Deutsch­lands pro­ble­ma­ti­sche Part­ner­schaft mit den Emi­ra­ten

Mil­li­ar­den, Macht und Men­schen­rech­te

Der Staats­be­such des Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te in Deutsch­land wird in der gemein­sa­men Erklä­rung bei­der Regie­run­gen als Beginn einer neu­en Pha­se der Zusam­men­ar­beit prä­sen­tiert. Deutsch­land und die VAE wol­len ihre Bezie­hun­gen erheb­lich ver­tie­fen: bei Han­del und Inves­ti­tio­nen, Ener­gie, künst­li­cher Intel­li­genz, digi­ta­ler Infra­struk­tur, Ver­tei­di­gung und inne­rer Sicher­heit. Die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te kün­dig­ten Inves­ti­tio­nen in Deutsch­land in Höhe von 40 Mil­li­ar­den Euro an. Hin­zu kom­men 29 Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Unter­neh­men mit einem Gesamt­wert von mehr als 9,3 Mil­li­ar­den Euro. Auch eine enge­re Zusam­men­ar­beit im Ver­tei­di­gungs- und Sicher­heits­be­reich ist vor­ge­se­hen.
Auf­fäl­lig ist dabei die Spra­che der Erklä­rung. Deutsch­land und die Emi­ra­te bezeich­nen sich sinn­ge­mäß als ver­läss­li­che und gleich­ge­sinn­te Part­ner, die sich gemein­sam für Frie­den, Sicher­heit, Wohl­stand und die inter­na­tio­na­le Ord­nung ein­set­zen wol­len. Die­se Dar­stel­lung steht jedoch in einem deut­li­chen Span­nungs­ver­hält­nis zur poli­ti­schen Rea­li­tät in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten.

Die VAE sind kei­ne Demo­kra­tie west­li­chen Zuschnitts, son­dern ein auto­ri­tär regier­ter Bun­des­staat, in dem die Herr­scher­fa­mi­li­en der sie­ben Emi­ra­te die poli­ti­sche Macht bestim­men. Unab­hän­gi­ge poli­ti­sche Oppo­si­ti­on hat kaum Raum. Meinungs‑, Ver­ei­ni­gungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit sind stark ein­ge­schränkt. Human Rights Watch berich­tet, dass 2025 die Ver­ur­tei­lun­gen von 53 Men­schen­rechts­ver­tei­di­gern und Dis­si­den­ten in einem umstrit­te­nen Mas­sen­ver­fah­ren bestä­tigt wur­den. Die Orga­ni­sa­ti­on kri­ti­siert außer­dem weit gefass­te Anti­ter­ror­ge­set­ze, die gegen Regie­rungs­kri­ti­ker ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Amnes­ty Inter­na­tio­nal berich­tet eben­falls von will­kür­li­chen Inhaf­tie­run­gen, Ver­schwin­den­las­sen und unfai­ren Ver­fah­ren gegen poli­ti­sche Geg­ner und Akti­vis­ten.

Auch die Situa­ti­on vie­ler aus­län­di­scher Arbeits­kräf­te steht seit Jah­ren in der Kri­tik. Ein erheb­li­cher Teil der Bevöl­ke­rung der Emi­ra­te besteht aus Migran­tin­nen und Migran­ten, die ins­be­son­de­re im Bau­we­sen, in Dienst­leis­tun­gen und in pri­va­ten Haus­hal­ten arbei­ten. Amnes­ty Inter­na­tio­nal beschreibt wei­ter­hin Pro­ble­me wie aus­ste­hen­de Lohn­zah­lun­gen, über­lan­ge Arbeits­zei­ten, hohe Schul­den durch Ver­mitt­lungs­ge­büh­ren und eine star­ke Abhän­gig­keit vom jewei­li­gen Arbeit­ge­ber. Gewerk­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­on und öffent­li­cher Pro­test sind stark ein­ge­schränkt.

