Son­der­wirt­schafts­zo­nen für Deutsch­land? War­um regio­na­le För­de­rung allein nicht reicht

Die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung Deutsch­lands ver­läuft seit Jah­ren zuneh­mend ungleich. Beson­ders häu­fig rich­tet sich der Blick dabei auf Mit­tel­deutsch­land. Noch immer gibt es dort Regio­nen, die unter Abwan­de­rung, einer ver­gleichs­wei­se gerin­gen Unter­neh­mens­dich­te, dem demo­gra­fi­schen Wan­del und feh­len­den pri­va­ten Inves­ti­tio­nen lei­den. Vor die­sem Hin­ter­grund wur­de unter ande­rem von AfD-Chef Tino Chrup­al­la die Idee einer Son­der­wirt­schafts­zo­ne für Mit­tel­deutsch­land ins Spiel gebracht. Der Gedan­ke dahin­ter ist grund­sätz­lich nach­voll­zieh­bar: Unter­neh­men sol­len durch bes­se­re steu­er­li­che Bedin­gun­gen, weni­ger Büro­kra­tie und schnel­le­re Geneh­mi­gun­gen dazu bewegt wer­den, ver­stärkt in struk­tur­schwa­chen Regio­nen zu inves­tie­ren. Aller­dings greift eine aus­schließ­lich auf Mit­tel­deutsch­land aus­ge­rich­te­te Lösung zu kurz.

Denn wirt­schaft­li­che Struk­tur­pro­ble­me sind längst kein aus­schließ­lich mit­tel­deut­sches Phä­no­men. Auch in West­deutsch­land gibt es Regio­nen, die seit Jahr­zehn­ten mit indus­tri­el­lem Nie­der­gang, hoher kom­mu­na­ler Ver­schul­dung, einer schwa­chen Infra­struk­tur oder feh­len­den Zukunfts­in­ves­ti­tio­nen kämp­fen. Tei­le des Ruhr­ge­biets, das Saar­land und ver­schie­de­ne länd­li­che Regio­nen West­deutsch­lands ste­hen teil­wei­se vor ähn­li­chen Her­aus­for­de­run­gen wie struk­tur­schwa­che Gebie­te in Sach­sen, Sach­sen-Anhalt, Thü­rin­gen, Bran­den­burg oder Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Eine wirt­schafts­po­li­ti­sche Son­der­be­hand­lung allein nach der geo­gra­fi­schen Lage öst­lich oder west­lich der ehe­ma­li­gen inner­deut­schen Gren­ze wür­de des­halb an der tat­säch­li­chen Pro­blem­la­ge vor­bei­ge­hen.

Sinn­vol­ler wäre es, wirt­schaft­li­che För­der­ge­bie­te anhand objek­ti­ver Kri­te­ri­en fest­zu­le­gen. Ent­schei­dend könn­ten bei­spiels­wei­se Arbeits­lo­sig­keit, Pro­duk­ti­vi­tät, Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung, kom­mu­na­le Finanz­kraft, pri­va­te Inves­ti­ti­ons­tä­tig­keit, Infra­struk­tur oder die Ver­füg­bar­keit qua­li­fi­zier­ter Arbeits­kräf­te sein. Eine struk­tur­schwa­che Regi­on im Ruhr­ge­biet könn­te dann eben­so beson­de­re Bedin­gun­gen erhal­ten wie eine Regi­on in der Lau­sitz. Umge­kehrt müss­te ein wirt­schaft­lich dyna­mi­scher Stand­ort nicht allein des­halb zusätz­li­che Vor­tei­le bekom­men, weil er in Mit­tel­deutsch­land liegt.

Hin­zu kommt ein grund­sätz­li­ches Pro­blem: Vie­le der der­zei­ti­gen wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten Deutsch­lands las­sen sich durch eine Son­der­wirt­schafts­zo­ne über­haupt nicht lösen. Hohe Ener­gie­prei­se bei­spiels­wei­se betref­fen Unter­neh­men unab­hän­gig davon, ob sie in Sach­sen, Nord­rhein-West­fa­len oder Baden-Würt­tem­berg pro­du­zie­ren. Beson­ders ener­gie­in­ten­si­ve Bran­chen müs­sen sich nicht nur inner­halb Deutsch­lands behaup­ten, son­dern ste­hen im inter­na­tio­na­len Wett­be­werb. Wenn Strom, Gas und ande­re Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren dau­er­haft erheb­lich teu­rer sind als an kon­kur­rie­ren­den Stand­or­ten, kann eine regio­na­le Steu­er­erleich­te­rung die­sen Nach­teil nur begrenzt aus­glei­chen.

Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Fach­kräf­te­man­gel. Ein Unter­neh­men kann durch Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen oder güns­ti­ge Gewer­be­flä­chen durch­aus dazu bewegt wer­den, eine neue Pro­duk­ti­ons­stät­te zu errich­ten. Doch die­se Fabrik benö­tigt anschlie­ßend Inge­nieu­re, Elek­tri­ker, Mecha­tro­ni­ker, Fach­ar­bei­ter, IT-Spe­zia­lis­ten und vie­le wei­te­re qua­li­fi­zier­te Beschäf­tig­te. Feh­len die­se Men­schen, ent­steht durch regio­na­le För­de­rung mög­li­cher­wei­se ledig­lich ein Wett­be­werb zwi­schen deut­schen Regio­nen um die­sel­ben Arbeits­kräf­te. Neue wirt­schaft­li­che Wert­schöp­fung ent­steht dadurch nur ein­ge­schränkt.

Der demo­gra­fi­sche Wan­del ver­schärft die­ses Pro­blem zusätz­lich. In den kom­men­den Jah­ren wer­den gro­ße Tei­le der gebur­ten­star­ken Jahr­gän­ge aus dem Erwerbs­le­ben aus­schei­den. Deutsch­land benö­tigt des­halb nicht nur neue Inves­ti­tio­nen, son­dern zugleich eine umfas­sen­de Fach­kräf­testra­te­gie. Dazu gehö­ren eine bes­se­re beruf­li­che Aus­bil­dung, eine stär­ke­re tech­ni­sche und natur­wis­sen­schaft­li­che Bil­dung, höhe­re Erwerbs­be­tei­li­gung, mehr Auto­ma­ti­sie­rung sowie eine geziel­te Zuwan­de­rung qua­li­fi­zier­ter Arbeits­kräf­te. Wirt­schafts­po­li­tik und Arbeits­markt­po­li­tik las­sen sich an die­ser Stel­le nicht von­ein­an­der tren­nen.

Auch Infla­ti­on und all­ge­mein stei­gen­de Kos­ten belas­ten Inves­ti­tio­nen. Höhe­re Prei­se für Bau­leis­tun­gen, Maschi­nen, Dienst­leis­tun­gen und Löh­ne erhö­hen die Schwel­le für neue Unter­neh­mens­pro­jek­te. Gleich­zei­tig erschwe­ren umfang­rei­che Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren und regu­la­to­ri­sche Anfor­de­run­gen häu­fig eine schnel­le Umset­zung. Gera­de hier könn­te das Kon­zept einer Son­der­wirt­schafts­zo­ne tat­säch­lich inter­es­san­te Ansät­ze lie­fern. Eine Zone müss­te jedoch mehr bie­ten als blo­ße Sub­ven­tio­nen.

Statt Unter­neh­men mit immer neu­en staat­li­chen Zuschüs­sen anzu­lo­cken, könn­ten bestimm­te Regio­nen vor allem bes­se­re Rah­men­be­din­gun­gen erhal­ten. Denk­bar wären ver­bind­lich ver­kürz­te Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren, beschleu­nig­te Abschrei­bungs­mög­lich­kei­ten für neue Maschi­nen und Fabri­ken, nied­ri­ge­re loka­le Unter­neh­mens­steu­ern, voll­stän­dig erschlos­se­ne Indus­trie­flä­chen sowie eine leis­tungs­fä­hi­ge Verkehrs‑, Ener­gie- und Digi­tal­in­fra­struk­tur. Unter­neh­men könn­ten dadurch schnel­ler inves­tie­ren und lang­fris­ti­ger pla­nen. Der Staat wür­de weni­ger ein­zel­ne Pro­jek­te aus­wäh­len und finan­zie­ren, son­dern Bedin­gun­gen schaf­fen, unter denen pri­va­te Inves­ti­tio­nen attrak­ti­ver wer­den.

