Wade­phul, der Total­ver­sa­ger

Deutsch­lands UN-Nie­der­la­ge: Ein selbst­ver­schul­de­tes Deba­kel

Das Schei­tern Deutsch­lands bei der Wahl in den UN-Sicher­heits­rat ist kei­ne pein­li­che Epi­so­de der Diplo­ma­tie, son­dern ein außen­po­li­ti­sches Armuts­zeug­nis. Wer bei einer sol­chen Kan­di­da­tur bereits im ers­ten Wahl­gang an Por­tu­gal und Öster­reich schei­tert – an einem klei­nen Land mit kolo­nia­ler Ver­gan­gen­heit und einem Neu­tra­len ohne nen­nens­wer­tes geo­po­li­ti­sches Gewicht –, kann das Ergeb­nis nicht beschö­ni­gen. Deutsch­land hat sich gründ­lich ver­schätzt, was sein poli­ti­sches Gewicht in der Welt noch wert ist. Mage­re 104 Stim­men sind kein Betriebs­un­fall, son­dern das ehr­li­che Echo auf jah­re­lan­ge Selbst­über­schät­zung: Anspruch und Wirk­lich­keit deut­scher Außen­po­li­tik klaf­fen mei­len­weit aus­ein­an­der.

Das eigent­li­che Pro­blem ist die Selbst­ge­wiss­heit, mit der Ber­lin den eige­nen Ein­fluss aus Wirt­schafts­kraft, Bei­trags­zah­lun­gen und mora­li­schem Sen­dungs­be­wusst­sein ablei­tet. Doch in der Gene­ral­ver­samm­lung las­sen sich Stim­men nicht kau­fen, und gute Absich­ten erset­zen kei­ne belast­ba­ren Bezie­hun­gen. Genau hier offen­bart sich das Ver­sa­gen: Wäh­rend Por­tu­gal sei­ne his­to­ri­schen Ver­bin­dun­gen nach Afri­ka und Latein­ame­ri­ka aus­spielt und Öster­reich von glaub­wür­di­ger Neu­tra­li­tät pro­fi­tiert, steht Deutsch­land mit lee­ren Hän­den da. Vie­le Staa­ten bewer­ten Außen­po­li­tik schlicht nüch­ter­ner und inter­es­sen­ge­lei­te­ter, als Ber­lin es wahr­ha­ben will – oder ver­ste­hen will.

Auch die spä­te Kan­di­da­tur war kein Detail, son­dern ein gra­vie­ren­der stra­te­gi­scher Feh­ler. Diplo­ma­ti­sche Mehr­hei­ten ent­ste­hen über Jah­re, nicht in den letz­ten Tagen vor einer Abstim­mung. Dass Außen­mi­nis­ter Johann Wade­phul kurz vor der Wahl noch in New York um Stim­men wirbt, zeugt weni­ger von Enga­ge­ment als von Ver­säum­nis­sen: Wer erst auf den letz­ten Metern antritt, hat den eigent­li­chen Wett­be­werb längst ver­lo­ren. Die Nie­der­la­ge war damit abseh­bar – und haus­ge­macht.

Hin­zu kommt die inhalt­li­che Angreif­bar­keit deut­scher Außen­po­li­tik. Die deut­sche Hal­tung zum Gaza-Krieg, das Zögern bei der Ver­ur­tei­lung von Eska­la­tio­nen im Nahen Osten und die reflex­haf­te Bin­dung an west­li­che Bünd­nis­lo­gik haben im glo­ba­len Süden Miss­trau­en gesät. Ber­lin beschwört gern den Mul­ti­la­te­ra­lis­mus, wird aber zuneh­mend als par­tei­ischer Akteur wahr­ge­nom­men, der west­li­che Inter­es­sen ver­tei­digt, statt eigen­stän­dig zu ver­mit­teln. Gera­de die­se Ver­mitt­lungs­fä­hig­keit wäre im Sicher­heits­rat ent­schei­dend – und genau sie traut die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft Deutsch­land offen­bar nicht mehr zu.

Die Reak­tio­nen aus Ber­lin ver­schlim­mern den Ein­druck eher, als ihn zu mil­dern. Wenn Fried­rich Merz beteu­ert, Deutsch­land blei­be ein Stütz­pfei­ler des mul­ti­la­te­ra­len Sys­tems, ist das trot­zi­ge Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung. Ein Stütz­pfei­ler, dem bei einer zen­tra­len Abstim­mung die Gefolg­schaft ver­wei­gert wird, soll­te auf­hö­ren, sich selbst zu beru­hi­gen, und end­lich nach den Ursa­chen fra­gen. Und Wade­phuls Hin­weis, er habe sich per­sön­lich nichts vor­zu­wer­fen, ist ein Lehr­stück in Ver­ant­wor­tungs­flucht. Nie­mand ver­langt einen Rück­tritt – aber wer nicht ein­mal eine eige­ne Fehl­ein­schät­zung ein­räu­men kann, hat aus dem Deba­kel nichts gelernt.

Über­zeu­gen­der ist des­halb auch die innen­po­li­ti­sche Empö­rung nicht. Wenn die Oppo­si­ti­on das Ergeb­nis nur als „Bla­ma­ge“ aus­schlach­tet, ersetzt bil­li­ge Scha­den­freu­de kei­ne bes­se­re Stra­te­gie. Deutsch­land braucht weder Selbst­gei­ße­lung noch reflex­haf­te Ver­tei­di­gung, son­dern eine scho­nungs­lo­se Debat­te dar­über, war­um ihm inter­na­tio­nal das Ver­trau­en abhan­den­ge­kom­men ist. Dazu gehö­ren ver­läss­li­che Bezie­hun­gen jen­seits von Euro­pa und Nord­ame­ri­ka, ein Ende der beleh­ren­den Rhe­to­rik und eine Außen­po­li­tik, die die Inter­es­sen ande­rer Regio­nen nicht erst kurz vor Abstim­mun­gen ent­deckt.

Die Nie­der­la­ge im Sicher­heits­rat ist ein über­fäl­li­ger Rea­li­täts­check. Deutsch­land bleibt ein groß­zü­gi­ger Geld­ge­ber – aber Bedeu­tung lässt sich nicht her­bei­re­den, sie muss poli­tisch erar­bei­tet wer­den. Wer inter­na­tio­nal füh­ren will, muss zuhö­ren, ver­mit­teln und über Jah­re prä­sent sein, statt sich auf altem Anse­hen aus­zu­ru­hen. Dass Ber­lin die­se Lek­ti­on offen­bar erst durch eine Abstim­mungs­schlap­pe lernt, ist die bit­ters­te Erkennt­nis die­ses Schei­terns.


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