In der gemein­sa­men deutsch-emi­ra­ti­schen Erklä­rung spielt all dies prak­tisch kei­ne Rol­le. Wäh­rend Inves­ti­ti­ons­sum­men, neue Rechen­zen­tren, Ener­gie­pro­jek­te und Unter­neh­mens­ko­ope­ra­tio­nen detail­liert auf­ge­führt wer­den, fin­det sich kei­ne ver­gleich­bar deut­li­che For­de­rung nach poli­ti­scher Frei­heit, fai­ren Ver­fah­ren oder einem bes­se­ren Schutz von Arbeits­mi­gran­ten. Gera­de des­halb ent­steht der Ein­druck, dass wirt­schaft­li­che und stra­te­gi­sche Inter­es­sen für die Bun­des­re­gie­rung bei die­ser Part­ner­schaft deut­lich stär­ker wie­gen als die Men­schen­rechts­la­ge im Part­ner­staat.

Noch pro­ble­ma­ti­scher wird die­ses Bild mit Blick auf den Sudan. In ihrer gemein­sa­men Erklä­rung ver­ur­tei­len Deutsch­land und die Emi­ra­te Angrif­fe auf Zivi­lis­ten und huma­ni­tä­res Per­so­nal. Bei­de for­dern eine sofor­ti­ge huma­ni­tä­re Waf­fen­ru­he, einen dau­er­haf­ten Waf­fen­still­stand und sogar ein umfas­sen­des Waf­fen­em­bar­go für den Sudan.

Gleich­zei­tig gibt es erheb­li­che Hin­wei­se auf Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Emi­ra­ten und den para­mi­li­tä­ri­schen Rapid Sup­port Forces, kurz RSF. Die­se Miliz wird für schwe­re Kriegs­ver­bre­chen und Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit ver­ant­wort­lich gemacht. Human Rights Watch spricht von einer wach­sen­den Beweis­la­ge für mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung der RSF durch die VAE. Im Sep­tem­ber 2026 ver­wies die Orga­ni­sa­ti­on zudem auf Unter­su­chun­gen der UN-Ermitt­lungs­mis­si­on für den Sudan. Dem­nach spiel­ten Per­so­nen und Ein­rich­tun­gen, die in den Emi­ra­ten tätig, dort regis­triert oder mit ihnen ver­bun­den sind, eine bedeu­ten­de Rol­le in Netz­wer­ken zur Rekru­tie­rung, Finan­zie­rung und Ver­le­gung aus­län­di­scher Mili­tär­dienst­leis­ter sowie bei mili­tä­ri­scher Unter­stüt­zung zuguns­ten der RSF. Die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te wei­sen die Vor­wür­fe zurück.

Beson­ders schwer wie­gen Erkennt­nis­se über kolum­bia­ni­sche pri­va­te Mili­tär­kräf­te. Human Rights Watch doku­men­tier­te 2026, dass Hun­der­te kolum­bia­ni­sche Kämp­fer offen­bar über ein in Abu Dha­bi ansäs­si­ges Sicher­heits­un­ter­neh­men ange­wor­ben wur­den. Eini­ge von ihnen sol­len Mili­tär­stand­or­te in den Emi­ra­ten pas­siert haben, bevor sie im Sudan auf Sei­ten der RSF ein­ge­setzt wur­den. HRW konn­te sol­che Kämp­fer auch in El Fas­her ver­or­ten, wo die RSF nach der Ein­nah­me der Stadt im Okto­ber 2025 schwe­re Gräu­el­ta­ten beging.

Das bedeu­tet nicht, dass die VAE pau­schal als „Ter­ror­staat“ oder staat­li­cher Unter­stüt­zer ter­ro­ris­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen bezeich­net wer­den kön­nen. Eine sol­che Behaup­tung wür­de die ver­füg­ba­re Beweis­la­ge über­deh­nen. Sehr wohl aber besteht Anlass, die emi­ra­ti­sche Unter­stüt­zung bewaff­ne­ter Akteu­re und ihre Rol­le in regio­na­len Kon­flik­ten kri­tisch zu unter­su­chen. Gera­de beim Sudan ergibt sich ein offen­sicht­li­cher Wider­spruch: Ein Staat for­dert gemein­sam mit Deutsch­land ein Waf­fen­em­bar­go, wäh­rend zugleich schwer­wie­gen­de Vor­wür­fe bestehen, dass aus sei­nem Umfeld mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung für eine der bru­tals­ten Kon­flikt­par­tei­en des Lan­des orga­ni­siert wur­de.

