Die Bundesregierung preist die enge Zusammenarbeit mit Indien als große Chance: gut ausgebildete Fachkräfte, gezielte Visa, schnelle Anerkennungsverfahren, Global Skills Partnership, Ausbau von Deutschkursen. In offiziellen Reden klingt das nach einer perfekten Win-Win-Situation. Deutschland sichere seinen Wohlstand, Indien erhalte neue Perspektiven. Doch diese Darstellung ist einseitig, verkürzt und politisch bequem.
Denn sie blendet zentrale Realitäten aus – ökonomische, soziale und gesellschaftliche.
1. Deutschland in der Krise – und trotzdem Import von Arbeitskräften?
Deutschland befindet sich nicht in einer Phase des Aufschwungs, sondern in einer strukturellen Wirtschaftskrise:
- stagnierendes oder schrumpfendes Wachstum
- hohe Energiepreise
- Abwanderung von Industrie
- massive Probleme im Mittelstand
- steigende Insolvenzen
- wachsende Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt
In dieser Situation wird die Anwerbung ausländischer Fachkräfte als Allheilmittel präsentiert. Das ist politisch bequem, aber ökonomisch fragwürdig.
Denn die zentrale Frage lautet:
Wofür genau sollen all diese Menschen langfristig arbeiten, wenn gleichzeitig ganze Branchen unter Druck stehen oder verschwinden?
2. Die unbequeme Wahrheit: Integration funktioniert nur begrenzt
Deutschland hat in den letzten Jahren Millionen von Migranten aufgenommen. Unabhängig von der moralischen Bewertung ist eine nüchterne Feststellung unumgänglich:
- Ein erheblicher Teil ist nicht nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert.
- Sprachdefizite, Bildungsdefizite und Parallelstrukturen sind Realität, nicht Randphänomen.
- Die sozialen Sicherungssysteme stehen unter Druck.
- Kommunen sind überlastet – finanziell, organisatorisch, gesellschaftlich.
Trotzdem wird Migration weiterhin primär als ökonomische Ressource dargestellt. Das ist realitätsfern.
Wer die Integrationsprobleme der letzten Jahre nicht ehrlich analysiert, handelt fahrlässig, wenn er neue Zuwanderung in großem Stil plant.
3. Die große Leerstelle in der Debatte: soziale Folgen
In den politischen Reden ist viel von „Talenten“, „Fachkräften“ und „Wohlstandssicherung“ die Rede. Was fast vollständig fehlt, ist die soziale Dimension:
- Wohnungsmarkt (bereits heute massiv angespannt)
- Bildungssystem (überfordert in vielen Ballungsräumen)
- soziale Kohäsion
- kulturelle Konflikte
- Entstehung neuer Parallelmilieus
- Akzeptanz in der Bevölkerung
Migration wird technokratisch behandelt – als ließe sich Gesellschaft wie ein Unternehmen steuern. Menschen erscheinen als austauschbare Ressourcen, nicht als soziale Wesen mit Biografien, Bedürfnissen, Konfliktpotenzialen.
Das ist kein humanistischer Ansatz, sondern ein ökonomistischer.
4. KI und Robotik: Der Elefant im Raum
Besonders widersprüchlich wird die Fachkräftepolitik, wenn man den technologischen Wandel ernst nimmt.
Künstliche Intelligenz und Robotik werden in den kommenden Jahren:
- Büroarbeit automatisieren
- Teile der IT überflüssig machen
- Verwaltung verschlanken
- industrielle Prozesse radikal verändern
- ganze Berufsbilder verdrängen
Das betrifft nicht nur einfache Tätigkeiten, sondern zunehmend auch qualifizierte Berufe.
Während politisch der Mangel an Fachkräften beschworen wird, bereitet sich die Wirtschaft gleichzeitig auf den Abbau hunderttausender Stellen vor.
Diese beiden Erzählungen passen nicht zusammen.
Stattdessen müsste die Debatte lauten:
- Umschulung
- Qualifizierung der eigenen Bevölkerung
- Bildungsoffensive
- Anpassung des Sozialsystems
- neue Arbeitsmodelle
Doch darüber wird kaum gesprochen. Es ist offenbar einfacher, Arbeitskräfte zu importieren, als die eigenen strukturellen Defizite zu beheben.
5. Indien als „Talentreservoir“ – eine problematische Perspektive
Indien wird in der politischen Rhetorik fast ausschließlich als Quelle gut ausgebildeter junger Menschen dargestellt. Das klingt partnerschaftlich, ist aber in Wahrheit funktionalistisch:
- Indien liefert Arbeitskräfte
- Deutschland profitiert wirtschaftlich
- die sozialen Kosten tragen andere
Dabei wird ausgeblendet:
- dass Indien selbst Entwicklungsprobleme hat
- dass Abwanderung Hochqualifizierter dort Lücken reißt (Brain Drain)
- dass Migration nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich wirkt
Das ist keine echte Partnerschaft, sondern eine asymmetrische Zweckbeziehung.
6. Werte, Rhetorik und Realität
Politisch wird die Zusammenarbeit gerne mit „gemeinsamen Werten“ begründet: Demokratie, Freiheit, Weltordnung. Gleichzeitig wird:
- über Integrationsprobleme geschwiegen
- über soziale Spannungen nicht gesprochen
- über Überforderung von Kommunen hinweggeredet
- über kulturelle Konflikte tabuisiert
Das erzeugt ein Vertrauensproblem.
Eine Politik, die Probleme nicht benennt, verliert Glaubwürdigkeit – auch dann, wenn ihre Absichten gut gemeint sind.
7. Fazit: Fachkräftepolitik ohne Gesellschaftspolitik ist verantwortungslos
Die Anwerbung indischer Fachkräfte mag kurzfristig ökonomisch sinnvoll erscheinen. In der aktuellen Form ist sie jedoch:
- sozial blind
- ökonomisch kurzsichtig
- gesellschaftlich riskant
- und politisch unehrlich
Deutschland steht vor gewaltigen Umbrüchen:
- demografisch
- technologisch
- wirtschaftlich
- kulturell
Diese Herausforderungen lassen sich nicht durch Migration allein lösen. Im Gegenteil: Wenn sie unreflektiert betrieben wird, verstärkt sie bestehende Spannungen, statt sie zu lösen.
8. Zuspitzung
Deutschland braucht keine weiteren politischen Illusionen, sondern eine realistische, ehrliche und sozial verantwortliche Strategie.
Migration kann Teil davon sein – aber nur, wenn Integration, soziale Folgen, technologische Umbrüche und die Lage der eigenen Bevölkerung ernsthaft mitgedacht werden.
Alles andere ist Symbolpolitik.