio­nie­run­gen kann ein genau defi­nier­tes Hebel­pro­dukt durch­aus einen Zweck erfül­len. Doch die­se mög­li­che pro­fes­sio­nel­le Anwen­dung beant­wor­tet nicht die wich­ti­ge­re Fra­ge: Wel­chen gesell­schaft­li­chen oder öko­no­mi­schen Nut­zen erzeugt eine immer fei­ne­re Zer­le­gung des Bör­sen­ta­ges in gehe­bel­te Wett­pe­ri­oden? Mehr Liqui­di­tät allein ist kein Qua­li­täts­merk­mal, und mehr han­del­ba­re Pro­duk­te bedeu­ten nicht auto­ma­tisch bes­se­re Kapi­tal­märk­te.

Die Gefahr besteht viel­mehr dar­in, dass tech­ni­scher Fort­schritt mit finan­zi­el­lem Fort­schritt ver­wech­selt wird. Nur weil sich ein Pro­dukt kon­stru­ie­ren lässt, das den Hebel jede Stun­de zurück­setzt, folgt dar­aus nicht, dass Anle­ger ein sol­ches Pro­dukt benö­ti­gen. Die ent­schei­den­de Inno­va­ti­on besteht hier nicht dar­in, Risi­ken zu redu­zie­ren oder Kapi­tal effi­zi­en­ter zu ver­tei­len. Sie besteht dar­in, bestehen­de Kurs­be­we­gun­gen stär­ker, schnel­ler und häu­fi­ger han­del­bar zu machen.

Soll­ten die Pro­duk­te tat­säch­lich zuge­las­sen wer­den und wie geplant auf den Markt kom­men, mar­kie­ren sie des­halb weni­ger einen Fort­schritt für Anle­ger als einen wei­te­ren Schritt zur Gami­fi­zie­rung des Wert­pa­pier­han­dels. Die Bör­se wird damit nicht ein­fa­cher, trans­pa­ren­ter oder lang­fris­ti­ger. Sie wird ledig­lich schnel­ler. Und Geschwin­dig­keit ist an den Finanz­märk­ten vor allem für jene ein Vor­teil, die sehr genau wis­sen, was sie tun.

Für alle ande­ren könn­te der Stun­den­he­bel vor allem eines bedeu­ten: weni­ger Zeit zum Nach­den­ken und mehr Mög­lich­kei­ten, sehr schnell Geld zu ver­lie­ren.


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