1. Ausgangsfrage und Kontext
Der Policy Brief („Amerikas Eigentor: Wer zahlt die Zölle?“) untersucht die zentrale handelspolitische Frage, wer die Kosten der 2025 von den USA eingeführten Importzölle tatsächlich trägt.
Ausgangspunkt sind die sogenannten „Liberation Day“-Zölle vom 2. April 2025, die zu den umfassendsten Zollmaßnahmen in der US-Geschichte zählen:
- pauschaler Basiszoll von 10 % auf nahezu alle Importe
- zusätzliche länderspezifische Zölle
- sektorale Sonderzölle (u. a. Autos, Stahl, Aluminium)
- zeitweise Zollsätze von über 100 % gegenüber China
Politisch wurden diese Maßnahmen mit dem Argument gerechtfertigt, ausländische Exporteure würden die Zölle bezahlen und die USA könnten so Einnahmen erzielen, ohne eigene Verbraucher zu belasten.
2. Zentrale Ergebnisse
Die Analyse kommt zu einem klaren Ergebnis:
- 96 % der Zollkosten werden von amerikanischen Importeuren und Konsumenten getragen
- nur etwa 4 % werden von ausländischen Exporteuren absorbiert
Damit widerspricht der Bericht deutlich der politischen Rhetorik der US-Regierung.
Wesentliche Befunde:
- US-Importpreise steigen nahezu eins zu eins mit den Zöllen
- Exportpreise aus dem Ausland bleiben fast unverändert
- Handelsvolumina gehen deutlich zurück
- die Zölle wirken faktisch wie eine Konsumsteuer für Amerikaner
3. Datengrundlage und Methodik
3.1 Umfangreiche Mikrodaten
Die Studie nutzt außergewöhnlich detaillierte Handelsdaten:
- über 25 Millionen einzelne Importtransaktionen
- Gesamtwert von knapp 4 Billionen US-Dollar
- tägliche Beobachtungen (statt Monatsdaten)
- Informationen zu:
- Gewicht
- Menge
- Zollwert
- Herkunftsland
- Produkt (HS-Klassifikation)
Diese Daten erlauben eine präzise Messung tatsächlicher Importpreise pro Einheit.
3.2 Empirischer Ansatz
Die Autoren schätzen den Zusammenhang zwischen:
- geltendem Zollsatz
- Preis pro Einheit der importierten Ware
Durch umfangreiche Fixed Effects werden kontrolliert:
- globale Preisschwankungen
- Produktqualität
- Transportkosten
- zeitgleiche Nachfrageschocks
So wird der kausale Effekt der Zölle isoliert.
4. Hauptergebnis: Nahezu vollständige Weitergabe
Die zentrale Schätzung ergibt:
- Zollkoeffizient: −0,039
Interpretation:
- Erhöhung des Zolls um 10 Prozentpunkte
→ Senkung des Exportpreises um nur 0,39 %
Beispiel:
- Bei einem Zoll von 25 % sinkt der Exportpreis um weniger als 1 %
- Der Importpreis inklusive Zoll steigt um rund 24 %
Folge:
Die Zollbelastung wird fast vollständig auf US-Käufer überwälzt.
5. Anpassung erfolgt über Mengen, nicht über Preise
Die Studie zeigt ein klares Muster:
- Preise bleiben stabil
- Mengen brechen ein
Zölle führen somit zu:
- geringeren Importvolumina
- weniger Warenvielfalt
- gestörten Lieferketten
Nicht aber zu niedrigeren Preisen aus dem Ausland.
6. Evidenz aus Fallstudien
6.1 Brasilien (50 %-Zoll im August 2025)
- plötzlicher, flächendeckender Zollschock
- Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Ländern
Ergebnis:
- keine signifikante Senkung der Exportpreise
- Handelsmengen gehen zurück
- vollständige Weitergabe des Zolls an US-Importeure
6.2 Indien (25–50 %-Zölle)
Besonders aussagekräftig, da indische Exportzollstatistiken (FOB-Preise) genutzt werden können.
Vergleich:
- Exporte in die USA
- vs. Exporte in EU, Kanada und Australien (ohne neue Zölle)
Ergebnis:
- Exportpreise in die USA bleiben unverändert
- Exportmengen sinken um 18–24 %
Damit ist ausgeschlossen, dass die Ergebnisse durch Transport- oder Versicherungskosten verzerrt sind.
7. Warum Exporteure die Zölle nicht „schlucken“
Der Bericht nennt mehrere Gründe:
- Alternative Absatzmärkte
Exporte können in andere Regionen umgeleitet werden. - Unwirtschaftlichkeit von Preissenkungen
Ein 50 %-Zoll müsste durch massive Preisnachlässe kompensiert werden, die Gewinne zerstören würden. - Erwartungen über temporäre Zölle
Bei möglicher politischer Rücknahme lohnen dauerhafte Preisanpassungen nicht. - Träge Lieferketten
US-Importeure können kurzfristig oft nicht den Anbieter wechseln, was Exporteuren Preissetzungsmacht gibt.
8. Wer trägt letztlich die Kosten?
Die Belastungskette verläuft wie folgt:
- Importeure zahlen den Zoll an der Grenze
- Großhändler und Hersteller geben Kosten weiter
- Einzelhandel erhöht Preise
- Konsumenten tragen die finale Last
Zusätzlich entstehen:
- Wohlfahrtsverluste
- geringere Produktvielfalt
- ineffiziente Produktionsverlagerungen
Diese Kosten übersteigen laut ökonomischer Theorie die reinen Zolleinnahmen deutlich.
9. Wirtschaftspolitische Bewertung
Der Policy Brief zieht mehrere klare Schlussfolgerungen:
- Zölle sind eine Steuer auf Amerikaner, nicht auf Ausländer.
- 200 Milliarden US-Dollar Mehreinnahmen entsprechen exakt einer Belastung amerikanischer Haushalte.
- Zölle bewirken keinen Wohlstandstransfer aus dem Ausland, sondern lediglich vom privaten Sektor zum Staat.
- Die Maßnahmen von 2025 wiederholen die Fehler des Handelskriegs 2018–19.
- Es gibt keine empirische Evidenz, dass moderne Zölle ausländische Produzenten nennenswert belasten.
10. Gesamtfazit
Der Policy Brief kommt zu einem eindeutigen Schluss:
- Die US-Zölle von 2025 sind ökonomisch wirkungslos als Druckmittel gegen ausländische Produzenten.
- Sie fungieren faktisch als verdeckte Konsumsteuer.
- Der politische Nutzen ist gering, die volkswirtschaftlichen Kosten hoch.
Im Ergebnis zahlen nicht China, Indien oder Brasilien – sondern amerikanische Unternehmen und Haushalte.
Die Zölle sind daher im wörtlichen Sinne:
ein Eigentor.
Quelle: Kiel Policy Briefs
„Amerikas Eigentor: Wer zahlt die Zölle?“ (Januar 2026)
Kiel Institut für Weltwirtschaft
