Län­ge­re Lebens­ar­beits­zeit: Wenn Lebens­er­war­tung mit Arbeits­fä­hig­keit ver­wech­selt wird

Die Debat­te über eine län­ge­re Lebens­ar­beits­zeit gewinnt erneut an Schär­fe. Ange­sichts des demo­gra­fi­schen Wan­dels, stei­gen­der Ren­ten­aus­ga­ben und einer wach­sen­den Zahl älte­rer Men­schen im Ver­hält­nis zu Bei­trags­zah­lern wird immer häu­fi­ger gefor­dert, das Ren­ten­ein­tritts­al­ter wei­ter anzu­he­ben. In der poli­ti­schen Dis­kus­si­on steht dabei eine ein­fa­che For­mel im Raum: Wer län­ger lebt, müs­se auch län­ger arbei­ten. Die­se For­mel wirkt finanz­po­li­tisch plau­si­bel, greift aber sozi­al- und arbeits­markt­po­li­tisch zu kurz.

Der ent­schei­den­de Punkt ist die Unter­schei­dung zwi­schen Lebens­er­war­tung und Arbeits­fä­hig­keit. Zwar wer­den Men­schen im Durch­schnitt älter, doch dar­aus folgt nicht auto­ma­tisch, dass sie auch län­ger gesund, belast­bar und erwerbs­fä­hig blei­ben. Medi­zi­ni­scher Fort­schritt kann alters­be­ding­te Krank­hei­ten bes­ser behan­deln, chro­ni­sche Lei­den sta­bi­li­sie­ren und die Lebens­er­war­tung erhö­hen. Er bedeu­tet jedoch nicht zwin­gend, dass ein Mensch mit 67, 68 oder 70 Jah­ren noch kör­per­lich schwe­re Arbeit ver­rich­ten kann.

Beson­ders deut­lich wird die­ser Unter­schied bei Beru­fen mit hoher kör­per­li­cher Belas­tung. Auf dem Bau, in der Pfle­ge, in der Pro­duk­ti­on, in der Logis­tik, in der Rei­ni­gung oder bei Schicht­ar­beit sum­mie­ren sich über Jahr­zehn­te Belas­tun­gen, die sich nicht ohne Wei­te­res durch län­ge­re Lebens­er­war­tung aus­glei­chen las­sen. Heben, Tra­gen, Knien, Arbei­ten bei Hit­ze oder Käl­te, Nacht­ar­beit, Zeit­druck und Unfall­ri­si­ken hin­ter­las­sen Spu­ren. Wer früh ins Erwerbs­le­ben ein­ge­tre­ten ist, hat mit Anfang 60 oft bereits mehr als vier Jahr­zehn­te gear­bei­tet.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist auch die Dis­kus­si­on um eine mög­li­che Kopp­lung des Ren­ten­al­ters an die Lebens­er­war­tung kri­tisch zu betrach­ten. Sol­che Vor­schlä­ge erschei­nen auf agg­re­gier­ter Ebe­ne nach­voll­zieh­bar, weil sie die Finan­zie­rungs­ba­sis der Ren­ten­ver­si­che­rung sta­bi­li­sie­ren sol­len. Sie behan­deln aber sehr unter­schied­li­che Erwerbs­bio­gra­fien nach einem ein­heit­li­chen Maß­stab. Ein Büro­an­ge­stell­ter, eine Pro­fes­so­rin, ein Mau­rer und eine Pfle­ge­kraft mögen dem­sel­ben Geburts­jahr­gang ange­hö­ren, ihre beruf­li­che Belas­tung und ihre Chan­cen auf gesun­des Arbei­ten bis zur Regel­al­ters­gren­ze unter­schei­den sich jedoch erheb­lich.

