Car­ry Trades – Ver­lo­ckung und Fall­stri­cke einer Hoch­zins­stra­te­gie

Car­ry Trades im Lich­te öko­no­mi­scher Rea­li­tät – Chan­cen, Risi­ken und Gren­zen einer Zinsar­bi­tra­ge

In den inter­na­tio­na­len Finanz­märk­ten zäh­len Car­ry Trades zu den eta­blier­ten Stra­te­gien pro­fes­sio­nel­ler Inves­to­ren. Ihr Grund­prin­zip ist schein­bar sim­pel: Man leiht sich Kapi­tal in einer Wäh­rung mit nied­ri­gen Finan­zie­rungs­kos­ten und inves­tiert die­ses Geld in Ver­mö­gens­wer­te einer Wäh­rung mit höhe­ren Zin­sen. Der erwar­te­te Gewinn speist sich aus dem Zins­dif­fe­ren­zi­al, oft zusätz­lich aus Kurs­stei­ge­run­gen ent­spre­chen­der Anlei­hen. Doch so ein­fach die Kon­struk­ti­on auf den ers­ten Blick erschei­nen mag, so kom­plex sind die tat­säch­li­chen Mecha­nis­men – und so ris­kant ist das Geschäft, sobald sich makro­öko­no­mi­sche Rah­men­be­din­gun­gen ver­schie­ben.

Die Attrak­ti­vi­tät von Car­ry Trades ergibt sich aus einem anhal­ten­den Phä­no­men der glo­ba­len Geld­po­li­tik: Wäh­rend eini­ge Volks­wirt­schaf­ten struk­tu­rell nied­ri­ge Zin­sen auf­wei­sen – etwa durch eine lan­ge Pha­se expan­si­ver Geld­po­li­tik oder durch einen chro­ni­schen Über­hang an Erspar­nis­sen – bie­ten ande­re Län­der deut­lich höhe­re Ren­di­ten. Letz­te­re sind häu­fig Schwel­len­län­der mit infla­tio­nä­rem Druck, poli­ti­scher Unsi­cher­heit oder struk­tu­rel­len Reform­de­fi­zi­ten. Die­se Zins­dif­fe­ren­zen las­sen sich für Inves­to­ren in liqui­de Stra­te­gien ummün­zen. In Zei­ten sta­bi­ler Wech­sel­kur­se sind die Gewin­ne beträcht­lich.

Doch der zen­tra­le Risi­ko­fak­tor liegt im Wech­sel­kurs selbst. Jeder Car­ry Trade ist im Kern eine dop­pel­te Wet­te: Einer­seits auf sta­bi­le oder stei­gen­de Zins­er­trä­ge in der Ziel­wäh­rung, ande­rer­seits auf einen zumin­dest nicht ein­bre­chen­den Wech­sel­kurs die­ser Wäh­rung gegen­über der Finan­zie­rungs­wäh­rung. Kommt es hin­ge­gen zu einer Abwer­tung, kann der Ver­lust die zuvor ein­ge­stri­che­nen Zins­ge­win­ne nicht nur nivel­lie­ren, son­dern ins Nega­ti­ve ver­keh­ren. Ein nomi­na­ler Jah­res­zins von 15 Pro­zent wird wert­los, wenn die ent­spre­chen­de Wäh­rung inner­halb weni­ger Mona­te 20 Pro­zent gegen­über dem Dol­lar oder Euro ver­liert.

Die empi­ri­sche Erfah­rung zeigt, dass Car­ry Trades häu­fig pro­zy­klisch wir­ken: In Zei­ten glo­ba­ler Risi­ko­freu­de flie­ßen hohe Kapi­tal­strö­me in Hoch­zins­wäh­run­gen, wodurch die­se zusätz­lich auf­wer­ten und die Stra­te­gie noch pro­fi­ta­bler erscheint. Kippt jedoch die Stim­mung – sei es durch geo­po­li­ti­sche Span­nun­gen, stei­gen­de Roh­stoff­prei­se oder restrik­ti­ve­re Geld­po­li­tik in den Indus­trie­län­dern – zie­hen Inves­to­ren ihre Gel­der abrupt ab. Die­se Kapi­tal­rück­flüs­se ver­stär­ken die Abwer­tung der betrof­fe­nen Wäh­run­gen und ver­schär­fen die Ver­lus­te. Die Geschich­te der Finanz­märk­te kennt etli­che Epi­so­den sol­cher plötz­li­chen „Car­ry-Trade-Unwinds“, die gan­ze Volks­wirt­schaf­ten desta­bi­li­siert haben.

