Studie „Aktionärszahlen 2025“ des Deutschen Aktieninstituts:
1. Zentrale Kernergebnisse
Rekordniveau der Aktienbeteiligung
- 14,1 Millionen Menschen in Deutschland besitzen 2025 Aktien, Aktienfonds oder ETFs – das sind 2 Millionen mehr als 2024.
- Damit investieren 19,9 % der Bevölkerung ab 14 Jahren (nahezu jede fünfte Person) am Aktienmarkt.
- Auch ohne die erstmalige Einbeziehung der VL-Sparpläne wäre ein neuer Höchststand erreicht worden.
Einordnung:
Das markiert nicht nur einen kurzfristigen Boom, sondern bestätigt einen stabilen Aufwärtstrend seit 2016. Die Aussagekraft ist jedoch leicht relativiert, da methodische Erweiterungen (VL-Sparen) den Anstieg statistisch verstärken.
2. Struktur der Anlagen
Indirekte Anlage dominiert
- 12,1 Mio. Menschen besitzen Aktienfonds oder ETFs
- 4,9 Mio. halten Einzelaktien
- 9,2 Mio. investieren ausschließlich in Fonds/ETFs
- 2,0 Mio. ausschließlich in Einzelaktien
- 2,9 Mio. kombinieren beides
Bewertung:
Die klare Dominanz von Fonds und ETFs zeigt eine zunehmende Professionalisierung und Risikostreuung. Gleichzeitig deutet der erneute Anstieg bei Einzelaktien (erstmals seit 2022) auf wachsende Risikobereitschaft hin – potenziell getrieben durch Online-Broker und soziale Medien.
3. Sparpläne als Wachstumstreiber
- 5,3 Mio. Menschen nutzen 2025 einen Sparplan (+1,7 Mio. ggü. 2024).
- Besonders verbreitet bei ETFs (52 % der ETF-Anleger), weniger bei Einzelaktien (15 %).
Kritische Würdigung:
Sparpläne senken Eintrittshürden und fördern Disziplin. Allerdings besteht die Gefahr, dass Anleger die langfristigen Risiken unterschätzen, wenn Sparpläne als „automatisch sicher“ wahrgenommen werden.
4. Altersstruktur: Der Markt wird jünger
- 4,9 Mio. Unter-40-Jährige investieren – +1,2 Mio., also über 60 % des Gesamtwachstums.
- Jüngere nutzen überdurchschnittlich ETFs und Sparpläne.
Analyse:
Das stützt die These einer Generation „Selbstvorsorge“. Positiv ist die frühe Kapitalmarktbindung, problematisch jedoch die mögliche Überlagerung von kurzfristigen Trends (z. B. Hypes, Social Trading).
5. Geschlechtsspezifische Entwicklung
- 5,4 Mio. Frauen, 8,7 Mio. Männer mit Aktienanlage.
- Frauen verzeichnen +24 % Zuwachs, Männer +12 %.
Einordnung:
Der Aufholprozess der Frauen ist bemerkenswert, ändert aber noch nichts an der strukturellen Unterrepräsentation. Finanzbildung und gezielte Ansprache bleiben hier zentrale Aufgaben.
6. Regionale Unterschiede
- Spitzenreiter: Bayern, Baden-Württemberg, Hessen (je ~25 % Beteiligung).
- Süd-Nord- und West-Ost-Gefälle bestehen fort, wobei der Osten 2025 prozentual stärker zulegt.
Kritik:
Die enge Kopplung von Aktienbesitz und regionaler Wirtschaftskraft zeigt, dass der Kapitalmarkt keineswegs gleichmäßig in der Gesellschaft verankert ist. Strukturschwache Regionen bleiben zurück.
7. Einkommensabhängigkeit
- 47 % der Menschen mit >4.000 € Nettoeinkommen investieren.
- Nur 12 % unter 2.000 € Nettoeinkommen tun dies.
Deutliche Problematik:
Trotz aller positiven Trends bleibt Aktienanlage stark einkommenselitär. Die propagierte „Demokratisierung“ des Kapitalmarkts ist bislang nur teilweise Realität.
8. Politische Einordnung der Studie
Das Deutsche Aktieninstitut fordert:
- stärkere Nutzung des Kapitalmarkts in allen drei Säulen der Altersvorsorge,
- Altersvorsorgedepot, Frühstart-Rente,
- kapitalgedeckte Elemente auch in der gesetzlichen Rente,
- Verbreitung garantiefreier Modelle in der betrieblichen Altersvorsorge.
