Rol­len­ver­schie­bung: Chi­na ent­wi­ckelt, Deutsch­land schraubt

Lan­ge galt Deutsch­land als Land der Inge­nieu­re, als Stand­ort, an dem nicht nur pro­du­ziert, son­dern vor allem ent­wi­ckelt, ver­bes­sert und per­fek­tio­niert wur­de. „Made in Ger­ma­ny“ stand für tech­no­lo­gi­sche Sub­stanz, indus­tri­el­le Tie­fe und hohe Wert­schöp­fung. Chi­na hin­ge­gen wur­de über Jahr­zehn­te häu­fig als Werk­bank der Welt beschrie­ben: ein Land, das west­li­che Pro­duk­te in gro­ßen Stück­zah­len fer­tig­te, aber sel­ten als Ursprung ent­schei­den­der tech­no­lo­gi­scher Inno­va­tio­nen wahr­ge­nom­men wur­de. Die­ses Bild ver­schiebt sich nun sicht­bar. Beson­ders die Auto­in­dus­trie zeigt, wie stark sich die indus­tri­el­le Rol­len­ver­tei­lung ver­än­dert hat: Chi­na ent­wi­ckelt, Deutsch­land droht zu schrau­ben.

Die mög­li­che Fer­ti­gung chi­ne­sisch ent­wi­ckel­ter Elek­tro­au­tos in deut­schen Volks­wa­gen-Wer­ken ist des­halb mehr als eine betriebs­wirt­schaft­li­che Rand­no­tiz. Auf den ers­ten Blick klingt der Gedan­ke prag­ma­tisch. Deut­sche Wer­ke sind teil­wei­se nicht aus­ge­las­tet, Arbeits­plät­ze ste­hen unter Druck, die Nach­fra­ge nach euro­päi­schen E‑Autos bleibt hin­ter Erwar­tun­gen zurück. Wenn chi­ne­si­sche Part­ner hel­fen könn­ten, Pro­duk­ti­ons­li­ni­en zu fül­len, Beschäf­ti­gung zu sichern und bestehen­de Infra­struk­tur zu nut­zen, wäre das kurz­fris­tig attrak­tiv. Doch genau in die­ser schein­ba­ren Ver­nunft liegt das eigent­li­che Pro­blem: Es geht nicht nur dar­um, ob in Deutsch­land noch Autos gebaut wer­den. Ent­schei­dend ist, wel­che Tei­le der Wert­schöp­fung in Deutsch­land blei­ben.

Das Auto des 21. Jahr­hun­derts ist nicht mehr pri­mär eine mecha­ni­sche Inge­nieurs­leis­tung. Es ist zuneh­mend eine digi­ta­le Platt­form auf Rädern. Soft­ware, Bat­te­rie­ar­chi­tek­tur, Daten­in­te­gra­ti­on, Lade­öko­sys­te­me, Fah­rer­as­sis­tenz­sys­te­me und Pro­duk­ti­ons­ska­lie­rung bestim­men den Wett­be­werb. Die End­mon­ta­ge bleibt wich­tig, aber sie ist nicht mehr auto­ma­tisch der Ort der höchs­ten Mar­ge und stra­te­gi­schen Kon­trol­le. Wer die Platt­form ent­wi­ckelt, die Soft­ware kon­trol­liert und die Bat­te­rie­kom­pe­tenz besitzt, beherrscht das Pro­dukt. Wer nur mon­tiert, bleibt aus­tausch­bar.

Genau dar­in liegt die Bri­sanz der neu­en Rol­len­ver­tei­lung. Wenn chi­ne­si­sche Her­stel­ler oder Joint-Ven­ture-Part­ner die Tech­no­lo­gie lie­fern und deut­sche Wer­ke ledig­lich die Fahr­zeu­ge zusam­men­schrau­ben, kehrt sich das alte indus­tri­el­le Selbst­ver­ständ­nis um. Frü­her lie­ßen deut­sche Unter­neh­men in Chi­na fer­ti­gen, weil dort Kos­ten, Kapa­zi­tä­ten und Markt­zu­gang attrak­tiv waren. Heu­te könn­te Deutsch­land selbst zum Fer­ti­gungs­stand­ort für chi­ne­si­sche Tech­no­lo­gie wer­den. Aus „Made in Ger­ma­ny“ wür­de dann im Kern „Engi­nee­red in Chi­na, assem­bled in Ger­ma­ny“.

Die­se Ent­wick­lung kommt nicht zufäl­lig. Chi­na hat sei­ne Auto­in­dus­trie über Jah­re stra­te­gisch auf­ge­baut. Der Staat setz­te kla­re indus­trie­po­li­ti­sche Prio­ri­tä­ten, för­der­te Elek­tro­mo­bi­li­tät, Bat­te­rie­tech­nik und Lade­infra­struk­tur und ermög­lich­te hei­mi­schen Unter­neh­men einen rie­si­gen Bin­nen­markt. Gleich­zei­tig muss­ten west­li­che Her­stel­ler, die in Chi­na erfolg­reich sein woll­ten, oft mit loka­len Part­nern koope­rie­ren. Dabei ent­stand nicht nur Pro­duk­ti­ons­er­fah­rung, son­dern auch tech­no­lo­gi­sches Ler­nen. Aus Nach­ah­mung wur­de Wett­be­werb, aus Wett­be­werb wur­de Füh­rungs­an­spruch.