Ein wei­te­res Risi­ko liegt in der makro­öko­no­mi­schen Ver­wund­bar­keit vie­ler Hoch­zins­län­der. Oft­mals sind hohe Leit­zin­sen Aus­druck tie­fer struk­tu­rel­ler Pro­ble­me – sei es eine dau­er­haft hohe Infla­ti­on, ein man­geln­des Ver­trau­en in staat­li­che Insti­tu­tio­nen oder eine erheb­li­che Abhän­gig­keit von exter­nen Finan­zie­run­gen. Für den Inves­tor bedeu­tet dies, dass die hohe Ren­di­te nicht Aus­druck beson­de­rer Attrak­ti­vi­tät, son­dern ein Risi­ko­prä­mi­en­auf­schlag ist. Mit ande­ren Wor­ten: Der ver­meint­li­che Gewinn ist ledig­lich eine Kom­pen­sa­ti­on für Risi­ken, die sich im Ernst­fall sehr real mate­ria­li­sie­ren.

Auf der Finan­zie­rungs­sei­te spie­len eben­falls Ver­schie­bun­gen eine Rol­le. Nied­rig­zins­wäh­run­gen sind kei­nes­wegs in Stein gemei­ßelt. Zen­tral­ban­ken kön­nen ihren Kurs abrupt ändern, und mit stei­gen­den Refi­nan­zie­rungs­kos­ten schmilzt der Vor­teil des Zins­dif­fe­renz­ge­schäfts dahin. Ein klas­si­sches Bei­spiel ist die Pha­se, in der die US-Noten­bank ihre Leit­zin­sen nach lan­ger Null­zins­ära schritt­wei­se anhob: Plötz­lich ver­wan­del­te sich der Dol­lar von einer Finan­zie­rungs­wäh­rung in eine Anla­ge­wäh­rung. Sol­che Umbrü­che erfor­dern von Inves­to­ren per­ma­nen­te Anpas­sun­gen und füh­ren oft zu abrup­ten Markt­be­we­gun­gen.

Was bleibt, ist ein zwei­schnei­di­ges Schwert: Car­ry Trades kön­nen hohe Gewin­ne ermög­li­chen, sind aber hoch­gra­dig fra­gil. Sie loh­nen sich vor allem in Pha­sen glo­ba­ler Sta­bi­li­tät, in denen Kapi­tal­strö­me bere­chen­bar und Wäh­run­gen rela­tiv ruhig ver­lau­fen. Sobald die Märk­te jedoch in Stress gera­ten, ent­pup­pen sich die Gewin­ne als trü­ge­risch. Des­halb sind Car­ry Trades kei­nes­wegs eine Stra­te­gie für „Schlau­mei­er“, son­dern eher eine ris­kan­te Wet­te auf die Fort­set­zung eines bestimm­ten makro­öko­no­mi­schen Gleich­ge­wichts.

Für Anle­ger bedeu­tet dies, dass Car­ry Trades stets als Teil einer Gesamt­stra­te­gie zu betrach­ten sind. Risi­ko­ma­nage­ment ist unver­zicht­bar: Absi­che­run­gen über Devi­sen­de­ri­va­te, eine brei­te Diver­si­fi­ka­ti­on über meh­re­re Ziel­wäh­run­gen sowie eine kla­re Begren­zung der Posi­ti­ons­grö­ßen sind zwin­gend. Wer die Stra­te­gie jedoch als All­heil­mit­tel begreift oder blind­lings hohen Nomi­nal­ren­di­ten ver­traut, wird frü­her oder spä­ter mit Ver­lus­ten kon­fron­tiert.

Schluss­fol­ge­rung: Car­ry Trades sind ein Spie­gel­bild glo­ba­ler Ungleich­ge­wich­te: Sie ent­ste­hen aus unter­schied­li­chen geld­po­li­ti­schen Regi­men, aus Ver­trau­en und Miss­trau­en in Wäh­run­gen, und aus dem unstill­ba­ren Drang der Märk­te nach Ren­di­te. Sie bie­ten Chan­cen, aber nie ohne Gegen­ri­si­ken. Ihr Wesen ist das einer hoch­sen­si­blen Wet­te – pro­fi­ta­bel in ruhi­gen Zei­ten, zer­stö­re­risch in Pha­sen der Unsi­cher­heit. Für pro­fes­sio­nel­le Inves­to­ren blei­ben sie ein Werk­zeug, das Prä­zi­si­on, Wach­sam­keit und Risi­ko­be­wusst­sein erfor­dert. Für nai­ve Anle­ger hin­ge­gen sind sie ein siche­rer Weg in die Ent­täu­schung.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater