CDU und Lin­ke: Die Brand­mau­er wird zur Aus­le­gungs­sa­che

Pack schlägt sich Pack ver­trägt sich

Der Fall zeigt die gan­ze Wider­sprüch­lich­keit der Uni­on im Umgang mit der Links­par­tei. Der neue Lin­ken-Chef Lui­gi Pan­tis­a­no wirft der CDU vor, „faschis­ti­sche“ Poli­tik zu betrei­ben — ein schwe­rer, ent­hem­men­der Vor­wurf, der in einer nor­ma­len poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung kaum noch als blo­ße Zuspit­zung durch­ge­hen kann. Die CSU reagiert ent­spre­chend hart: kei­ne Zusam­men­ar­beit mit der Lin­ken, kei­ne Tole­rie­rung, kei­ne Hin­ter­tür. „Kei­ne Zusam­men­ar­beit heißt kei­ne Zusam­men­ar­beit“, lau­tet die kla­re Linie.

So weit die Theo­rie. In der Pra­xis ist die Lage deut­lich unbe­que­mer.

Denn wäh­rend die CSU im Bund eine kla­re Kan­te gegen die Lin­ke for­dert, ist die CDU im Osten längst in par­la­men­ta­ri­schen Rea­li­tä­ten ange­kom­men, die die­se Linie auf­wei­chen. In Thü­rin­gen regiert Mario Voigt mit CDU, SPD und BSW ohne eige­ne Mehr­heit. Ohne Stim­men der Lin­ken geht dort häu­fig wenig. In Sach­sen führt Micha­el Kret­schmer eine CDU/SPD-Min­der­heits­re­gie­rung, der zehn Stim­men zur Mehr­heit feh­len. Beson­ders beim Dop­pel­haus­halt ist die Regie­rung auf Unter­stüt­zung aus der Oppo­si­ti­on ange­wie­sen — und damit poten­zi­ell auch auf die Lin­ke.

Genau hier beginnt das poli­ti­sche Schön­re­den. Plötz­lich wird in der CDU dif­fe­ren­ziert: Die Lin­ke im Osten sei angeb­lich ver­nünf­ti­ger als die Lin­ke im Wes­ten. Man müs­se zwi­schen radi­ka­len Bun­des­funk­tio­nä­ren und prag­ma­ti­schen Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten unter­schei­den. Pan­tis­a­nos Aus­sa­gen sei­en zwar absto­ßend, aber die ost­deut­schen Lin­ken sei­en ja nicht alle so. Die­se Argu­men­ta­ti­on mag prak­tisch nütz­lich sein. Glaub­wür­dig ist sie nur bedingt.

Denn die CDU hat sich selbst in eine Lage gebracht, aus der sie kaum wider­spruchs­frei her­aus­kommt. Offi­zi­ell schließt sie Zusam­men­ar­beit sowohl mit der AfD als auch mit der Lin­ken aus. Bei der AfD will sie kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Lan­des­ver­bän­den, Per­so­nen oder ein­zel­nen Sach­fra­gen zulas­sen. Bei der Lin­ken hin­ge­gen wird genau die­se Dif­fe­ren­zie­rung plötz­lich zum poli­ti­schen Ret­tungs­an­ker. Dort unter­schei­det man zwi­schen Ost und West, zwi­schen Par­tei und Frak­ti­on, zwi­schen Koali­ti­on und Tole­rie­rung, zwi­schen Zusam­men­ar­beit und „nur“ sach­be­zo­ge­ner Zustim­mung.

Das Pro­blem ist nicht, dass Par­la­men­te Mehr­hei­ten suchen. Min­der­heits­re­gie­run­gen müs­sen reden, ver­han­deln und Kom­pro­mis­se schlie­ßen. Das Pro­blem ist die mora­li­sche Über­hö­hung der eige­nen Abgren­zung. Wer eine Brand­mau­er beschließt, muss erklä­ren, ob sie aus Prin­zip gilt oder nur solan­ge, wie sie stra­te­gisch bequem ist.

Die Lin­ke bie­tet der Uni­on genug Angriffs­flä­che: SED-Erbe, sozia­lis­ti­sche Pro­gram­ma­tik, Nähe zu radi­ka­len Milieus, pro­ble­ma­ti­sche außen­po­li­ti­sche Refle­xe und immer wie­der auch isra­el­feind­li­che oder anti­se­mi­tisch anschluss­fä­hi­ge Posi­tio­nen in Tei­len der Par­tei. Nach Pan­tis­a­nos „Faschismus“-Vorwurf wäre eine strik­te Distan­zie­rung der Uni­on daher nach­voll­zieh­bar. Doch wenn die­sel­be Uni­on in Thü­rin­gen und Sach­sen auf Stim­men der Lin­ken ange­wie­sen ist, wird aus der kla­ren Linie ein poli­ti­sches Rechen­mo­dell.

Die Uni­on will die Lin­ke offi­zi­ell äch­ten, muss sie prak­tisch aber teil­wei­se ein­pla­nen. Die CSU kann aus Ber­lin leicht maxi­ma­le Rein­heit ver­lan­gen. Die ost­deut­sche CDU muss mit zer­split­ter­ten Par­la­men­ten, star­ken AfD-Frak­tio­nen und feh­len­den Mehr­hei­ten umge­hen. Dar­aus ent­steht eine unbe­que­me Wahr­heit: Die Brand­mau­er zur Lin­ken ist in der Pra­xis längst nicht so mas­siv, wie sie in Par­tei­be­schlüs­sen klingt.

Damit wird die CDU angreif­bar. Nicht, weil sie in schwie­ri­gen Par­la­men­ten Mehr­hei­ten sucht. Son­dern weil sie so tut, als sei ihre Abgren­zung immer ein­deu­tig, wäh­rend sie in Wirk­lich­keit situa­tiv aus­ge­legt wird. Bei der Lin­ken wird dif­fe­ren­ziert, rela­ti­viert und prag­ma­ti­siert. Bei der AfD wird jede sol­che Dif­fe­ren­zie­rung aus­ge­schlos­sen. Das kann man poli­tisch begrün­den — aber dann muss man es offen tun.

Solan­ge die Uni­on das nicht tut, bleibt der Ein­druck: Die Brand­mau­er ist kein fes­tes Prin­zip, son­dern ein Instru­ment. Hart, wenn sie nützt. Durch­läs­sig, wenn Mehr­hei­ten feh­len.


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