Der BCG Global Wealth Report 2026 zeichnet für Deutschland auf den ersten Blick ein positives Bild: Das Nettovermögen stieg 2025 von 20,3 auf 23,3 Billionen US-Dollar, das Finanzvermögen auf 12,4 Billionen US-Dollar, Aktien und Fonds legten besonders stark zu. Deutschland bleibt damit einer der großen Vermögensmärkte weltweit.
Der Befund ist aber weniger eindeutig, als die Wachstumszahlen suggerieren. Ein Teil des deutschen Vermögensanstiegs ist ein Währungseffekt: Der Euro wertete gegenüber dem Dollar deutlich auf, wodurch die in US-Dollar ausgewiesenen Vermögen höher erscheinen. Das ist kein realer Wohlstandsgewinn für deutsche Haushalte.
Entscheidend ist daher nicht nur, wie viel Vermögen wächst, sondern bei wem. Laut BCG gibt es in Deutschland rund 5.000 Superreiche mit mehr als 100 Millionen US-Dollar Finanzvermögen. Diese Gruppe hält 27,3 % des gesamten deutschen Finanzvermögens. Demgegenüber stehen rund 66 Millionen Menschen mit weniger als 250.000 US-Dollar Finanzvermögen, die zusammen 35,9 % halten.
Das zeigt ein strukturelles Problem: Deutschland ist zwar vermögend, aber die Teilhabe am Vermögensaufbau ist ungleich verteilt. Wer bereits über großes Kapital verfügt, kann stärker in Aktien, Fonds, Private Equity und andere renditestarke Anlagen investieren. Wer wenig Vermögen hat, bleibt häufiger bei Einlagen, Bargeld oder Immobilienabhängigkeit stehen. BCG beschreibt genau diese „Finanzialisierung“ als Mechanismus, der vor allem obere Vermögenssegmente begünstigt.
Für Deutschland ist das politisch und wirtschaftlich relevant. Die traditionell vorsichtige Anlagekultur schützt zwar vor manchen Risiken, führt aber auch dazu, dass breite Bevölkerungsschichten weniger stark von Kapitalmarktgewinnen profitieren. Gleichzeitig dämpfen laut BCG stagnierendes BIP, alternde Bevölkerung, schwache Produktivität, Regulierung und eine geringe Kapitalmarktkultur die langfristige Wachstumsdynamik.
Mein Fazit: Der Report ist für Deutschland weniger eine Erfolgsmeldung als ein Warnsignal. Das Land verfügt über enormes privates Vermögen, nutzt es aber nicht optimal für breiten Wohlstandsaufbau, Produktivität und Zukunftsinvestitionen. Die zentrale Frage lautet nicht, ob Deutschland reich ist. Die Frage lautet, ob Vermögensbildung künftig breiter, produktiver und weniger stark von Erbschaften, Immobilien und bestehenden Kapitalpositionen abhängt.