Ähn­li­che Fra­gen stel­len sich mit Blick auf die frü­he­re Außen­po­li­tik der Emi­ra­te im Jemen und in Liby­en. Die VAE haben sich dort nicht auf Diplo­ma­tie beschränkt, son­dern eige­ne mili­tä­ri­sche Inter­es­sen ver­folgt und loka­le bewaff­ne­te Akteu­re unter­stützt. Die Emi­ra­te ver­ste­hen sich längst nicht nur als klei­ner Golf­staat, son­dern als Regio­nal­macht, die ihren poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ein­fluss mit erheb­li­chen finan­zi­el­len und sicher­heits­po­li­ti­schen Mit­teln absi­chert.

Umso bemer­kens­wer­ter ist, wie unkri­tisch die gemein­sa­me Erklä­rung Deutsch­lands und der Emi­ra­te über wei­te Stre­cken for­mu­liert ist. Beson­ders deut­lich ver­ur­teilt wer­den dar­in bei­spiels­wei­se ira­ni­sche Angrif­fe und Ver­stö­ße gegen inter­na­tio­na­les Recht. Deutsch­land und die VAE pochen auf staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät, ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät und die Frei­heit der inter­na­tio­na­len Schiff­fahrt. Die­se Prin­zi­pi­en sind zwei­fel­los wich­tig. Glaub­wür­dig wer­den sie jedoch erst dann, wenn sie gegen­über stra­te­gi­schen Part­nern mit der­sel­ben Kon­se­quenz ein­ge­for­dert wer­den.

Genau dar­in liegt das poli­ti­sche Pro­blem die­ser neu­en Part­ner­schaft. Deutsch­land erhält Zugang zu Kapi­tal, Ener­gie, wich­ti­gen Zukunfts­tech­no­lo­gien und einem ein­fluss­rei­chen Part­ner am Golf. Die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te wie­der­um gewin­nen wirt­schaft­li­chen Zugang, poli­ti­sche Aner­ken­nung und zusätz­li­che inter­na­tio­na­le Legi­ti­mi­tät. Die gemein­sa­men Inter­es­sen sind offen­sicht­lich. Weni­ger offen­sicht­lich ist, wel­chen Stel­len­wert dabei noch jene Wer­te haben, auf die sich deut­sche Außen­po­li­tik regel­mä­ßig beruft.

Eine Zusam­men­ar­beit mit den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten ist des­halb nicht grund­sätz­lich falsch. Außen­po­li­tik besteht zwangs­läu­fig auch aus Bezie­hun­gen zu Staa­ten, die nicht den eige­nen demo­kra­ti­schen Stan­dards ent­spre­chen. Pro­ble­ma­tisch wird sie jedoch, wenn wirt­schaft­li­che Inter­es­sen mit einer poli­ti­schen Spra­che ver­bun­den wer­den, die bestehen­de Wider­sprü­che nahe­zu voll­stän­dig aus­blen­det.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht, ob Deutsch­land mit den Emi­ra­ten reden, han­deln oder zusam­men­ar­bei­ten darf. Die Fra­ge lau­tet viel­mehr, ob eine deut­sche Regie­rung einen auto­ri­tä­ren Part­ner mit Mil­li­ar­den­in­ves­ti­tio­nen und erheb­li­chem geo­po­li­ti­schem Ein­fluss der­art auf­wer­ten soll­te, ohne Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und des­sen umstrit­te­ne Rol­le in regio­na­len Kon­flik­ten eben­so offen anzu­spre­chen.

Wer von einer „wer­te­ba­sier­ten Außen­po­li­tik“ spricht, muss sich gera­de an sol­chen Part­ner­schaf­ten mes­sen las­sen. Die gemein­sa­me Erklä­rung mit den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten zeigt dage­gen vor allem eines: Wenn wirt­schaft­li­che, ener­gie­po­li­ti­sche und stra­te­gi­sche Inter­es­sen groß genug sind, kön­nen Men­schen­rech­te sehr schnell an den Rand der diplo­ma­ti­schen Agen­da gera­ten.


