Es war ein Tag, wie er im Lehrbuch für Börsencrashs stehen könnte: Der S&P 500 stürzt dramatisch ab – und Kleinanleger greifen beherzt zu. Statt Angst oder Zurückhaltung zeigt sich erneut ein Muster, das sich seit Monaten durchzieht: „Buy the Dip“, also das Kaufen in fallende Kurse, bleibt die bevorzugte Strategie vieler Privatanleger. Doch die Realität straft diesen Optimismus zunehmend Lügen. Was als kluge Gelegenheit erscheint, entpuppt sich immer öfter als teure Falle.
Milliarden im freien Fall
Am vergangenen Donnerstag investierten Privatanleger 4,7 Milliarden US-Dollar in Aktien – der höchste Tageswert der letzten zehn Jahre, wie JPMorgan berichtet. Besonders gefragt waren ETFs auf den S&P 500 und Tech-Liebling Nvidia, während Tesla als einziger Titel der „Magnificent 7“ unter dem Strich verkauft wurde. Doch wer glaubte, das Schlimmste sei überstanden, wurde nur einen Tag später eines Besseren belehrt: Am Freitag verlor der S&P 500 weitere 3 %, der Dow Jones sackte um fast 1 300 Punkte ab, und der Nasdaq büßte knapp 4 % ein.
Ein gefährliches Muster
Das Verhalten der Kleinanleger wirkt auf den ersten Blick nachvollziehbar: Kursrückgänge bieten scheinbar günstige Einstiegschancen, insbesondere wenn die zugrundeliegenden Unternehmen solide erscheinen. Doch ein Blick auf die Zahlen offenbart, wie teuer dieser Optimismus ist. Laut JPMorgan liegen die Verluste der Privatanleger im Jahr 2022 bei -54 % – mehr als doppelt so hoch wie der Rückgang des S&P 500 (-18 %). Auch in diesem Jahr sieht es nicht besser aus: Während der breite Markt 8,3 % verloren hat, stehen Kleinanleger mit -12,9 % im Minus.
Der politische Faktor
Ein wesentlicher Treiber für die Marktverwerfungen ist die politische Unsicherheit. Auslöser des jüngsten Kursrutsches waren ankündigte Gegenzölle von Präsident Trump, die weit über das Erwartete hinausgingen. Die Furcht vor einem Handelskrieg wächst – ebenso die Sorge vor Inflation und einer globalen Wachstumsschwäche. Doch statt sich zurückzuhalten, scheinen viele Privatanleger entschlossener denn je zuzugreifen – in der Hoffnung auf einen schnellen Rebound.
Ein Mentalitätsproblem?
Die „Buy the Dip“-Strategie hat sich in den Jahren des billigen Geldes und der Tech-Hausse zwischen 2020 und 2021 bewährt – damals oft belohnt mit zweistelligen Renditen. Doch das Marktumfeld hat sich fundamental gewandelt. Zinserhöhungen, geopolitische Unsicherheiten und eine fragile Weltwirtschaft machen die Märkte anfälliger denn je. Wer heute kauft, tut das nicht mehr im Rückenwind der Zentralbanken, sondern in einem Sturm aus Risiken.
Fazit: Hoffnung ist keine Strategie
Der Reflex, in fallende Märkte zu investieren, ist tief in der Psyche vieler Anleger verankert – und wurde lange Zeit auch belohnt. Doch die Börse hat sich gewandelt, und die alten Reflexe könnten in dieser neuen Realität gefährlich sein. Wer den Dip kauft, sollte sich fragen: Kaufe ich einen temporären Rückschlag – oder den Anfang eines grundlegenden Abwärtstrends?
Eines steht fest: Wer in dieser Marktphase ohne Strategie, Risikomanagement und Augenmaß agiert, riskiert mehr als nur kurzfristige Verluste. Er riskiert, dauerhaft vom Markt abgestraft zu werden.