End­lich län­ger arbei­ten: Deutsch­land ent­deckt die Lebens­er­war­tung als Pro­duk­ti­vi­täts­re­ser­ve

Das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt hat Erfreu­li­ches ver­kün­det: Die Men­schen in Deutsch­land leben wie­der län­ger. Frau­en errei­chen im Durch­schnitt 83,6 Jah­re, Män­ner immer­hin 79,1. Frü­her hät­te man die­se Nach­richt viel­leicht mit einem Glas Sekt, einem Spa­zier­gang oder der nai­ven Vor­stel­lung gefei­ert, dass ein Leben auch dann einen Sinn haben darf, wenn es nie­man­den mehr pro­duk­tiv macht. Heu­te aber wis­sen wir es bes­ser. Heu­te haben wir Wirt­schafts­wei­se.

Denn was ist Lebens­er­war­tung ande­res als unaus­ge­schöpf­tes Erwerbs­po­ten­zi­al? Jeder zusätz­li­che Lebens­mo­nat ist im Grun­de ein bio­lo­gisch finan­zier­ter Nach­trags­haus­halt, der dar­auf war­tet, in eine Ziel­ver­ein­ba­rung über­führt zu wer­den. Beson­ders erfreu­lich: Män­ner haben seit 2022 fast 13 Mona­te hin­zu­ge­won­nen. Das ent­spricht, je nach Tarif­ver­trag, meh­re­ren Quar­ta­len Mee­tings, min­des­tens zwei Stra­te­gie­klau­su­ren und schät­zungs­wei­se 340 E‑Mails mit dem Betreff „kur­ze Rück­fra­ge”. Die Natur meint es also gut mit dem Brut­to­in­lands­pro­dukt.

Auch die 65-Jäh­ri­gen dür­fen auf­at­men – aller­dings bit­te kurz, weil danach wei­ter­ge­macht wird. Frau­en haben sta­tis­tisch noch 21,2 Jah­re vor sich, Män­ner 18,2. Das klingt zunächst nach Ren­te, Rei­sen, Enkeln oder dem lang auf­ge­scho­be­nen Vor­ha­ben, mor­gens kei­nen Wecker mehr zu stel­len. Bei nähe­rer Betrach­tung han­delt es sich dabei jedoch um ein Miss­ver­ständ­nis, das man den Men­schen nicht durch­ge­hen las­sen soll­te. Es sind viel­mehr 18 bis 21 Jah­re, in denen man noch her­vor­ra­gend E‑Mails beant­wor­ten, Berich­te erstel­len und jün­ge­re Kol­le­gin­nen mit Sät­zen wie „Frü­her hat­ten wir noch nicht mal Slack, und da lief es auch nicht bes­ser” nach­hal­tig demo­ra­li­sie­ren kann.

Die Ren­ten­po­li­tik steht damit vor einer his­to­ri­schen Chan­ce zur Sprachop­ti­mie­rung. Statt müh­sam über Finan­zie­rungs­lü­cken, Bei­trags­sät­ze oder das Kon­zept der mensch­li­chen Wür­de zu dis­ku­tie­ren, könn­te man posi­ti­ver for­mu­lie­ren: „Sie wer­den nicht spä­ter in Ren­te geschickt. Sie bekom­men schlicht mehr Gele­gen­heit zur gesell­schaft­li­chen Teil­ha­be durch Erwerbs­ar­beit.” Aus dem Ren­ten­ein­tritts­al­ter wird die Teil­ha­be­schwel­le Plus. Aus Alters­ar­mut wird spä­te Leis­tungs­freu­de. Aus Erschöp­fung wird, rich­tig kom­mu­ni­ziert, Resi­li­enz im fort­ge­schrit­te­nen Kom­pe­tenz­al­ter. Und wer dann immer noch klagt, dem man­gelt es offen­sicht­lich an der rich­ti­gen Ein­stel­lung, nicht an der rich­ti­gen Ren­te.

Beson­ders vor­bild­lich zeigt sich dabei Baden-Würt­tem­berg, wo Men­schen am längs­ten leben. Das Bun­des­land beweist ein­mal mehr sei­ne schweig­sa­me Inno­va­ti­ons­kraft: Man baut nicht nur Autos, expor­tiert Maschi­nen und orga­ni­siert Kehr­wo­chen mit mili­tä­ri­scher Prä­zi­si­on, son­dern hält das Human­ka­pi­tal auch beson­ders lan­ge ein­satz­fä­hig. Wer in Baden-Würt­tem­berg gebo­ren wird, hat also nicht nur gute Aus­sich­ten auf ein lan­ges Leben, son­dern auch auf eine außer­ge­wöhn­lich umfang­rei­che To-do-Lis­te. Der Tod, so scheint es, hat dort schlicht einen zu vol­len Ter­min­ka­len­der.

Am ande­ren Ende der Tabel­le ran­giert Sach­sen-Anhalt. Dort ster­ben die Men­schen frü­her. Das ist natür­lich bedau­er­lich – vor allem volks­wirt­schaft­lich, denn es ver­schenkt wert­vol­le Arbeits­jah­re. Ob die kür­ze­re Lebens­er­war­tung mit Abwan­de­rung, Deindus­tria­li­sie­rung, Armut oder feh­len­der Infra­struk­tur zusam­men­hängt, ist eine inter­es­san­te Fra­ge, die man jedoch ver­ta­gen soll­te, weil sie die erfreu­li­che Kern­bot­schaft unnö­tig kom­pli­ziert.

Am Ende bleibt eine beru­hi­gen­de Bot­schaft: Die Zukunft ist gesi­chert. Wir wer­den älter, sta­tis­tisch gesün­der viel­leicht, jeden­falls län­ger vor­han­den. Und solan­ge wir vor­han­den sind, gibt es bestimmt noch etwas zu erle­di­gen. Schließ­lich wäre es volks­wirt­schaft­lich gera­de­zu fahr­läs­sig, die gewon­ne­nen Lebens­mo­na­te ein­fach mit Leben zu ver­schwen­den.


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