1. Besonderheit von Indizes gegenüber Einzelaktien
Indizes verhalten sich strukturell anders als Einzelwerte:
- Diversifikationseffekt: Schwache Titel werden durch starke kompensiert.
- Regelmäßige Neugewichtung: Verlierer fliegen raus, Gewinner rücken nach.
- Qualitätsdrift nach oben: Langfristig bleiben die erfolgreichsten Unternehmen im Index.
Konsequenz:
Allzeithochs bei Indizes sind statistisch normaler und weniger „gefährlich“ als bei Einzelaktien.
2. Warum Allzeithochs bei Indizes oft Anschlusskäufe begünstigen
2.1. Strukturelle Käufer
- ETF-Sparpläne
- Pensionsfonds
- Versicherungen
Diese kaufen unabhängig vom Kursniveau regelmäßig nach.
→ Aufwärtsbewegungen werden automatisch verstärkt.
2.2. Makrologik
Index-Allzeithochs entstehen meist bei:
- wirtschaftlichem Wachstum
- steigenden Gewinnen
- expansiver Geldpolitik
- stabiler Beschäftigung
→ Das Umfeld ist realwirtschaftlich unterstützend.
2.3. Historische Evidenz
Empirisch gilt:
- Der S&P 500 markiert im Schnitt alle 20–30 Handelstage neue Hochs in starken Bullenmärkten.
- Die Mehrheit der Allzeithochs wird nicht unmittelbar von Crashs gefolgt, sondern von weiteren Anstiegen.
Kernaussage:
Bei Indizes ist „hoch“ kein Ausnahmezustand, sondern oft der Normalzustand im Aufwärtstrend.
3. Wann Index-Allzeithochs kritisch werden
3.1. Bewertungsentkopplung
Wenn:
- KGV, Shiller-KGV, Market Cap / GDP extrem sind
- Gewinnwachstum stagniert
- Margen historisch unhaltbar hoch sind
→ Allzeithoch = Warnsignal, nicht Stärke.
3.2. Marktbreite bricht ein
Gefährlich ist, wenn:
- nur noch wenige Schwergewichte (z. B. Big Tech) den Index tragen
- die Mehrheit der Titel bereits fällt
→ Klassisches Muster vor größeren Korrekturen.
3.3. Liquiditätswende
Wenn:
- Notenbanken straffen
- Zinsen stark steigen
- Kreditvergabe einbricht
→ Allzeithochs können Distributionsphasen sein.
4. Zentrale Differenzierung für Indizes
Für Indizes gilt stärker als für Einzelaktien:
Allzeithoch = Ausdruck funktionierender Marktmechanik, nicht zwangsläufig Überbewertung.
Während bei Einzelaktien ein ATH oft Euphorie signalisiert, ist es bei Indizes häufig:
- Ergebnis von Gewinnwachstum
- Kapitalzuflüssen
- strukturellem Zwangskauf
5. Kritische Gesamteinordnung
Kurzfassung:
- Ja, bei Indizes sind Allzeithochs häufig ein Zeichen für hohe Kaufbereitschaft und Anschlusskäufe.
- Aber: Nur solange
- Marktbreite gesund ist
- Liquidität vorhanden ist
- Fundamentaldaten mitziehen
Problematisch wird es, wenn:
- das Hoch nur noch von wenigen Titeln getragen wird
- Bewertungen historisch extrem sind
- Geldpolitik dreht
Dann ist das Allzeithoch eher Spätzyklus- als Stärke-Signal.
6. Klartext
Die Aussage
„Index auf Allzeithoch = Gefahr, jetzt nicht mehr einsteigen“
ist statistisch falsch.
Aber ebenso falsch ist:
„Index auf Allzeithoch = bedenkenlos kaufen“.
Korrekt ist:
Index-Allzeithochs sind im Aufwärtstrend normal – ihre Qualität entscheidet über ihre Aussagekraft.