Hin­zu kommt, dass schon die gel­ten­de Ren­te mit 67 nicht voll­stän­dig der tat­säch­li­chen Erwerbs­rea­li­tät ent­spricht. Vie­le Men­schen ver­las­sen den Arbeits­markt frü­her, sei es wegen gesund­heit­li­cher Ein­schrän­kun­gen, Arbeits­lo­sig­keit, Erwerbs­min­de­rung oder durch vor­ge­zo­ge­ne Alters­ren­te mit Abschlä­gen. Die gesetz­li­che Regel­al­ters­gren­ze beschreibt daher weni­ger die rea­le Leis­tungs­fä­hig­keit aller Beschäf­tig­ten als viel­mehr einen nor­ma­ti­ven Finan­zie­rungs­maß­stab. Wer ihn nicht erreicht, trägt häu­fig die finan­zi­el­len Fol­gen.

Pro­ble­ma­tisch wird es vor allem dann, wenn Son­der­we­ge für lang­jäh­rig Ver­si­cher­te ein­ge­schränkt oder abge­schafft wer­den sol­len. Lan­ge Bei­trags­zei­ten sind nicht nur eine rech­ne­ri­sche Grö­ße. Sie ste­hen häu­fig für frü­he Erwerbs­auf­nah­me und belas­ten­de Tätig­kei­ten. Wenn Bei­trags­jah­re allein künf­tig weni­ger Gewicht haben, ver­schiebt sich das Risi­ko stär­ker auf jene Beschäf­tig­ten, die beson­ders lan­ge und oft beson­ders hart gear­bei­tet haben.

Zwar ent­hal­ten Reform­vor­schlä­ge häu­fig auch Schutz­me­cha­nis­men: Gesund­heits­checks, Reha-Ange­bo­te, Fall­ma­nage­ment oder erleich­ter­te Zugän­ge zur Ren­te bei nach­ge­wie­se­ner gesund­heit­li­cher Ein­schrän­kung. Sol­che Instru­men­te kön­nen sinn­voll sein. Sie lösen aber das Grund­pro­blem nicht voll­stän­dig. Denn sie indi­vi­dua­li­sie­ren die Belas­tung: Wer nicht mehr kann, muss es nach­wei­sen. Die beruf­li­che Ver­schleiß­bio­gra­fie selbst wird damit nicht auto­ma­tisch als aus­rei­chen­der Grund aner­kannt.

Eine rea­li­täts­nä­he­re Ren­ten­po­li­tik müss­te des­halb stär­ker zwi­schen Berufs­grup­pen, Belas­tungs­pro­fi­len und Erwerbs­ver­läu­fen unter­schei­den. Län­ge­res Arbei­ten kann für vie­le Men­schen mög­lich und auch gewünscht sein. Es soll­te aber vor allem ermög­licht und nicht pau­schal erzwun­gen wer­den. Fle­xi­ble Über­gän­ge, Teil­ren­ten, alters­ge­rech­te Arbeits­plät­ze, tech­ni­sche Ent­las­tung, Wei­ter­bil­dung und fai­re Aus­stiegs­re­geln für beson­ders belas­te­te Tätig­kei­ten wären zen­tra­le Bau­stei­ne.

Die Finan­zie­rungs­pro­ble­me der gesetz­li­chen Ren­te sind real. Eine älter wer­den­de Gesell­schaft muss beant­wor­ten, wie die Las­ten zwi­schen Bei­trags­zah­lern, Steu­er­zah­lern und Rent­nern ver­teilt wer­den. Doch eine pau­scha­le Erhö­hung des Ren­ten­al­ters ist kei­ne neu­tra­le Lösung. Sie trifft Men­schen sehr unter­schied­lich und belas­tet vor allem jene, die kör­per­lich oder gesund­heit­lich am wenigs­ten Spiel­raum haben.

Am Ende steht daher eine nüch­ter­ne Erkennt­nis: Län­ge­res Leben bedeu­tet nicht auto­ma­tisch län­ge­re Arbeits­fä­hig­keit. Eine Ren­ten­po­li­tik, die die­sen Unter­schied igno­riert, ver­schiebt das Risi­ko des demo­gra­fi­schen Wan­dels auf die­je­ni­gen, deren Kör­per im Arbeits­le­ben am frü­hes­ten ver­schleißt.


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater