SEC erleich­tert Kryp­to-Akti­en­han­del

Über­blick: „Inno­va­ti­on Exemp­ti­on“ der SEC

Die US-Bör­sen­auf­sicht SEC hat eine tem­po­rä­re, an Bedin­gun­gen geknüpf­te Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung („Inno­va­ti­on Exemp­ti­on“) erlas­sen. Die­se befreit Han­dels­plät­ze für toke­ni­sier­te Wert­pa­pie­re (Toke­ni­zed Secu­ri­ties Venues, TSVs) zeit­wei­lig von der tra­di­tio­nel­len Defi­ni­ti­on einer „Bör­se“ (exch­an­ge) gemäß dem Secu­ri­ties Exch­an­ge Act of 1934.

Ziel ist es, den Sekun­där­markt­han­del mit toke­ni­sier­ten NMS-Akti­en (Natio­nal Mar­ket Sys­tem) über zugangs­be­schränk­te auto­ma­ti­sier­te Mar­ket Maker und Liqui­di­täts­pools (AMM Liqui­di­ty Pools) zu ermög­li­chen und zu tes­ten.

Wesent­li­che Inhal­te und Rege­lun­gen

  1. Rol­le der Han­dels­plät­ze (TSVs):
    • TSVs brin­gen Käu­fer und Ver­käu­fer zusam­men, indem sie zugangs­be­schränk­te (per­mis­sio­ned) AMM-Liqui­di­täts­pools bereit­stel­len und Zugangs­stan­dards defi­nie­ren.
  2. Bedin­gun­gen und Anle­ger­schutz­auf­la­gen:
    • Volu­men­gren­zen: Beschrän­kung der Anzahl han­del­ba­rer Aktien/Symbole und des Han­dels­vo­lu­mens.
    • Rech­te­gleich­heit: TSVs müs­sen sicher­stel­len, dass die toke­ni­sier­ten Akti­en die­sel­ben Rech­te und Pri­vi­le­gi­en gewäh­ren wie die ent­spre­chen­den tra­di­tio­nel­len Basis­ak­ti­en.
    • Emit­ten­ten­schutz: Bei einer Toke­ni­sie­rung durch Drit­te muss der Emit­tent der Basis­ak­tie vor­ab schrift­lich infor­miert wer­den und eine Mög­lich­keit zum Wider­spruch erhal­ten.
    • Trans­pa­ren­te Smart Con­tracts: Ver­wen­de­te Smart Con­tracts müs­sen audi­tier­bar und öffent­lich sein sowie auf einer öffent­li­chen, per­mis­si­on­less Block­chain lau­fen.
    • Syn­chro­ne Han­dels­stopps: Wird der Han­del der Basis­ak­tie an der tra­di­tio­nel­len Hei­mat­bör­se aus­ge­setzt, muss auch der Han­del des Tokens auf dem TSV unmit­tel­bar gestoppt wer­den.
    • Offen­le­gungs­pflich­ten: Ver­pflich­tung zur Ver­öf­fent­li­chung von Betriebs­da­ten und Han­dels­ak­ti­vi­tä­ten (auch bezüg­lich ver­bun­de­ner Unter­neh­men).
  3. Aus­nah­me für Liqui­di­täts­an­bie­ter (Dea­ler-Sta­tus):
    • Teil­neh­mer, die mit eige­nem Kapi­tal Liqui­di­tät in den AMM-Pools bereit­stel­len, wer­den unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen vor­über­ge­hend von der Ein­stu­fung als „Dea­ler“ (Händ­ler) aus­ge­nom­men.

Lauf­zeit und Aus­blick

  • Befris­tung: Die Aus­nah­me­re­ge­lung gilt für fünf Jah­re.
  • Öffent­li­ches Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren: Die SEC bit­tet Markt­teil­neh­mer und die Öffent­lich­keit um Stel­lung­nah­men und Feed­back, um die Erfah­run­gen für zukünf­ti­ge, dau­er­haf­te Regu­lie­run­gen des On-Chain-Han­dels zu nut­zen.

Kon­kret heißt das für Anle­ger: Die SEC hat nicht ein­fach „die Bör­se abge­schafft“ oder nor­ma­len Akti­en­han­del auf 24/7 umge­stellt. Sie hat einen begrenz­ten regu­la­to­ri­schen Weg geschaf­fen, auf dem bestimm­te ech­te US-Akti­en als Block­chain-Token gehan­delt wer­den kön­nen. Die SEC selbst beschreibt das als expe­ri­men­tel­le, fünf­jäh­ri­ge Aus­nah­me mit Mengen‑, Volu­men- und Trans­pa­renz­gren­zen.

Neh­men wir Nvi­dia als Bei­spiel. Wenn ein zuläs­si­ger Anbie­ter NVDA unter die­ser SEC-Aus­nah­me toke­ni­siert, könn­test du einen NVDA-Token hal­ten, der dir grund­sätz­lich die­sel­ben wirt­schaft­li­chen und gesell­schafts­recht­li­chen Rech­te ver­mit­teln muss wie die ent­spre­chen­de tra­di­tio­nel­le Aktie — ins­be­son­de­re Divi­den­den- und Stimm­rech­te. Ein rei­nes Pro­dukt, das nur den Nvi­dia-Kurs nach­bil­det, reicht dafür nicht. Die SEC nennt aus­drück­lich „No Syn­the­tics“.

Der wesent­li­che Unter­schied sieht so aus:

Pro­duktWas besitzt du wirt­schaft­lich?Aktio­närs­rech­teHan­del außer­halb nor­ma­ler Bör­sen­zei­ten
Nor­ma­le Nvi­dia-AktieNvi­dia-Aktie im klas­si­schen Bro­ker-/Clea­ring-Sys­temJaabhän­gig von Broker/Börsenplatz
SEC-kon­for­me toke­ni­sier­te Nvi­dia-Aktietoke­ni­sier­te Form mit den­sel­ben Rech­ten wie die AktieJatech­nisch auch onchain außer­halb klas­si­scher Zei­ten mög­lich
CFD auf Nvi­diaFor­de­rung gegen CFD-Anbie­ter auf Kurs­dif­fe­renzNeinhäu­fig stark erwei­ter­te Han­dels­zei­ten
syn­the­ti­scher Stock-TokenPro­dukt, das den Akti­en­kurs nach­bil­dettypi­scher­wei­se neinhäu­fig 24/7 mög­lich
bis­he­ri­ge xStocks-arti­ge Kon­struk­tio­nenje nach kon­kre­ter Struk­tur toke­ni­sier­te Expo­sure-/Ba­cked-Struk­turnicht auto­ma­tisch iden­tisch mit direk­tem Aktio­närs­sta­tushäu­fig 24/5 bzw. 24/7

Gera­de die letz­te Zei­le ist wich­tig: „Toke­ni­sier­te Aktie“ war bis­lang kein ein­heit­li­cher Rechts­be­griff. Man­che Pro­duk­te konn­ten öko­no­misch ziem­lich genau den Akti­en­kurs abbil­den, ohne dass der Käu­fer recht­lich die­sel­be Stel­lung hat­te wie ein ein­ge­tra­ge­ner bzw. wirt­schaft­li­cher Aktio­när. Die neue SEC-Aus­nah­me defi­niert für die dar­un­ter fal­len­den „Toke­ni­zed NMS Stocks“ wesent­lich kon­kre­te­re Anfor­de­run­gen.

Kannst du also Nvi­dia am Sonn­tag­abend kau­fen?

Tech­nisch: ja, das ist genau eine der Mög­lich­kei­ten, die sich dar­aus erge­ben kön­nen. Regu­la­to­risch und prak­tisch: nicht auto­ma­tisch ab die­sem Wochen­en­de.

Die SEC erlaubt den ent­spre­chen­den TSVs einen Onchain-Han­del über per­mis­sio­ned Auto­ma­ted Mar­ket Makers und Liqui­di­ty Pools. SEC-Kom­mis­sa­rin Hes­ter Peirce beschreibt die Ent­schei­dung aus­drück­lich als Schritt hin zu einem Markt, in dem toke­ni­sier­te Akti­en onchain gehan­delt wer­den kön­nen.

Aber dazu muss zunächst ein kon­kre­ter Han­dels­platz alle Vor­aus­set­zun­gen erfül­len, Nvi­dia tat­säch­lich lis­ten, genü­gend Liqui­di­tät bereit­stel­len und Nvi­dia darf gege­be­nen­falls nicht wider­spro­chen haben. Außer­dem gel­ten Sym­bol- und Volu­men­gren­zen. Des­halb folgt aus:

„Seit 17. Sep­tem­ber erlaubt“

nicht auto­ma­tisch:

„Seit 17. Sep­tem­ber kann jeder bei Coinbase/Kraken/Robinhood jeden belie­bi­gen S&P‑500-Wert sonn­tags um 3 Uhr mor­gens kau­fen.“

Das ist der viel­leicht wich­tigs­te Unter­schied.

Was pas­siert am Wochen­en­de mit dem Preis?