Wenn man die gemein­sa­me Erklä­rung mit der doku­men­tier­ten Men­schen­rechts- und Außen­po­li­tik der VAE ver­gleicht, ent­steht ein deut­lich kri­ti­sche­res Bild:

In der deutsch-emi­ra­ti­schen Erklä­rungWas dabei weit­ge­hend aus­ge­blen­det wird
Deutsch­land und die VAE prä­sen­tie­ren sich als „relia­ble, like-min­ded part­ners“, die gemein­sam Frie­den, Sicher­heit und die inter­na­tio­na­le Ord­nung ver­tei­di­gen wol­len.Die VAE sind ein auto­ri­tär regier­ter Staat. Human Rights Watch berich­tet für 2025 unter ande­rem über die Ver­fol­gung von Regie­rungs­kri­ti­kern, pro­ble­ma­ti­sche Anti­ter­ror­ge­set­ze sowie unfai­re Ver­ur­tei­lun­gen von Men­schen­rechts­ver­tei­di­gern und Dis­si­den­ten.
Die Zusam­men­ar­beit bei Poli­zei, Sicher­heit und Ver­tei­di­gung soll aus­drück­lich ver­tieft wer­den.Gera­de bei staat­li­cher Repres­si­on bestehen erheb­li­che Men­schen­rechts­be­den­ken. Ein­schrän­kun­gen von Meinungs‑, Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit wer­den von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen regel­mä­ßig doku­men­tiert.
Die Erklä­rung hebt eine stra­te­gi­sche Part­ner­schaft für wirt­schaft­li­chen Wohl­stand her­vor; die VAE kün­di­gen Inves­ti­tio­nen von 40 Mil­li­ar­den Euro in Deutsch­land an.Die Lage vie­ler Arbeits­mi­gran­ten in den Emi­ra­ten bleibt pro­ble­ma­tisch. HRW berich­tet unter ande­rem über Lohn­raub, star­ke Abhän­gig­keit vom Arbeit­ge­ber und unzu­rei­chen­den Schutz von Beschäf­tig­ten.
Bemer­kens­wert ist die gemein­sa­me For­de­rung, im Sudan die Kämp­fe ein­zu­stel­len und ein Waf­fen­em­bar­go für das gesam­te Land durch­zu­set­zen.Genau hier liegt der wohl größ­te Wider­spruch: Es gibt inzwi­schen eine wach­sen­de Beweis­la­ge für Unter­stüt­zung der RSF durch die VAE. Die RSF wer­den mit Kriegs­ver­bre­chen, Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit und eth­ni­schen Säu­be­run­gen in Ver­bin­dung gebracht. HRW doku­men­tier­te 2026 außer­dem, dass kolum­bia­ni­sche Mili­tär­dienst­leis­ter über Ein­rich­tun­gen in den VAE zur Unter­stüt­zung der RSF gelang­ten. Die VAE bestrei­ten mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung.
Deutsch­land und die VAE ver­ur­tei­len Angrif­fe auf Zivi­lis­ten und huma­ni­tä­res Per­so­nal im Sudan.Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat 2026 nach Dar­stel­lung von HRW erst­mals die VAE aus­drück­lich als Akteur benannt, der den Sudan-Krieg mit anheizt, und ein Ende die­ser Unter­stüt­zung gefor­dert.
Bei Iran beto­nen bei­de Län­der sehr deut­lich Völ­ker­recht, Sou­ve­rä­ni­tät und ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät.Die VAE haben selbst in meh­re­ren regio­na­len Kon­flik­ten mili­tä­risch bzw. durch Unter­stüt­zung loka­ler Kräf­te Ein­fluss genom­men. Beson­ders kon­tro­vers sind neben Sudan die frü­he­ren Inter­ven­tio­nen in Jemen und Liby­en.
Das Papier spricht aus­führ­lich über Wirt­schaft, Ener­gie, KI, Rechen­zen­tren, Ver­tei­di­gung, Kul­tur und inter­na­tio­na­le Kon­flik­te.Die inne­re Men­schen­rechts­la­ge der VAE wird prak­tisch nicht the­ma­ti­siert. Poli­ti­sche Gefan­ge­ne, Mei­nungs­frei­heit, demo­kra­ti­sche Rech­te und die Situa­ti­on von Arbeits­mi­gran­ten spie­len in der Erklä­rung kei­ne erkenn­ba­re Rol­le.

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