Deutsch­land dage­gen hat sich zu lan­ge auf den Erfolg des Ver­bren­nungs­mo­tors ver­las­sen. Die tech­ni­sche Exzel­lenz klas­si­scher Antrie­be wur­de zur Stär­ke, aber auch zur Fal­le. Wäh­rend chi­ne­si­sche Anbie­ter bei Elek­tro­au­tos Geschwin­dig­keit, digi­ta­le Nut­zer­er­fah­rung und Kos­ten­struk­tur opti­mier­ten, dis­ku­tier­te Deutsch­land lan­ge über Über­gangs­fris­ten, Regu­lie­rung und den Erhalt bestehen­der Geschäfts­mo­del­le. Das Ergeb­nis ist eine Indus­trie, die wei­ter­hin her­vor­ra­gend pro­du­zie­ren kann, aber in zen­tra­len Zukunfts­fel­dern unter Druck steht.

Das bedeu­tet nicht, dass Koope­ra­ti­on mit Chi­na grund­sätz­lich falsch wäre. Eine pau­scha­le Abschot­tung wäre öko­no­misch naiv und tech­no­lo­gisch ris­kant. Wenn deut­sche Unter­neh­men durch Zusam­men­ar­beit Zugang zu neu­en Platt­for­men, Bat­te­rie­kon­zep­ten oder Soft­ware­ar­chi­tek­tu­ren erhal­ten, kann Koope­ra­ti­on sinn­voll sein. Auch die Siche­rung von Beschäf­ti­gung ist kein neben­säch­li­ches Ziel. Indus­tri­el­le Trans­for­ma­ti­on darf nicht bedeu­ten, gan­ze Regio­nen und Beleg­schaf­ten fal­len­zu­las­sen.

Aber Wert­schöp­fung muss nach­hal­tig sein. Nach­hal­tig ist sie nicht schon dann, wenn irgend­wo in Deutsch­land ein Werk wei­ter­läuft. Nach­hal­tig ist sie erst, wenn Know-how, Ent­schei­dungs­macht und tech­no­lo­gi­sche Kom­pe­tenz im Land erhal­ten oder neu auf­ge­baut wer­den. Ein Werk, das aus­ge­las­tet ist, aber nur frem­de Tech­no­lo­gie mon­tiert, sichert kurz­fris­tig Arbeits­plät­ze. Es sichert jedoch nicht zwin­gend indus­tri­el­le Sou­ve­rä­ni­tät.

Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet daher nicht: Soll Deutsch­land chi­ne­si­sche Autos bau­en? Die Fra­ge lau­tet: Wel­che Rol­le will Deutsch­land in der nächs­ten indus­tri­el­len Ord­nung spie­len? Will es wei­ter­hin Pro­duk­te defi­nie­ren, Sys­te­me ent­wi­ckeln und Stan­dards set­zen? Oder will es vor allem Kapa­zi­tä­ten bereit­stel­len, wenn ande­re die ent­schei­den­den Tech­no­lo­gien kon­trol­lie­ren?

Die Gefahr besteht dar­in, dass Deutsch­land den Unter­schied zwi­schen Beschäf­ti­gungs­si­che­rung und indus­tri­el­ler Stär­ke ver­wech­selt. Eine vol­le Fabrik ist kein Beweis für tech­no­lo­gi­sche Füh­rungs­fä­hig­keit. Ein Land kann viel pro­du­zie­ren und den­noch an Ein­fluss ver­lie­ren, wenn die pro­fi­ta­blen und stra­te­gisch rele­van­ten Ent­schei­dun­gen anders­wo fal­len. Gera­de die Auto­in­dus­trie zeigt, dass indus­tri­el­le Macht nicht mehr allein an Stück­zah­len hängt, son­dern an Platt­for­men, Soft­ware, Bat­te­rien und Geschwin­dig­keit.

Des­halb ist die Rol­len­ver­schie­bung zwi­schen Chi­na und Deutsch­land ein Warn­si­gnal. Sie zeigt, dass frü­he­re Gewiss­hei­ten nicht mehr tra­gen. Chi­na ist nicht län­ger nur Absatz­markt oder ver­län­ger­te Werk­bank. Es ist Ent­wick­ler, Sys­tem­an­bie­ter und Wett­be­wer­ber. Deutsch­land wie­der­um muss ver­hin­dern, dass es aus­ge­rech­net in sei­ner Schlüs­sel­in­dus­trie auf die Rol­le des aus­füh­ren­den Fer­ti­gers redu­ziert wird.

Die Ant­wort dar­auf kann nicht nost­al­gi­sche Indus­trie­po­li­tik sein. Deutsch­land braucht schnel­le­re Ent­wick­lungs­zy­klen, stär­ke­re Soft­ware­kom­pe­tenz, mehr Bat­te­rie­wert­schöp­fung, bes­se­re Ska­lie­rung und eine rea­lis­ti­sche­re Hal­tung gegen­über glo­ba­lem Wett­be­werb. Es muss wie­der dort stark wer­den, wo die Wert­schöp­fung der Zukunft ent­steht. Sonst bleibt am Ende zwar die Pro­duk­ti­on im Land, aber die indus­tri­el­le Füh­rungs­rol­le wan­dert ab.

Die For­mel „Chi­na ent­wi­ckelt, Deutsch­land schraubt“ ist zuge­spitzt. Gera­de des­halb trifft sie einen wun­den Punkt. Sie beschreibt kei­ne zwangs­läu­fi­ge Zukunft, son­dern eine rea­le Gefahr. Ob sie ein­tritt, hängt davon ab, ob Deutsch­land die Trans­for­ma­ti­on der Indus­trie aktiv gestal­tet — oder ob es sich damit zufrie­den­gibt, die Pro­duk­te ande­rer zusam­men­zu­bau­en.


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