Kritische Bewertung:
Diese Position ist konsistent, aber interessengeleitet. Das Institut vertritt klar die Perspektive des Kapitalmarkts. Risiken wie Marktvolatilität, Krisenanfälligkeit und soziale Ungleichheit werden zwar indirekt adressiert, aber nicht systematisch problematisiert. Eine ausgewogene Reform müsste Kapitaldeckung mit sozialen Sicherungsmechanismen kombinieren.
9. Methodische Hinweise (wichtig für die Interpretation)
- Basis: repräsentative KANTAR-Umfrage (~28.000 Personen, 10 Wellen).
- Seit 2020: auch Nicht-Deutsche in der Stichprobe.
- 2025: erstmalige Einbeziehung von VL-Fondssparplänen.
Konsequenz:
Ein Teil des Wachstums ist methodisch bedingt. Der Trend ist real, die exakte Höhe des Zuwachses aber nicht vollständig „organisch“.
10. Gesamteinschätzung
Positiv:
- Breiter und nachhaltiger Anstieg der Aktienbeteiligung
- Starker Zuwachs bei jungen Menschen und Frauen
- Professionalisierung durch ETFs und Sparpläne
Problematisch / kritisch:
- Weiterhin starke Abhängigkeit von Einkommen, Region und Geschlecht
- Gefahr der Überidealisierung der Aktie als Allheilmittel für Altersvorsorge
- Politische Empfehlungen teilweise einseitig kapitalmarktorientiert
Fazit in einem Satz
Die Aktionärszahlen 2025 zeigen eine strukturell bedeutsame Öffnung der deutschen Gesellschaft gegenüber dem Kapitalmarkt, aber auch, dass diese Öffnung sozial unausgewogen, regional fragmentiert und politisch instrumentalisiert ist – Fortschritt ja, Durchbruch zur breiten Teilhabe nein.
Internationaler Vergleich
1. Einordnung vorab: Warum der internationale Vergleich heikel ist
Bevor wir Zahlen vergleichen, zwei methodische Punkte:
- Unterschiedliche Messgrößen
Manche Länder messen Haushalte, andere Personen, manche nur direkte Aktien, andere auch Fonds/ETFs und Altersvorsorgevehikel. - Unterschiedliche Rentensysteme
In Ländern mit schwacher oder teilprivatisierter staatlicher Rente ist Aktienbesitz funktional notwendig, in Deutschland historisch eher optional.
→ Der Vergleich ist sinnvoll, aber nicht 1:1 übertragbar.
2. Überblick: Aktienbeteiligung im internationalen Vergleich (grobe Größenordnungen)
| Land | Anteil der Bevölkerung mit Aktienanlagen | Charakter |
|---|---|---|
| USA | ca. 55–60 % | Massenphänomen |
| Kanada | ca. 50 % | breit verankert |
| Schweden | ca. 50 % | strukturell gefördert |
| Australien | ca. 40–45 % | zwangsweise kapitalgedeckt |
| UK | ca. 30–35 % | steuerlich gefördert |
| Niederlande | ca. 30 % | stark über Pensionsfonds |
| Frankreich | ca. 20–25 % | moderat |
| Deutschland | 19,9 % | aufholend, aber schwach |
| Italien | ca. 15–20 % | niedrig |
| Spanien | ca. 10–15 % | sehr niedrig |
Kernaussage:
Deutschland liegt nicht am Ende, aber klar im unteren Mittelfeld – insbesondere im Vergleich zu angelsächsischen und skandinavischen Ländern.
3. Ländermodelle im Detail
3.1 USA – Aktienbesitz als Normalzustand
Struktur:
- 401(k), IRA, Pensionsfonds → kapitalmarktbasiert
- Aktienfonds und ETFs sind Standardprodukte
- Arbeitgeber beteiligen sich oft am Sparen
Wirkung:
- Aktienbesitz ist gesellschaftlich normalisiert
- Bereits Mittel- und Unterschicht investiert regelmäßig
Kritische Einordnung:
- Hohe Vermögensungleichheit
- Starke Abhängigkeit der Altersvorsorge vom Markt → hohes individuelles Risiko
Kurz:
In den USA ist Aktienbesitz keine „Finanzentscheidung“, sondern Teil der sozialen Infrastruktur.
3.2 Schweden – staatlich orchestrierte Kapitalmarktbeteiligung
Struktur:
- Prämienrente: Teil der gesetzlichen Rente wird automatisch in Fonds investiert
- Zusätzlich: ISK-Konto (steuerlich begünstigt, ohne Haltefristen)
Wirkung:
- Sehr hohe Aktien- und Fondsquote in der Bevölkerung
- Frühzeitige Gewöhnung an Kapitalmarktlogik
Kritische Einordnung:
- Staat übernimmt Erziehungsfunktion
- Aber: auch hier Risiken bei Markteinbrüchen, politisch sensibel
Kurz:
Schweden zeigt, dass politische Architektur Verhalten massiv steuert.