Ent­schei­dend ist außer­dem die Ener­gie­ver­sor­gung. Indus­trie­stand­or­te benö­ti­gen nicht nur mög­lichst nied­ri­ge, son­dern vor allem kal­ku­lier­ba­re Ener­gie­prei­se. Unter­neh­men, die Inves­ti­tio­nen über Jahr­zehn­te pla­nen, müs­sen ein­schät­zen kön­nen, wie sich ihre Pro­duk­ti­ons­kos­ten ent­wi­ckeln. Eine erfolg­rei­che Indus­trie­po­li­tik muss des­halb Ver­sor­gungs­si­cher­heit, Netz­aus­bau, aus­rei­chen­de Erzeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten und wett­be­werbs­fä­hi­ge Prei­se mit­ein­an­der ver­bin­den.

Eine Son­der­wirt­schafts­zo­ne könn­te unter die­sen Bedin­gun­gen ein sinn­vol­les Instru­ment sein, aber sie wäre kein Ersatz für eine grund­le­gen­de Reform der deut­schen Stand­ort­po­li­tik. Wenn Ener­gie teu­er bleibt, Geneh­mi­gun­gen jah­re­lang dau­ern, Fach­kräf­te feh­len und Unter­neh­men mit immer kom­ple­xe­ren Vor­schrif­ten kon­fron­tiert wer­den, kann man die­se Pro­ble­me nicht dau­er­haft durch regio­na­le Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen kom­pen­sie­ren.

Die sinn­vol­le­re Stra­te­gie wäre des­halb zwei­stu­fig. Deutsch­land müss­te zunächst bun­des­weit sei­ne wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen ver­bes­sern. Dazu gehö­ren wett­be­werbs­fä­hi­ge Ener­gie­prei­se, schnel­le­re Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, eine leis­tungs­fä­hi­ge Infra­struk­tur, bes­se­re Bedin­gun­gen für Inves­ti­tio­nen sowie eine lang­fris­ti­ge Fach­kräf­testra­te­gie. Zusätz­lich könn­ten beson­ders struk­tur­schwa­che Regio­nen als zeit­lich begrenz­te Ent­wick­lungs- oder Inves­ti­ti­ons­zo­nen aus­ge­wie­sen wer­den.

Eine sol­che Poli­tik wür­de die tra­di­tio­nel­le Ost-West-Per­spek­ti­ve über­win­den. Ent­schei­dend wäre nicht mehr, auf wel­cher Sei­te der ehe­ma­li­gen inner­deut­schen Gren­ze eine Regi­on liegt, son­dern wel­che wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen dort tat­säch­lich bestehen. Eine struk­tur­schwa­che Regi­on in Sach­sen hät­te eben­so Anspruch auf beson­de­re Unter­stüt­zung wie eine ver­gleich­ba­re Regi­on im Saar­land oder im Ruhr­ge­biet.

Die Idee einer Son­der­wirt­schafts­zo­ne ist daher nicht grund­sätz­lich falsch. Pro­ble­ma­tisch wird sie erst, wenn sie als ein­fa­che Ant­wort auf sehr unter­schied­li­che wirt­schaft­li­che Her­aus­for­de­run­gen ver­stan­den wird. Deutsch­lands Stand­ort­pro­ble­me sind inzwi­schen sowohl regio­nal als auch natio­nal. Wer dau­er­haft neue Unter­neh­men, Indus­trie­ar­beits­plät­ze und Inves­ti­tio­nen gewin­nen will, muss des­halb bei­de Ebe­nen mit­ein­an­der ver­bin­den: bes­se­re wirt­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen für das gesam­te Land und geziel­te Son­der­be­din­gun­gen für jene Regio­nen, die einen beson­de­ren struk­tu­rel­len Nach­hol­be­darf haben.


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