Bürgergeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Ein Sozialstaat in der Zerreißprobe

Wenn in deutschen Podcasts über das Bürgergeld diskutiert wird, dann prallen nicht nur politische Konzepte aufeinander, sondern auch Menschenbilder, Weltanschauungen und Gesellschaftsentwürfe. So geschehen auch in einem bemerkenswerten Gespräch zwischen Markus Lanz und Richard David Precht, das weit über tagespolitische Aufreger hinausreicht und die eigentliche Frage freilegt: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Die Debatte um das Bürgergeld ist zum Brennglas geworden, durch das sich die Spannungen einer alternden, wohlstandsverwöhnten und zunehmend verunsicherten Gesellschaft zeigen. Zwischen dem berechtigten Wunsch nach sozialer Absicherung und der Erwartung individueller Verantwortung tut sich eine Kluft auf, die nicht nur das Vertrauen in den Sozialstaat, sondern auch das Fundament der liberalen Demokratie gefährdet.

Zahlen, Zynismus, Zerrbilder

1,9 Millionen erwerbsfähige Menschen in Deutschland beziehen aktuell Bürgergeld, ohne einer Arbeit nachzugehen. Diese Zahl, so betont Lanz, entspreche der Einwohnerzahl Hamburgs. Ein beunruhigender Befund, der die Frage aufwirft, ob der Sozialstaat aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Antwort von Richard David Precht fällt differenziert aus: Viele dieser Menschen seien psychisch oder sozial nicht in der Lage, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Das möge unbequem klingen, sei aber realistischer als die pauschale Etikettierung als „arbeitsscheu“.

Doch die Wahrnehmung in der Bevölkerung folgt einer anderen Logik. Wer täglich zur Arbeit geht, schlecht bezahlt wird und dennoch kaum mehr zur Verfügung hat als ein Bürgergeldempfänger, empfindet das System als ungerecht. Dieses Gefühl speist sich nicht nur aus materieller Knappheit, sondern auch aus einem kulturellen Wandel: Der einstige Leistungsbegriff ist einer Erfolgsideologie gewichen, in der Aufstieg weniger durch harte Arbeit als durch Status und Vermögen definiert wird.

Vom Bismarck’schen Pragmatismus zum prekären Idealismus

Dass der moderne Sozialstaat nicht aus moralischer Großherzigkeit entstand, sondern als Antwort auf soziale Unruhen und revolutionäre Bewegungen, wird in der Debatte gern verdrängt. Bismarcks Renten- und Krankenversicherung diente der Befriedung, nicht der Barmherzigkeit. Die historische Entwicklung der Staatsquote spricht Bände: Von 11 Prozent im Jahr 1880 stieg sie auf mehr als 50 Prozent im Jahr 2022. Ein Indiz für die zunehmende Versorgungsrolle des Staates – aber auch für eine Gesellschaft, die gelernt hat, Rechte einzufordern, ohne Pflichten zu betonen.

Diese Schieflage ist es, die konservative Kritiker wie Friedrich Merz auf die Barrikaden treibt. Doch statt Klarheit zu schaffen, verwirrt die Union mit widersprüchlichen Botschaften: einerseits eiserne Verteidigung der Schuldenbremse, andererseits milliardenschwere Haushaltslücken. Es entsteht der Eindruck makiavellistischer Machtpolitik, die eher dem Taktikspiel denn dem Staatswohl verpflichtet ist.

Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft

Precht argumentiert, dass viele Bürgergeldempfänger nicht „arbeitsfaul“, sondern psychisch überfordert seien. Die heutigen Anforderungen an Mobilität, Selbstdisziplin, emotionale Belastbarkeit überforderten einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Die Ursachen sind vielschichtig: fragile Familienstrukturen, digitale Überreizung, ein Bildungssystem, das soziale Herkunft zementiert statt kompensiert.

Diese Diagnose verdient Aufmerksamkeit, doch sie ist nicht frei von Risiken. Denn sie droht in ein neues paternalistisches Narrativ zu kippen: das des hilflosen Menschen, der vom Staat erlöst werden muss. Zwischen den Extremen von neoliberaler Eigenverantwortung und staatlicher Allversorgungsphantasie bleibt wenig Raum für ein Konzept aktiver Bürgerlichkeit.

Lösung oder Spaltung?

Das Bürgergeld kann nicht isoliert diskutiert werden. Es steht in direktem Zusammenhang mit Fragen der Erbschaftssteuer, der Rentenfinanzierung, der Bildungsgerechtigkeit. Während Milliardenvermögen steuerfrei vererbt werden, fehlt das Geld für gezielte Unterstützung dort, wo sie gebraucht würde. Diese strukturelle Ungleichheit untergräbt den inneren Zusammenhalt.

Precht warnt: Wenn sich die Ober- und Unterschicht in verschiedenen Realitäten einrichten, verliert die Demokratie ihren sozialen Kitt. Die Erfahrung Amerikas, wo soziale Verwahrlosung mit politischer Radikalisierung einhergeht, sollte Mahnung genug sein.

Ein Gesellschaftsvertrag auf dem Prüfstand

Am Ende kreist die Diskussion nicht nur um ökonomische Fragen, sondern um die geistige Verfasstheit unseres Gemeinwesens. Ist Bürgergeld Ausdruck von Humanität oder von Hilflosigkeit? Ist der Sozialstaat ein Bollwerk gegen Verelendung – oder eine Einladung zur Passivität?

Vielleicht, so ließe sich mit Precht und Lanz bilanzieren, braucht es weniger Moralisierung und mehr Realismus. Einen Realismus, der nicht nur die Notlagen der einen sieht, sondern auch die Wut und das Pflichtgefühl der anderen ernst nimmt. Und eine politische Klasse, die nicht an Symptomen kuriert, sondern bereit ist, Strukturen neu zu denken.

Denn nur ein Sozialstaat, der Leistung belohnt, ohne Schwäche zu stigmatisieren, kann dauerhaft gerecht sein. Und nur eine Gesellschaft, die solidarisch ist, ohne sich selbst zu belügen, wird sich als Demokratie behaupten.


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