Die gro­ße Illu­si­on des Akti­en­markts: War­um nur weni­ge Titel den Unter­schied machen

Was wir zu wis­sen glaub­ten

Die tra­di­tio­nel­le Finanz­theo­rie – ins­be­son­de­re die moder­ne Port­fo­lio­theo­rie à la Mar­ko­witz und Shar­pe – geht davon aus, dass Akti­en lang­fris­tig eine Über­ren­di­te („Equi­ty Pre­mi­um“) gegen­über risi­ko­lo­sen Anla­gen wie Staats­an­lei­hen lie­fern. Die­se Annah­me ist in vie­len Model­len ein­ge­bet­tet: in Asset-Allo­ka­tio­nen, in der Alters­vor­sor­ge, in Risi­ko­mo­del­len.

Doch genau die­se Grund­an­nah­me stellt Hen­drik Bes­sem­bin­der infra­ge. In sei­nen bei­den Arbei­ten

  • „Do Stocks Out­per­form Tre­asu­ry Bills?“ (2017) und
  • „Do Glo­bal Stocks Out­per­form US Tre­asu­ry Bills?“ (2020)

ana­ly­siert er die Ver­tei­lung von Akti­en­ren­di­ten über sehr lan­ge Zeit­räu­me – und gelangt zu Ergeb­nis­sen, die sowohl in ihrer Radi­ka­li­tät als auch in ihrer empi­ri­schen Tie­fe beein­dru­cken.

Metho­dik: Was genau wur­de unter­sucht?

Daten­ba­sis

  • 26.168 US-Akti­en (1926–2016) – CRSP-Daten­bank
  • Ergän­zend: 61.981 Akti­en aus 44 Län­dern (1990–2018) – für die glo­ba­le Stu­die
  • Ver­gleichs­ba­sis: 1‑Mo­nats-US-Tre­asu­ry Bills (risi­ko­lo­ser Zins)

Kri­te­ri­en

  • Gesamt­erträ­ge der Akti­en wer­den auf Wert­schöp­fungs­ebe­ne agg­re­giert, d. h. inklu­si­ve Reinves­ti­ti­on von Divi­den­den.
  • Ana­ly­se der Kumu­lie­rung von Erträ­gen über die gesam­te Lebens­zeit einer Aktie.
  • Kapi­tal­ge­wich­te­te Betrach­tung, kein rei­ner Durch­schnitt pro Aktie.

Zen­tra­le Befun­de

US-Markt (1926–2016):

  • 57,4 % aller Akti­en erwirt­schaf­te­ten eine kumu­la­ti­ve Ren­di­te unter­halb risi­ko­frei­er Staats­an­lei­hen.
  • Nur 4,3 % der Akti­en gene­rier­ten den gesam­ten Über­schuss der Akti­en­märk­te über Anlei­hen.
  • Die Top 1.092 Akti­en (4,3 %) tru­gen zur gesam­ten Net­to­wert­schöp­fung bei.
  • 50 % der gesam­ten Wert­schöp­fung wur­de von ledig­lich 86 Akti­en erzeugt – das sind 0,33 % aller Titel.
  • Die bes­te Aktie (Apple) allein war für 2 % der gesam­ten Markt­ren­di­te ver­ant­wort­lich.

Welt­markt (1990–2018):

  • Ergeb­nis­se ana­log: In 43 von 44 Län­dern erziel­ten weni­ger als die Hälf­te aller Akti­en höhe­re Ren­di­ten als Staats­an­lei­hen.
  • Nur 1,3 % aller inter­na­tio­na­len Akti­en mach­ten alle posi­ti­ven Net­to­ge­samt­ren­di­ten aus.

Inter­pre­ta­ti­on: Was heißt das für Theo­rie und Pra­xis?

1. Nicht-nor­mal­ver­teil­te Ren­di­ten

Die Erträ­ge von Akti­en sind stark rechts­schief ver­teilt – mit „Fat Tails“. In der Pra­xis bedeu­tet das:

Der Medi­an­wert einer Aktie liegt deut­lich unter dem arith­me­ti­schen Mit­tel­wert aller Akti­en.

Dies wider­spricht klas­si­schen Modell­an­nah­men der Finanz­ma­the­ma­tik (z. B. der Log­nor­mal­ver­tei­lung von Ren­di­ten). Erwar­tungs­wer­te (mean returns) tau­gen unter die­sen Umstän­den kaum als Pro­gno­se­werk­zeu­ge für Ein­zel­ak­ti­en.

2. Index­ing schlägt Stock Picking – aus mathe­ma­ti­scher Not­wen­dig­keit

Die Erkennt­nis, dass nur sehr weni­ge Akti­en die gesam­te Out­per­for­mance lie­fern, bedeu­tet zwangs­läu­fig:

  • Wer breit inves­tiert, besitzt zwangs­läu­fig auch die Out­per­for­mer (wenn auch nur antei­lig).
  • Wer selek­tiv vor­geht, läuft hohe Gefahr, nur Under­per­for­mer zu erwi­schen.

Die Kon­se­quenz:

Brei­te Diver­si­fi­ka­ti­on ist kein Sicher­heits­netz – sie ist die Vor­aus­set­zung für Out­per­for­mance.

3. Impli­ka­tio­nen für akti­ve Fonds­ma­na­ger

Die Wahr­schein­lich­keit, dass ein akti­ver Fonds­ma­na­ger dau­er­haft Out­per­for­mance durch geziel­te Selek­ti­on erzielt, sinkt dras­tisch – nicht (nur), weil er schlech­ter wäre, son­dern weil er struk­tu­rell gegen eine asym­me­tri­sche Ren­di­te­ver­tei­lung ankämpft.

❗Kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung: Was die Stu­die nicht sagt

✘ Die Stu­die ist nicht markt- oder kapi­ta­lis­mus­kri­tisch.

Sie zeigt kei­ne „Inef­fi­zi­enz“ des Markts, son­dern beschreibt des­sen empi­risch beob­acht­ba­re Cha­rak­te­ris­tik.

✘ Sie bedeu­tet nicht, dass Inves­tie­ren in Akti­en gene­rell schlecht ist.

Im Gegen­teil – sie zeigt, wie extrem leis­tungs­fä­hig Ein­zel­un­ter­neh­men sein kön­nen, wenn sie zu den Out­per­for­mern gehö­ren.

✘ Sie ist rück­bli­ckend, nicht pro­gnos­tisch.

Sie trifft kei­ne Aus­sa­ge dar­über, wel­che Akti­en künf­tig zu den Gewin­nern zäh­len wer­den – sie warnt nur davor, dies mit gro­ßer Sicher­heit vor­her­zu­sa­gen.

Fazit: Eine fun­da­men­ta­le Neu­aus­rich­tung des Den­kens

Die Bes­sem­bin­der-Stu­die zwingt uns zu einem radi­ka­len Per­spek­tiv­wech­sel:

Der Erfolg an der Bör­se beruht nicht auf der durch­schnitt­li­chen Aktie – son­dern auf weni­gen Aus­nah­me­ti­teln, die nie­mand mit Sicher­heit vor­her­sa­gen kann.

Dar­aus folgt für die Pra­xis:

  • Lang­fris­tig inves­tie­ren, um sta­tis­tisch gese­hen von den Out­per­for­mern zu pro­fi­tie­ren.
  • Breit diver­si­fi­zie­ren, um sie über­haupt im Port­fo­lio zu haben.
  • Demut ent­wi­ckeln gegen­über der Unvor­her­seh­bar­keit der Märk­te – und gegen­über der eige­nen Selek­ti­ons­fä­hig­keit.

Zusatz: Theo­re­ti­sche Brü­cke zur Port­fo­lio­theo­rie

Man könn­te Bes­sem­bin­ders Erkennt­nis­se als empi­ri­sche Unter­maue­rung des CAPM lesen – mit einem Unter­schied: Wäh­rend das CAPM von „sys­te­ma­ti­schem Risi­ko“ spricht, zeigt Bes­sem­bin­der, dass selbst bei Ver­mei­dung unsys­te­ma­ti­schen Risi­kos (via Diver­si­fi­ka­ti­on) nur weni­ge Assets über­haupt zur Wert­schöp­fung bei­tra­gen.

Das CAPM nimmt eine „fai­re“ risi­ko­ad­jus­tier­te Ent­loh­nung an – Bes­sem­bin­der zeigt, dass dies nur ex post bei weni­gen Titeln rea­li­siert wur­de.


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater