Siebter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
vom 09.12.2025
Das Parlament hat am Freitag, 27. März 2026, über den Siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung mit dem Titel „Lebenslagen in Deutschland“ diskutiert.
Der Bericht analysiert die Lebenslagen, die Einkommens- und Vermögensverteilung sowie die soziale Mobilität in Deutschland, stark geprägt durch die jüngsten Krisenjahre.
Erstmals wurden für diesen Bericht auch Menschen mit direkter Armutserfahrung aktiv in die Erstellung (über Befragungen und Fokusgruppen) einbezogen.
Die zentralen Kernpunkte und Ergebnisse des über 500-seitigen Dokuments zusammengefasst:
1. Rahmenbedingungen: Die „Poly-Krise“
Der Berichtszeitraum (hauptsächlich 2021–2024/25) war von massiven externen Schocks geprägt: der COVID-19-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine mit der darauffolgenden Energiekrise und Rekordinflation. Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen wie der demografische Wandel, der Fachkräftemangel und die ökologische/digitale Transformation.
2. Einkommens- und Vermögensverteilung
- Einkommen: Vor den Krisen (bis 2020) stiegen die Realeinkommen deutlich. Durch die hohe Inflation der Jahre 2022/2023 kam es jedoch zu starken Reallohnverlusten, die erst 2024 durch deutliche Lohnsteigerungen, Inflationsausgleichsprämien und die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns (auf 12 Euro im Herbst 2022) wieder ausgeglichen wurden.
- Vermögen: Deutschland ist ein wohlhabendes Land, aber das Vermögen ist stark ungleich verteilt. Die obersten 10 Prozent besitzen 54 Prozent des gesamten Nettovermögens, während die untere Hälfte der Bevölkerung nur über rund 3 Prozent verfügt. Der Gini-Koeffizient für Vermögen liegt bei hohen 0,72 (beim Einkommen bei ca. 0,30). Erbschaften und Immobilienbesitz sind die Haupttreiber für Vermögensaufbau.
- Armutsrisiko: Die Armutsrisikoquote verharrt auf einem relativ hohen Niveau (je nach statistischer Quelle zwischen 14 und über 17 Prozent). Besonders armutsgefährdet sind Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen mit geringer Bildung und Personen mit Migrationshintergrund.
3. Auswirkungen von Inflation und Corona
- Inflation: Die Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln trafen untere Einkommensgruppen überproportional hart, da sie einen viel größeren Teil ihres Budgets für diese Grundbedürfnisse aufwenden müssen. Dies führte bei vielen zu einem erzwungenen Konsumverzicht (z. B. weniger frische Lebensmittel, weniger Heizen).
- Staatliche Hilfen: Die Entlastungspakete der Bundesregierung (z. B. Energiepreisbremsen, Einmalzahlungen, Wohngeldreform) haben die schlimmsten Härten abgefedert, wirkten aber teils nach dem „Gießkannenprinzip“ und erreichten auch Haushalte, die nicht zwingend bedürftig waren.
4. Soziale Mobilität
Die Chancen, auf- oder abzusteigen, sind in Deutschland weiterhin stark von der sozialen Herkunft abhängig (geringe Durchlässigkeit). Wer einmal in Armut gerät, hat es schwer, dort wieder herauszukommen (verfestigte Armut). Bildung und Erwerbstätigkeit (besonders Vollzeit) bleiben die wichtigsten Faktoren für einen sozialen Aufstieg.
5. Zentrale Lebenslagen (Detailbereiche)
- Erwerbsleben: Der Arbeitsmarkt zeigte sich sehr robust. Die Erwerbstätigkeit ist auf einem Rekordhoch, gleichzeitig herrscht Fachkräftemangel. Dennoch bleibt Langzeitarbeitslosigkeit ein Problem. Der Niedriglohnsektor ist durch die Mindestlohnerhöhung geschrumpft.
- Bildung: Die Herkunft bestimmt in Deutschland nach wie vor stark den Bildungserfolg. Die Corona-Pandemie hat bestehende Bildungsungerechtigkeiten (durch Schulschließungen und Distanzlernen) weiter verschärft. Es gibt einen besorgniserregenden Trend zu mehr leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern (PISA/IQB-Studien).
- Wohnen: Wohnen ist für Haushalte mit niedrigem Einkommen zu einer existentiellen Belastung geworden. In Ballungsräumen steigen die Mieten rasant; viele einkommensschwache Haushalte gelten als „wohnkostenüberlastet“ (sie geben mehr als 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus).
- Gesundheit: Es gibt einen starken sozialen Gradienten: Wer arm ist, ist häufiger krank und stirbt früher. Das Risiko für chronische Krankheiten, Adipositas oder psychische Leiden (auch bei Kindern) ist in unteren Einkommensschichten deutlich erhöht.
- Gesellschaftliche und politische Teilhabe: Armut führt oft zu sozialer Isolation und Einsamkeit. Menschen mit geringem Einkommen oder Armutserfahrung beteiligen sich seltener an Wahlen, sind weniger in Vereinen engagiert und vertrauen politischen Institutionen weniger.
6. Klimawandel und Transformation
Ein neuer, wichtiger Schwerpunkt des Berichts. Der Klimawandel trifft ärmere Menschen härter (z. B. durch Wohnen in schlecht isolierten Häusern oder in städtischen Hitzeinseln). Gleichzeitig verursachen reiche Menschen durch ihren Konsum (Flugreisen, große Autos/Wohnungen) deutlich mehr CO2. Die Politik steht vor der Herausforderung, Maßnahmen wie die CO2-Bepreisung sozial gerecht zu gestalten (z. B. durch ein Klimageld oder soziale Förderungen beim Heizungstausch), um die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht zu gefährden.
7. Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen (Verdeckte Armut)
Viele Menschen machen ihre berechtigten Ansprüche auf Sozialleistungen (wie Bürgergeld, Kinderzuschlag oder Wohngeld) nicht geltend. Die Gründe sind vielfältig: Überforderung mit der Bürokratie („Leistungsdschungel“), Unwissenheit, Scham oder die Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung auf Ämtern. Die Regierung plant hier Entbürokratisierung und stärkere Digitalisierung.
Fazit der Bundesregierung (Maßnahmen)
Der Bericht listet auf, was die Regierung (meist die „Ampel“-Koalition bis zu ihrem Bruch bzw. den Neuwahlen) unternommen hat: Einführung des Bürgergeldes (mit höheren Regelsätzen), Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro (später 12,82 Euro), Ausweitung des Wohngeldes (Wohngeld-Plus), die Kindergelderhöhung, das Startchancen-Programm für Schulen in Brennpunkten und die Einführung des Deutschlandtickets zur Sicherung von Mobilität. Der Bedarf an weiterer armutspräventiver Politik, besonders bei Kindern und Langzeitarbeitslosen, wird als anhaltend hoch bewertet.
Quelle: Drucksache 21/3250