Das Tri­kot der Unter­ord­nung

Fried­rich Merz wird selbst­ver­ständ­lich erklä­ren kön­nen, war­um er Donald Trump die­ses Tri­kot über­reicht hat. Das war natür­lich nicht pein­lich. Nein, nein. Das war „Diplo­ma­tie“. Das war „für Deutsch­land“. Für Euro­pa. Für die Ukrai­ne. Für den Wes­ten. Für die Welt­ord­nung. Für den Welt­frie­den. Wahr­schein­lich auch noch für das schlech­te Wet­ter in Évi­an.

In Wirk­lich­keit war es eine die­ser Ges­ten, bei denen man schon wäh­rend des Moments spürt: Das Bild wird län­ger leben als die Absicht.

Merz schenk­te Trump beim G7-Gip­fel ein deut­sches Natio­nal­mann­schafts­tri­kot mit dem Namen „Trump“ und der Num­mer 47 – pas­send zur Fuß­ball-WM und zu Trumps Rol­le als 47. US-Prä­si­dent. Dazu der Satz: „Schließ­lich spie­len wir im sel­ben Team.“ Das Pro­blem ist nur: Genau das war ja zuletzt gar nicht so klar. Merz hat­te Trumps Vor­ge­hen im Iran-Krieg zuvor kri­tisch bewer­tet; der Ton zwi­schen bei­den war kei­nes­wegs har­mo­nisch. Und dann steht der deut­sche Kanz­ler da und über­reicht dem Mann, den er eben noch für sei­ne Iran-Poli­tik kri­ti­siert hat­te, ein per­so­na­li­sier­tes Deutsch­land­tri­kot. Name: Trump. Num­mer: Trump. Bot­schaft: Bit­te lächeln, wir sind wie­der brav.

Natür­lich kann man das stra­te­gisch ver­tei­di­gen. Trump ist US-Prä­si­dent. Die Ukrai­ne braucht ame­ri­ka­ni­sche Unter­stüt­zung. Euro­pa ist mili­tä­risch noch immer nicht sou­ve­rän. Deutsch­land kann es sich nicht leis­ten, Washing­ton wie einen läs­ti­gen Onkel vom Fami­li­en­fest aus­zu­la­den. Alles rich­tig. Nur: Zwi­schen pro­fes­sio­nel­ler Gesprächs­fä­hig­keit und öffent­li­cher Selbst­ver­zwer­gung liegt ein Unter­schied. Und die­ser Unter­schied passt manch­mal exakt in ein wei­ßes Fuß­ball­tri­kot.

Merz woll­te ver­mut­lich Nähe insze­nie­ren. Her­aus­ge­kom­men ist Abhän­gig­keit. Er woll­te sagen: Wir hal­ten die trans­at­lan­ti­sche Ver­bin­dung offen. Ange­kom­men ist: Deutsch­land bringt dem star­ken Mann ein Geschenk, damit er viel­leicht nicht wie­der die Möbel zer­tritt. Das ist kei­ne Staats­kunst, das ist außen­po­li­ti­sches Feng-Shui für Auto­ri­tä­re: Man stellt ein Sym­bol an die rich­ti­ge Stel­le und hofft, dass der Des­pot mil­der gestimmt ist.

Beson­ders bit­ter ist die Iran-Kom­po­nen­te. Wer Trump für des­sen Kriegs­po­li­tik kri­ti­siert, muss danach nicht in diplo­ma­ti­sche Eis­zeit ver­fal­len. Aber er soll­te zumin­dest ver­mei­den, weni­ge Wochen spä­ter wie der Mann­schafts­be­treu­er des Prä­si­den­ten auf­zu­tre­ten. Kri­tik ver­liert Gewicht, wenn sie am Ende mit Beflo­ckung und Geburts­tags­gruß ein­ge­packt wird.

Und ja, Merz wird sagen: Das war Real­po­li­tik. So spricht man mit Trump. So schützt man deut­sche Inter­es­sen. So hält man Ame­ri­ka an Bord. Aber genau hier beginnt das Pro­blem: Wenn Real­po­li­tik nur noch dar­in besteht, einem eit­len Prä­si­den­ten Devo­tio­na­li­en zu rei­chen, dann ist sie kei­ne Real­po­li­tik mehr, son­dern Hof­eti­ket­te.

Trump selbst wird die­se Sze­ne ver­mut­lich schnell ver­ges­sen haben. Ein Geschenk mehr, ein Foto mehr, ein schmei­cheln­der Staats­gast mehr. Für ihn ist das Geräusch­ku­lis­se. Aber die Bil­der blei­ben. In Euro­pa. In Washing­ton. Und vor allem dort, wo man sehr genau beob­ach­tet, wie belast­bar west­li­che Füh­rungs­fi­gu­ren sind: in Mos­kau und Peking.

Putin und Xi müs­sen sol­che Ges­ten nicht über­in­ter­pre­tie­ren. Sie müs­sen sie nur sehen. Ein deut­scher Kanz­ler, der nach schar­fer Kri­tik wie­der mit einem per­so­na­li­sier­ten Tri­kot antritt, lie­fert kei­ne Bot­schaft der Stär­ke. Er lie­fert eine Gebrauchs­an­wei­sung: Erst Druck machen, dann schmei­cheln las­sen, dann wei­ter Druck machen.

Diplo­ma­tie ver­langt Höf­lich­keit. Sie ver­langt Gesprächs­ka­nä­le. Sie ver­langt manch­mal auch schlech­te Fotos. Aber sie ver­langt nicht, dass Deutsch­land sich sym­bo­lisch in die Umklei­de­ka­bi­ne eines Man­nes stellt, der Bünd­nis­se vor allem danach bewer­tet, ob sie ihm per­sön­lich applau­die­ren.

Merz woll­te Trump ein Tri­kot schen­ken. Bekom­men hat die Öffent­lich­keit ein Bild deut­scher Unter­wür­fig­keit. Und das wird, anders als Trumps Auf­merk­sam­keits­span­ne, nicht nach einer Stun­de ver­schwin­den.


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