3.3 Australien – Zwangskapitalismus
Struktur:
- Superannuation: verpflichtende Einzahlungen (ca. 10–11 % des Einkommens)
- Gelder werden kapitalmarktbasiert investiert
Wirkung:
- Nahezu jeder Erwerbstätige ist indirekt Aktionär
- Enorme Kapitalmarktbeteiligung
Kritische Einordnung:
- Hohe Marktabhängigkeit
- Wenig individuelle Kontrolle
Kurz:
Hier ist Aktienbesitz keine Wahl, sondern Systemzwang.
3.4 Vereinigtes Königreich – steuerliche Anreize statt Zwang
Struktur:
- ISA-Konten (steuerfrei)
- Auto-Enrolment in Betriebsrenten
Wirkung:
- Deutlich höhere Beteiligung als in Deutschland
- Besonders Mittelschicht stark eingebunden
Kritische Einordnung:
- Funktioniert gut, aber sozial selektiv
- Untere Einkommensschichten bleiben zurück
3.5 Niederlande – Pensionsfonds-Staat
Struktur:
- Sehr starke betriebliche Pflichtpensionsfonds
- Hohe Aktienquote auf Systemebene
Wirkung:
- Individuell oft kein Direktbesitz, aber hohe indirekte Kapitalmarktbeteiligung
Kritische Einordnung:
- Wenig Transparenz für Bürger
- Abhängigkeit von Fondsmanagement
Kurz:
Die Niederlande sind kapitalmarktorientiert, ohne dass es sich „so anfühlt“.
3.6 Frankreich, Italien, Spanien – ähnliche Probleme wie Deutschland
Gemeinsame Merkmale:
- starke staatliche Umlagesysteme
- geringere Aktienkultur
- hohe Sicherheitsorientierung
- geringes Vertrauen in Finanzmärkte
Unterschiede:
- Frankreich etwas aktienfreundlicher (PEA-Konto)
- Südeuropa deutlich zurückhaltender
Kurz:
Kontinentaleuropa teilt die kulturelle Skepsis gegenüber Aktien.
4. Deutschland im Ländervergleich – strukturelle Ursachen
Warum Deutschland hinterherhinkt:
4.1 Historische Prägung
- Hyperinflation 1923
- Währungsreform 1948
- Börsencrashs (Telekom, Dotcom)
→ Kollektives Trauma, keine Aktionärstradition
4.2 Sozialstaatliche Komfortzone
- Lange Zeit: „Die Rente reicht“
- Starker Umlagefokus
→ Kein Zwang zur Selbstvorsorge
4.3 Finanzbildung
- Kaum ökonomische Bildung in Schulen
- Aktien = „Zocken“ im öffentlichen Diskurs
→ Normativ negative Codierung
4.4 Politische Ambivalenz
- Angst vor „Aktienrente“ als Wahlkampfrisiko
- Starkes Sicherheitsdenken (Garantien, Riester etc.)
→ Politische Mutlosigkeit
5. Kritischer Vergleich: Was zeigt der internationale Blick wirklich?
These 1:
Hohe Aktienquote ist kein Kulturphänomen, sondern Systemdesign.
USA, Schweden, Australien zeigen:
Wenn der Staat Kapitalmarkt einbaut, folgt die Bevölkerung.
These 2:
Freiwilligkeit allein reicht nicht.
Deutschland setzt fast ausschließlich auf Appell und Bildung – andere Länder auf Struktur und Automatismus.
These 3:
Mehr Aktien heißt nicht automatisch mehr Gerechtigkeit.
USA und Australien zeigen:
- hohe Beteiligung
- aber auch hohe Ungleichheit und Absturzrisiken
→ Kapitalmarktintegration ohne soziale Flankierung verstärkt Spaltung.
6. Zusammenfassendes Fazit
In zugespitzter Form:
Deutschland ist kein Sonderfall, sondern ein Spätstarter.
Andere Länder sind weiter, weil sie den Kapitalmarkt institutionell erzwungen oder massiv begünstigt haben – nicht, weil ihre Bürger „mutiger“ oder „klüger“ wären.
Oder noch klarer:
Die Frage ist nicht, ob Deutsche „zu ängstlich“ sind.
Die Frage ist, warum der Staat ihnen jahrzehntelang keinen strukturellen Grund gegeben hat, Aktionär zu werden.