Hier wird es inter­es­sant. Stell dir vor, Nvi­dia schließt am Frei­tag an der Nasdaq bei $180. Am Sams­tag kommt eine kurs­re­le­van­te Nach­richt.

Ein Onchain-NVDA-Markt könn­te theo­re­tisch wei­ter­han­deln:

$180 → $184 → $188 → $186 …

wäh­rend die klas­si­sche Nasdaq geschlos­sen ist.

Wenn der tra­di­tio­nel­le Markt wie­der öff­net, tref­fen die­se bei­den Preis­bil­dungs­pro­zes­se wie­der auf­ein­an­der. Mar­ket Maker und Arbi­tra­geu­re dürf­ten ver­su­chen, Preis­dif­fe­ren­zen aus­zu­nut­zen.

Damit könn­te der Token­markt gewis­ser­ma­ßen zu einer zusätz­li­chen Preis­fin­dungs­pha­se außer­halb der klas­si­schen Han­dels­zei­ten wer­den.

Aber: Die SEC ver­langt, dass der TSV den Han­del stoppt, wenn der Han­del der zugrun­de lie­gen­den Aktie an ihrer pri­mä­ren Bör­se aus­ge­setzt wird. Es ist also kei­nes­wegs ein völ­lig unab­hän­gi­ger Par­al­lel­markt.

Was ist dar­an gegen­über einem nor­ma­len Bro­ker fun­da­men­tal neu?

Nicht die Tat­sa­che, dass Akti­en län­ger gehan­delt wer­den. Exten­ded-Hours- und Over­night-Ange­bo­te gibt es bereits.

Neu ist die Kom­bi­na­ti­on aus:

Aktie + Block­chain + Smart Con­tract + Onchain-Liqui­di­tät + poten­zi­ell kon­ti­nu­ier­li­chem Han­del + ech­ten Aktio­närs­rech­ten.

Die Smart Con­tracts müs­sen nach SEC-Vor­ga­be öffent­lich audi­tier­bar sein und auf einer öffent­li­chen, per­mis­si­on­less Dis­tri­bu­ted Led­ger lau­fen. Der tat­säch­li­che TSV-Han­del bleibt dage­gen per­mis­sio­ned, also nicht ein­fach völ­lig anonym für jeder­mann zugäng­lich.

Damit könn­te lang­fris­tig ein Teil des­sen zusam­men­wach­sen, was heu­te getrenn­te Sys­te­me sind: Bro­ker, Bör­se, Clea­ring, Sett­le­ment und Ver­wah­rung. SEC-Kom­mis­sar Uyeda nennt genau issu­an­ce, tra­ding, trans­fer, sett­le­ment und recor­ding owner­ship als Berei­che, die durch Toke­ni­sie­rung ver­än­dert wer­den könn­ten.

Und was bringt mir das?

Der unmit­tel­bars­te mög­li­che Vor­teil ist weni­ger das Schlag­wort „Block­chain“, son­dern Markt­zu­gang und Abwick­lung: län­ge­re Han­dels­zei­ten, pro­gram­mier­ba­re Trans­ak­tio­nen, poten­zi­ell schnel­le­re Über­tra­gung und neue Liqui­di­täts­mo­del­le.

Dafür ent­ste­hen ande­re Risi­ken. Ein AMM kann bei­spiels­wei­se zu bestimm­ten Zei­ten wesent­lich weni­ger liqui­de sein als Nasdaq. Zwi­schen Geld- und Brief­kurs kön­nen grö­ße­re Spreads ent­ste­hen. Smart-Con­trac­t‑, Wallet‑, Infra­struk­tur- und Ver­wah­rungs­ri­si­ken kom­men hin­zu. Und weil die­ses SEC-Regime bewusst ein Expe­ri­ment ist, kön­nen sich die Regeln nach den fünf Jah­ren erheb­lich ändern. Die SEC sagt aus­drück­lich, dass sie aus den Daten die­ser Pha­se ler­nen und dar­aus dau­er­haf­tes Regel­werk ent­wi­ckeln will.

Der für mich inter­es­san­tes­te Aspekt ist daher nicht ein­mal „Nvi­dia am Sonn­tag kau­fen“. Es ist die Fra­ge, was pas­siert, wenn sich die­se Struk­tur durch­setzt: Dann könn­te die jahr­zehn­te­al­te Auf­tei­lung zwi­schen Bör­se → Bro­ker → Clea­ring­haus → Ver­wah­rer → Aktio­när teil­wei­se neu orga­ni­siert wer­den.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater