Euro­pas Chi­na-Debat­te zwi­schen Wäh­rungs­fra­ge, Indus­trie­po­li­tik und his­to­ri­schem Ver­gleich

Der Han­dels­kon­flikt zwi­schen der Euro­päi­schen Uni­on und Chi­na hat eine neue wäh­rungs­po­li­ti­sche Dimen­si­on erhal­ten. Im Zen­trum steht die Fra­ge, ob der chi­ne­si­sche Ren­min­bi gegen­über wich­ti­gen west­li­chen Wäh­run­gen unter­be­wer­tet ist und chi­ne­si­schen Unter­neh­men dadurch zusätz­li­che Wett­be­werbs­vor­tei­le ver­schafft. Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz hat die­se Pro­ble­ma­tik öffent­lich auf­ge­grif­fen und eine deut­li­che Unter­be­wer­tung der chi­ne­si­schen Wäh­rung the­ma­ti­siert. In Brüs­sel wird die Debat­te vor dem Hin­ter­grund wach­sen­der chi­ne­si­scher Export­stär­ke in stra­te­gi­schen Indus­trien geführt, dar­un­ter Elek­tro­fahr­zeu­ge, Bat­te­rien, Solar­tech­nik, Stahl und Che­mie.

Der Ver­weis auf die Pla­za-Ver­ein­ba­rung von 1985 wird in die­sem Zusam­men­hang häu­fig als his­to­ri­scher Ver­gleich her­an­ge­zo­gen, muss jedoch prä­zi­se ein­ge­ord­net wer­den. Das Pla­za-Abkom­men war kei­ne Ver­ein­ba­rung über Chi­na oder den Ren­min­bi. Es wur­de von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Japan, West­deutsch­land, Frank­reich und dem Ver­ei­nig­ten König­reich geschlos­sen und ziel­te auf eine koor­di­nier­te Abwer­tung des US-Dol­lars gegen­über Wäh­run­gen wie dem Yen und der D‑Mark. Chi­na war dar­an nicht betei­ligt; der Ren­min­bi spiel­te in die­sem Abkom­men kei­ne Rol­le. Als direk­te Blau­pau­se für den heu­ti­gen Umgang mit Chi­na ist der Ver­gleich daher nur ein­ge­schränkt trag­fä­hig.

Die gegen­wär­ti­ge euro­päi­sche Sor­ge rich­tet sich weni­ger auf einen ein­zel­nen Wech­sel­kurs­me­cha­nis­mus als auf ein Bün­del struk­tu­rel­ler Wett­be­werbs­fra­gen. Chi­na ist in meh­re­ren Schlüs­sel­in­dus­trien zu einem zen­tra­len Anbie­ter gewor­den. Beson­ders sicht­bar ist dies bei Elek­tro­fahr­zeu­gen, Lithi­um-Ionen-Bat­te­rien, Solar­kom­po­nen­ten und kri­ti­schen Vor­pro­duk­ten. Für Euro­pa ent­steht dar­aus ein dop­pel­tes Pro­blem: Einer­seits pro­fi­tie­ren Ver­brau­cher und Unter­neh­men von güns­ti­gen Impor­ten und leis­tungs­fä­hi­gen Lie­fer­ket­ten. Ande­rer­seits wächst die Abhän­gig­keit von chi­ne­si­schen Her­stel­lern in Berei­chen, die für Ener­gie­wen­de, Mobi­li­tät und indus­tri­el­le Sou­ve­rä­ni­tät ent­schei­dend sind.

Der Begriff eines „Chi­na Shock 2.0“ beschreibt die­se Ent­wick­lung in zuge­spitz­ter Form. Gemeint ist nicht mehr pri­mär der Import­druck arbeits­in­ten­si­ver Nied­rig­lohn­pro­duk­te, wie er nach Chi­nas WTO-Bei­tritt 2001 in vie­len west­li­chen Indus­trie­re­gio­nen spür­bar wur­de. Heu­te geht es um tech­no­lo­gisch anspruchs­vol­le­re Bran­chen, in denen chi­ne­si­sche Unter­neh­men nicht nur über Kosten‑, son­dern zuneh­mend auch über Qualitäts‑, Ska­lie­rungs- und Inno­va­ti­ons­vor­tei­le ver­fü­gen. Der poli­ti­sche Kon­flikt ver­schiebt sich damit von klas­si­scher Import­kon­kur­renz hin zu einer Aus­ein­an­der­set­zung über Indus­trie­po­li­tik, Sub­ven­tio­nen, Über­ka­pa­zi­tä­ten, Markt­zu­gang und stra­te­gi­sche Abhän­gig­kei­ten.

Für die Euro­päi­sche Uni­on ergibt sich dar­aus ein schwie­ri­ger Balan­ce­akt. Eine rein pro­tek­tio­nis­ti­sche Ant­wort könn­te Lie­fer­ket­ten ver­teu­ern, die Ener­gie­wen­de ver­zö­gern und die euro­päi­sche Indus­trie zusätz­lich belas­ten. Zugleich wür­de ein pas­si­ves Fest­hal­ten am Sta­tus quo die Gefahr erhö­hen, dass euro­päi­sche Her­stel­ler in Schlüs­sel­bran­chen dau­er­haft Markt­an­tei­le ver­lie­ren. Des­halb setzt die EU zuneh­mend auf han­dels­po­li­ti­sche Schutz­in­stru­men­te, indus­trie­po­li­ti­sche För­der­pro­gram­me, Beschaf­fungs­re­geln und stren­ge­re Anfor­de­run­gen an stra­te­gisch sen­si­ble Lie­fer­ket­ten.

Die chi­ne­si­sche Sei­te weist euro­päi­sche Vor­wür­fe regel­mä­ßig als pro­tek­tio­nis­tisch zurück und ver­weist auf Effi­zi­enz, tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung und inter­na­tio­na­le Nach­fra­ge. Aus euro­päi­scher Per­spek­ti­ve steht dem die Sor­ge gegen­über, dass staat­li­che För­de­rung, güns­ti­ge Finan­zie­rung, indus­tri­el­le Über­ka­pa­zi­tä­ten und mög­li­che Wech­sel­kurs­ver­zer­run­gen zu Wett­be­werbs­be­din­gun­gen füh­ren, die euro­päi­sche Anbie­ter nicht allein durch Pro­duk­ti­vi­tät aus­glei­chen kön­nen. Genau an die­ser Schnitt­stel­le liegt der Kern des aktu­el­len Kon­flikts: Es geht nicht nur um Prei­se, son­dern um die Fra­ge, wel­che Regeln für glo­ba­len Wett­be­werb in stra­te­gi­schen Zukunfts­in­dus­trien gel­ten sol­len.

Eine sach­ge­rech­te Debat­te soll­te des­halb zwei Feh­ler ver­mei­den. Ers­tens soll­te sie his­to­ri­sche Ana­lo­gien wie das Pla­za-Abkom­men nicht über­deh­nen. Die Wäh­rungs­ord­nung von 1985 und der heu­ti­ge EU-Chi­na-Kon­flikt unter­schei­den sich grund­le­gend in Akteu­ren, wirt­schaft­li­cher Struk­tur und geo­po­li­ti­schem Kon­text. Zwei­tens soll­te sie chi­ne­si­sche Wett­be­werbs­stär­ke nicht aus­schließ­lich als Ergeb­nis unfai­rer Prak­ti­ken erklä­ren. Chi­nas indus­tri­el­le Posi­ti­on beruht auch auf Ska­len­ef­fek­ten, lang­fris­ti­ger Indus­trie­po­li­tik, tech­no­lo­gi­schem Ler­nen und hoher Inves­ti­ti­ons­dy­na­mik.

Für Euro­pa bleibt damit die stra­te­gi­sche Auf­ga­be, offe­ne Märk­te mit wirt­schaft­li­cher Resi­li­enz zu ver­bin­den. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet nicht, ob chi­ne­si­sche Pro­duk­te pau­schal abge­wehrt wer­den sol­len. Ent­schei­dend ist viel­mehr, wie Euro­pa fai­re Wett­be­werbs­be­din­gun­gen durch­setzt, eige­ne indus­tri­el­le Fähig­kei­ten stärkt und Abhän­gig­kei­ten in kri­ti­schen Sek­to­ren redu­ziert, ohne sich selbst von zen­tra­len Tech­no­lo­gien und Lie­fer­ket­ten abzu­schnei­den.


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