Stra­te­gie statt Emo­tio­nen

Je schwie­ri­ger die Situa­ti­on, des­to wich­ti­ger sind Distanz, Stra­te­gie und vor­her defi­nier­te Spiel­re­geln

Beim Inves­tie­ren ent­ste­hen die größ­ten Feh­ler oft nicht dann, wenn Anle­ger zu wenig wis­sen, son­dern wenn Emo­tio­nen die Kon­trol­le über­neh­men. Solan­ge die Märk­te ruhig sind und Kur­se stei­gen, fällt es ver­gleichs­wei­se leicht, ratio­nal zu han­deln. Schwie­ri­ger wird es in Pha­sen star­ker Schwan­kun­gen, bei über­ra­schen­den Nach­rich­ten oder wenn eine ein­zel­ne Posi­ti­on deut­lich an Wert ver­liert. Genau dann zeigt sich, wie belast­bar eine Invest­ment­stra­te­gie tat­säch­lich ist. Der Grund­satz „Je schwie­ri­ger die Situa­ti­on, des­to wich­ti­ger sind Distanz, Stra­te­gie und vor­her defi­nier­te Spiel­re­geln“ beschreibt des­halb eine der zen­tra­len Vor­aus­set­zun­gen für lang­fris­tig erfolg­rei­ches Inves­tie­ren.

Emo­tio­nen gehö­ren grund­sätz­lich zum mensch­li­chen Ent­schei­dungs­ver­hal­ten. Angst, Gier, Hoff­nung oder Unsi­cher­heit las­sen sich auch an der Bör­se nicht voll­stän­dig aus­schal­ten. Pro­ble­ma­tisch wer­den sie jedoch, wenn sie ratio­na­le Ent­schei­dun­gen ver­drän­gen. Nach star­ken Kurs­ver­lus­ten ent­steht bei­spiels­wei­se schnell der Wunsch, eine Posi­ti­on zu ver­kau­fen, um wei­te­re Ver­lus­te zu ver­mei­den. Nach län­ge­ren Kurs­an­stie­gen kann dage­gen die Angst auf­kom­men, eine außer­ge­wöhn­li­che Chan­ce zu ver­pas­sen. Anle­ger kau­fen dann mög­li­cher­wei­se zu hohen Prei­sen, weil sie nicht län­ger am Sei­ten­rand ste­hen wol­len. In bei­den Fäl­len wird nicht mehr auf Grund­la­ge einer kla­ren Ana­ly­se ent­schie­den, son­dern als Reak­ti­on auf eine emo­tio­na­le Situa­ti­on.

Beson­ders stark wirkt dabei die soge­nann­te Ver­lust­aver­si­on. Ver­lus­te wer­den psy­cho­lo­gisch meist inten­si­ver wahr­ge­nom­men als gleich hohe Gewin­ne. Ein Minus von 20 Pro­zent belas­tet vie­le Anle­ger stär­ker, als ein Gewinn von 20 Pro­zent Freu­de aus­löst. Die­se Asym­me­trie kann zu pro­ble­ma­ti­schen Ent­schei­dun­gen füh­ren. Man­che Anle­ger ver­kau­fen hoch­wer­ti­ge Unter­neh­men wäh­rend eines Kurs­rück­gangs aus Angst vor wei­te­ren Ver­lus­ten. Ande­re hal­ten dage­gen an schwa­chen Invest­ments fest, weil sie einen bereits ent­stan­de­nen Ver­lust nicht rea­li­sie­ren möch­ten. Statt die aktu­el­le Situa­ti­on nüch­tern zu beur­tei­len, ori­en­tie­ren sie sich an ihrem ursprüng­li­chen Kauf­preis und hof­fen dar­auf, irgend­wann wie­der „bei null“ zu sein.

Hin­zu kommt, dass Anle­ger leicht eine emo­tio­na­le Bin­dung zu ihren Invest­ments ent­wi­ckeln. Wer sich lan­ge mit einem Unter­neh­men beschäf­tigt oder bereits mehr­fach erfolg­reich mit einer Aktie war, kann anfan­gen, die eige­ne Invest­ment­the­se mit der eige­nen Per­son zu ver­bin­den. Nega­ti­ve Infor­ma­tio­nen wer­den dann rela­ti­viert, wäh­rend posi­ti­ve Nach­rich­ten beson­ders stark gewich­tet wer­den. Aus einer über­prüf­ba­ren The­se wird schritt­wei­se eine Über­zeu­gung, die kaum noch infra­ge gestellt wird. Genau an die­sem Punkt fehlt die not­wen­di­ge Distanz.

Ein ähn­li­ches Prin­zip beschreibt der Ver­hand­lungs­exper­te Mat­thi­as Schran­ner für schwie­ri­ge Ver­hand­lun­gen. Je grö­ßer der Druck und je stär­ker die per­sön­li­che Betrof­fen­heit, des­to wich­ti­ger wer­den emo­tio­na­le Distanz, eine kla­re Stra­te­gie und vor­her defi­nier­te Regeln. Auf das Inves­tie­ren lässt sich die­ser Gedan­ke unmit­tel­bar über­tra­gen. Anle­ger soll­ten wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen mög­lichst nicht erst in einer Kri­se tref­fen. Sie soll­ten bereits vor­her fest­le­gen, nach wel­chen Kri­te­ri­en sie inves­tie­ren und unter wel­chen Bedin­gun­gen sie ihre Ein­schät­zung ändern.

