Wenn Emmanuel Macron und Friedrich Merz dieser Tage gemeinsam vor mediterraner Kulisse in Fort Brégançon posieren, ist das Bild zunächst makellos: zwei Staatschefs, die die „deutsch-französische Freundschaft“ beschwören, die Europa neuen Schwung verleihen wollen. Doch hinter den Kameras zeigt sich ein anderes, weniger strahlendes Bild – das von zwei Regierungen, die politisch wie wirtschaftlich angeschlagen sind und deren Autorität im eigenen Land ernsthaft erodiert.
Frankreich: Präsident ohne Mehrheit, Premier am Abgrund
In Frankreich ist die politische Krise mittlerweile offen ausgebrochen. Präsident Macron hatte nach dem Sieg des Rassemblement National bei der Europawahl 2024 überraschend Neuwahlen ausgerufen – eine Entscheidung, die sich als strategischer Fehler erweist. Seine Partei verlor die absolute Mehrheit, die Regierungsbildung geriet zur Zitterpartie. Premierminister François Bayrou, bereits der vierte Regierungschef in zwei Jahren, sieht sich nun einem Misstrauensvotum gegenüber, das er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht übersteht.
Die Bevölkerung hat das Vertrauen weitgehend verloren: Zwei Drittel der Franzosen fordern laut Umfragen inzwischen Macrons Rücktritt oder eine Auflösung des Parlaments. Währenddessen brodelt der soziale Unmut über geplante Sparmaßnahmen, die als unausweichlich dargestellt werden, um das Staatsdefizit von über fünf Prozent des BIP einzudämmen. Frankreich steuert auf eine Verschuldungsquote von mehr als 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu – eine Marke, die selbst im Vergleich zu Italien oder Griechenland Besorgnis erregt.
Die Wirtschaft liefert keine Entlastung: Kaum Wachstum, ein Rekordstand an Unternehmensinsolvenzen seit 2009, und die Renditen französischer Staatsanleihen erreichen das höchste Niveau seit 2011. Die einstige „Grande Nation“ Europas wirkt zunehmend blockiert – ein gefährlicher Zustand, gerade in Zeiten geopolitischer Krisen.
Deutschland: Stagnation und politische Selbstblockade
Auch auf deutscher Seite strahlt die politische Kulisse weit mehr als die Realität im Inneren. Kanzler Friedrich Merz, erst seit Januar 2025 im Amt, kämpft schon um seine Autorität. In Umfragen liegt die CDU inzwischen hinter der AfD. Nur ein Drittel der Bürger hält seine Regierung für krisenfest, und fast zwei Drittel äußern offene Unzufriedenheit mit seiner Arbeit.
Die Koalition, die er anführt, ist von internen Konflikten zerrüttet. Die jüngste Auseinandersetzung über die Ernennung einer Bundesverfassungsrichterin hat gezeigt, wie fragil die Regierungsbasis tatsächlich ist. Hinzu kommen unklare Linien in der Außenpolitik – etwa die Debatte über Waffenlieferungen an Israel – sowie wachsende Zweifel an der wirtschaftlichen Kompetenz der Regierung.
Denn die ökonomischen Daten sprechen eine deutliche Sprache: Das deutsche BIP schrumpfte im zweiten Quartal 2025 um 0,3 Prozent, die Industrie leidet unter schwacher Nachfrage und globalen Unsicherheiten, und die Zahl der Firmenpleiten steigt rapide. Die „Werkbank Europas“ verliert an Schwung, während strukturelle Probleme – Fachkräftemangel, demografischer Druck, überbordende Bürokratie – ungelöst bleiben. Zwar hat die Regierung mit einem Billionen-Investitionspaket („Made for Germany“) gegengesteuert, doch Wirtschaftsforscher kritisieren die Langsamkeit und mangelnde Zielgenauigkeit der Reformen.
Symbolische Nähe, reale Ferne
In dieser Lage erscheint das Treffen in Brégançon fast wie ein Bühnenstück: zwei Staatschefs, die mit gestelzten Worten Einigkeit beschwören und von „europäischer Dynamik“ sprechen – während ihnen im eigenen Land die politische Basis entgleitet. Macron, ohne stabile Mehrheit und mit einem schwankenden Premier, ringt ums Überleben. Merz, geschwächt durch sinkende Umfragen und Koalitionsstreit, kämpft um Autorität.
Die deutsch-französische Achse galt lange als Motor Europas. Heute wirkt sie eher wie eine Rettungsleine, an der sich zwei angeschlagene Staatsmänner gegenseitig festhalten. Ob daraus die versprochene Erneuerung Europas erwächst – oder ob die schönen Bilder nur das Bild einer tiefen Krise überdecken – ist derzeit die eigentliche Frage.