Schutz von Kin­dern und Jugend­li­chen vor Kin­des­ent­zie­hung, Zwangs­ver­hei­ra­tung und weib­li­cher Geni­tal­ver­stüm­me­lung

Haa­ger Über­ein­kom­men über die zivil­recht­li­chen Aspek­te inter­na­tio­na­ler Kin­des­ent­füh­rung und Schutz von Kin­dern und Jugend­li­chen vor grenz­über­schrei­ten­der Kin­des­ent­zie­hung, Zwangs­ver­hei­ra­tung und weib­li­cher Geni­tal­ver­stüm­me­lung

Wor­um es ins­ge­samt geht

Die Bun­des­re­gie­rung beant­wor­tet eine Klei­ne Anfra­ge der AfD-Frak­ti­on zu inter­na­tio­na­len Kin­des­ent­zie­hun­gen, Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen, weib­li­cher Geni­tal­ver­stüm­me­lung (FGM) und Schutz­lü­cken im deut­schen und inter­na­tio­na­len Recht. Die Ant­wor­ten zei­gen: Vie­le Daten feh­len, Straf­ver­fol­gung ist sel­ten, und Schutz­me­cha­nis­men sind oft unzu­rei­chend.

1. Zwangs­ver­hei­ra­tung & Ver­schlep­pung

  • Jähr­lich ver­schwin­den Mäd­chen nach Feri­en­rei­sen, oft in Her­kunfts­län­der der Eltern.
  • Dort kommt es zu Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen, Lebens­ent­wür­fen gegen ihren Wil­len oder FGM.
  • Bera­tungs­stel­len berich­ten von hohen Fall­zah­len, aber kei­ne bun­des­wei­te Sta­tis­tik exis­tiert.
  • Straf­ver­fol­gung fin­det prak­tisch nicht statt.

2. Weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung (FGM)

  • Schät­zun­gen: 123.000 Frau­en und Mäd­chen in Deutsch­land betrof­fen oder bedroht.
  • Davon 11.100 min­der­jäh­rig poten­zi­ell betrof­fen, bis zu 25.000 gefähr­det.
  • Poli­zei­lich erfasst: 2024 nur 1 Fall, 2023 nur 3 Fäl­le.
  • Seit Ein­füh­rung der Aus­land­straf­bar­keit 2015: kei­ne bekann­te Ver­ur­tei­lung.

3. Kin­des­ent­zie­hung ins Aus­land

  • HKÜ (Haa­ger Kin­des­ent­füh­rungs­über­ein­kom­men) gilt nur zwi­schen Ver­trags­staa­ten.
  • Für vie­le rele­van­te Her­kunfts­län­der (ara­bi­sche, nord­afri­ka­ni­sche, zen­tral­asia­ti­sche Staa­ten) kein Rück­füh­rungs­me­cha­nis­mus.
  • Deutsch­land hat kei­ne bila­te­ra­len Abkom­men, anders als Frank­reich, Schwe­den, Schweiz.
  • Rück­füh­run­gen schei­tern oft wegen:
    • lan­gen Ver­fah­ren,
    • Unter­tau­chen,
    • feh­len­der Voll­stre­ckungs­mög­lich­kei­ten.

Daten­la­ge & Sta­tis­tik­pro­ble­me

  • Kei­ne Sta­tis­tik zu Kin­des­ent­zie­hun­gen in Nicht-HKÜ-Staa­ten.
  • Kei­ne Daten zu Ermitt­lun­gen nach § 235 StGB (Ent­zie­hung Min­der­jäh­ri­ger) mit Aus­lands­be­zug.
  • Kei­ne Daten zu Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen nach Rück­kehr.
  • Kei­ne Daten zu FGM-Fäl­len nach Rück­kehr.
  • Kei­ne Daten zu Früh­warn­me­cha­nis­men in Schu­len.
  • Kei­ne Daten zu Anwen­dung des Pass­ge­set­zes gegen FGM-Aus­rei­sen.

Recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen

  • Zwangs­hei­rat (§ 237 StGB) seit 2011 straf­bar.
  • FGM (§ 226a StGB) seit 2013 straf­bar, seit 2015 auch im Aus­land.
  • Pass­ge­setz seit 2017: Pass­ver­sa­gung bei FGM-Ver­dacht mög­lich.
  • Trotz­dem: kaum Straf­ver­fol­gung, kaum Anwen­dung, kei­ne Sta­tis­tik.

Ant­wor­ten der Bun­des­re­gie­rung – Kern­aus­sa­gen

1. Schutz­lü­cken bestehen

  • Bun­des­re­gie­rung erkennt selbst: Geset­zes­la­ge nicht aus­rei­chend, um Kin­des­ent­füh­run­gen effek­tiv zu ver­hin­dern.

2. Kei­ne Plä­ne für neue Sta­tis­ti­ken

  • Weder für Nicht-HKÜ-Staa­ten noch für Zwangs­ver­hei­ra­tun­gen oder FGM.

3. Kei­ne bila­te­ra­len Abkom­men geplant

  • Deutsch­land setzt auf mul­ti­la­te­ra­le Abkom­men.
  • EU hat aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit für inter­na­tio­na­le Kind­schafts­ab­kom­men.

4. Kon­su­la­ri­sche Hil­fe begrenzt

  • Aus­lands­ver­tre­tun­gen haben kei­ne recht­li­che Hand­ha­be in Nicht-HKÜ-Staa­ten.
  • Unter­stüt­zung ist oft nur bera­tend.

5. Schu­len & Jugend­äm­ter

  • Kein bun­des­wei­tes Ver­fah­ren bei Ver­dacht auf Ver­schlep­pung.
  • Zustän­dig­keit liegt bei Län­dern; Vor­ge­hen ist unein­heit­lich.

6. Geplan­te Ver­bes­se­run­gen

  • Umset­zung der EU-Richt­li­nie 2024/1712:
    • Min­dest­stan­dards zur Erken­nung von Men­schen­han­del.
    • Zwangs­hei­rat künf­tig als Men­schen­han­dels­form erfasst.
  • Erwei­te­rung des § 226a StGB geplant (Erfas­sung der Ver­an­las­sung von FGM).

Spe­zi­al­fall Ukrai­ne

  • Seit dem Krieg deut­lich mehr Fäl­le.
  • Fall­zah­len 2008–2025 für Ent­füh­run­gen Deutsch­land ↔ Ukrai­ne wer­den detail­liert auf­ge­lis­tet.
  • Deutsch­land arbei­tet in inter­na­tio­na­len Grup­pen (z. B. CGU) an Lösun­gen.

Über­grei­fen­de Erkennt­nis

Die Bun­des­re­gie­rung bestä­tigt:

  • Gro­ße Dun­kel­zif­fern
  • Feh­len­de Daten
  • Unzu­rei­chen­de Prä­ven­ti­on
  • Schwa­che inter­na­tio­na­le Durch­set­zungs­mög­lich­kei­ten
  • Kaum Straf­ver­fol­gung bei FGM und Zwangs­ver­hei­ra­tung
  • Kei­ne ein­heit­li­chen Ver­fah­ren zwi­schen Behör­den

Quel­le: Bun­des­tags­druck­sa­che 21/7617

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