Dazu gehört bei­spiels­wei­se die Fra­ge, wel­che Unter­neh­men grund­sätz­lich für ein Invest­ment infra­ge kom­men, wel­che Bewer­tung akzep­ta­bel erscheint oder wie groß eine ein­zel­ne Posi­ti­on im Port­fo­lio maxi­mal wer­den darf. Eben­so wich­tig ist es, Kri­te­ri­en für einen mög­li­chen Ver­kauf fest­zu­le­gen. Ein sin­ken­der Akti­en­kurs allein muss kein Ver­kaufs­grund sein. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob sich die fun­da­men­ta­len Annah­men ver­än­dert haben. Ver­schlech­tert sich das Geschäfts­mo­dell dau­er­haft? Hat das Unter­neh­men sei­ne Wett­be­werbs­vor­tei­le ver­lo­ren? Steigt die Ver­schul­dung auf ein pro­ble­ma­ti­sches Niveau? Oder war die ursprüng­li­che Bewer­tung schlicht zu opti­mis­tisch? Sol­che Kri­te­ri­en schaf­fen einen ratio­na­len Rah­men für Ent­schei­dun­gen, bevor Angst oder Eupho­rie ent­ste­hen.

Vor­her defi­nier­te Spiel­re­geln bedeu­ten dabei nicht, dass ein Inves­tor starr an ein­mal getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen fest­hal­ten soll­te. Eine gute Stra­te­gie muss neue Infor­ma­tio­nen berück­sich­ti­gen kön­nen. Ent­schei­dend ist jedoch, zwi­schen einer Ver­än­de­rung der Fak­ten und einer Ver­än­de­rung der eige­nen Stim­mung zu unter­schei­den. Fällt eine Aktie um 30 Pro­zent, lau­tet die emo­tio­na­le Fra­ge häu­fig: „Soll ich ver­kau­fen, bevor ich noch mehr ver­lie­re?“ Die stra­te­gi­sche Fra­ge ist eine ande­re: „Wel­che mei­ner ursprüng­li­chen Annah­men haben sich ver­än­dert, und wie attrak­tiv ist das Invest­ment beim heu­ti­gen Preis?“ Allein die­se ande­re Fra­ge­stel­lung kann die Qua­li­tät einer Ent­schei­dung erheb­lich ver­bes­sern.

Auch in eupho­ri­schen Markt­pha­sen sind sol­che Regeln wich­tig. Wenn Kur­se über län­ge­re Zeit stei­gen, erscheint Risi­ko zuneh­mend harm­los. Erfolg­rei­che Invest­ments kön­nen den Ein­druck ver­mit­teln, man ver­fü­ge über beson­de­re Fähig­kei­ten oder habe den Markt beson­ders gut ver­stan­den. Dadurch steigt die Gefahr der Selbst­über­schät­zung. Posi­tio­nen wer­den grö­ßer, Bewer­tun­gen weni­ger kri­tisch betrach­tet und Risi­ken zuneh­mend igno­riert. Eine vor­her fest­ge­leg­te Port­fo­lio­struk­tur oder maxi­ma­le Posi­ti­ons­grö­ße kann in sol­chen Pha­sen ver­hin­dern, dass kurz­fris­ti­ger Erfolg zu über­mä­ßi­ger Risi­ko­be­reit­schaft führt.

Pro­fes­sio­nel­les Inves­tie­ren bedeu­tet des­halb nicht, kei­ne Emo­tio­nen zu haben. Es bedeu­tet, Struk­tu­ren zu schaf­fen, die ver­hin­dern, dass Emo­tio­nen unmit­tel­bar zu Hand­lun­gen füh­ren. Zwi­schen einem Ereig­nis und einer Invest­ment­ent­schei­dung soll­te mög­lichst ein ana­ly­ti­scher Pro­zess ste­hen. Was hat sich tat­säch­lich ver­än­dert? Wel­che Infor­ma­tio­nen sind neu? Wel­che Aus­wir­kun­gen haben sie auf den zukünf­ti­gen Wert des Unter­neh­mens? Ent­spricht die aktu­el­le Ent­schei­dung noch der ursprüng­li­chen Stra­te­gie? Erst wenn die­se Fra­gen beant­wor­tet sind, soll­te gehan­delt wer­den.

Gera­de in Kri­sen zeigt sich der Wert die­ses Ansat­zes. Wenn Märk­te stark fal­len, Nach­rich­ten nega­tiv sind und die Unsi­cher­heit hoch ist, wird emo­tio­na­le Distanz beson­ders schwie­rig – und gleich­zei­tig beson­ders wert­voll. Wer sei­ne Ent­schei­dun­gen erst in die­sem Moment impro­vi­siert, läuft Gefahr, vom Markt­ge­sche­hen getrie­ben zu wer­den. Wer dage­gen bereits vor­her eine Stra­te­gie ent­wi­ckelt und kla­re Spiel­re­geln defi­niert hat, besitzt einen Ori­en­tie­rungs­rah­men.

Lang­fris­ti­ger Anla­ge­er­folg hängt des­halb nicht nur davon ab, gute Unter­neh­men oder attrak­ti­ve Wert­pa­pie­re zu fin­den. Eben­so wich­tig ist die Fähig­keit, das eige­ne Ver­hal­ten zu kon­trol­lie­ren. Märk­te las­sen sich nicht kon­trol­lie­ren, die eige­ne Ent­schei­dungs­struk­tur dage­gen sehr wohl. Je grö­ßer die Unsi­cher­heit und je stär­ker die Emo­tio­nen wer­den, des­to wich­ti­ger ist es daher, nicht spon­tan zu reagie­ren, son­dern auf das zurück­zu­grei­fen, was bereits in ruhi­ge­ren Zei­ten fest­ge­legt wur­de: Distanz, Stra­te­gie und kla­re Spiel­re­geln.

Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater