Warum fallende Rohkaffeepreise im Supermarkt kaum ankommen

Eine Einordnung zwischen Börse, Kostenstruktur und Marktmacht

Der Blick auf die Terminbörse zeigt derzeit sinkende Notierungen für Rohkaffee. Für viele Verbraucher liegt daher eine naheliegende Frage auf der Hand:
Warum wird Kaffee im Supermarkt trotzdem nicht günstiger?

Die kurze Antwort lautet: Weil der Börsenpreis nur ein Teil der Realität ist.
Die lange Antwort führt durch Lieferketten, Kostenstrukturen, Wechselkurse und Marktmechanismen – und genau dort entscheidet sich, ob aus einem fallenden Futures-Preis tatsächlich ein niedrigerer Regalpreis wird.

1. Zeitverzögerung: Zwischen Börse und Supermarkt liegen Monate

Rohkaffee wird von Röstern meist über Terminkontrakte beschafft – oft viele Monate im Voraus.
Bis daraus ein verkaufsfertiges Produkt wird, vergeht zusätzliche Zeit:

  • Import und Verzollung
  • Röstung und Verarbeitung
  • Verpackung und Logistik
  • Lagerbestände aus früheren, teureren Einkäufen

Selbst wenn die Notierungen heute fallen, spiegelt der Supermarktpreis daher häufig noch Kosten von gestern wider.

Wichtig:
Diese Erklärung gilt vor allem kurzfristig.
Bleiben Rohstoffpreise über längere Zeit niedrig, müssten Verbraucherpreise normalerweise folgen. Tun sie das nicht, sind andere Faktoren entscheidend.

2. Der Börsenpreis ist nur ein Teil des Endpreises

Der sogenannte C-Preis für Arabica bildet lediglich eine Komponente der Gesamtkosten.

Zum Endpreis tragen außerdem bei:

  • Energie für Röstung und Produktion
  • Transport- und Logistikkosten
  • Verpackungsmaterialien wie Glas, Aluminium oder Karton
  • Löhne entlang der Wertschöpfungskette
  • Handelsmargen von Röster und Einzelhandel

Je nach Produkt unterscheidet sich die Gewichtung stark:

  • Einfacher Filterkaffee: Rohkaffeeanteil oft 30–50 %
  • Kapseln und Markenprodukte: häufig unter 10 %

Das bedeutet:
Selbst deutliche Rückgänge an der Börse führen nicht automatisch zu spürbar niedrigeren Endpreisen – insbesondere bei margenstarken Premiumformaten.

3. Wechselkurs und Energiepreise überlagern den Rohstofftrend

Da Rohkaffee in US-Dollar gehandelt wird, beeinflusst der Wechselkurs den Verbraucherpreis erheblich:
Ein schwacher Euro kann fallende Weltmarktpreise neutralisieren – ein starker Euro verstärkt sie.
Aktuell wirkt der Wechselkurs preisdämpfend

Hinzu kommt:
In den vergangenen Jahren sind vor allem Energie- und Verpackungskosten stark gestiegen – Kostenblöcke, die heute einen größeren Anteil am Verkaufspreis haben als früher.

Damit verschiebt sich die Preislogik:
Nicht mehr der Rohstoff allein bestimmt den Regalpreis, sondern zunehmend industrielle und logistische Kosten.

4. Marktmacht, Wettbewerb und Margen

Der Kaffeemarkt ist zweigeteilt:

  • Auf der einen Seite stehen wenige große Röster und Marken mit hoher Preissetzungsmacht.
  • Auf der anderen Seite herrscht im deutschen Einzelhandel intensiver Preiswettbewerb, insbesondere durch Discounter und Eigenmarken.

Dass Preise trotz Wettbewerb hoch bleiben, deutet auf zwei mögliche Entwicklungen hin:

  1. Strukturell gestiegene Kosten, die Preissenkungen begrenzen.
  2. Ausgeweitete Margen nach der Inflationsphase – ein Phänomen, das in der ökonomischen Debatte teils als „Greedflation“ diskutiert wird.

Welche Erklärung überwiegt, ist empirisch umstritten – wahrscheinlich wirken beide.

5. Asymmetrische Preisweitergabe: Schnell nach oben, langsam nach unten

Ein bekanntes Muster vieler Konsumgütermärkte:

  • Kosten steigen → Preise steigen sofort.
  • Kosten fallen → Preise sinken verzögert oder gar nicht.

Gründe dafür sind unter anderem:

  • Preisanpassungskosten („Menu Costs“)
  • Stabilisierung von Gewinnmargen
  • Gewöhnungseffekte bei Konsumenten

Dieses Verhalten erklärt jedoch eher das Tempo der Preisreaktion – nicht dauerhaft hohe Preise ohne Kostendruck.

6. Der langfristige Kontext: Kaffee bleibt historisch teuer

Auch nach jüngsten Rückgängen liegen Rohkaffeepreise teils noch über den Durchschnittswerten der 2010er-Jahre.
Extreme Ausschläge seit 2020 hängen mit mehreren Faktoren zusammen:

  • Klimaschäden in wichtigen Anbauregionen
  • Störungen globaler Lieferketten
  • Währungsbewegungen

Selbst sinkende Futures bedeuten daher nicht zwingend eine Rückkehr zu früheren, deutlich niedrigeren Verbraucherpreisen.

Fazit: Fallende Börsenpreise sind nur der Anfang

Die Entwicklung des Kaffeepreises folgt keiner einfachen Linie von der Börse ins Supermarktregal. Entscheidend ist ein Zusammenspiel aus:

  • zeitlicher Verzögerung in der Lieferkette
  • komplexer Kostenstruktur jenseits des Rohstoffs
  • Wechselkurs- und Energieeffekten
  • Marktstruktur und Margenpolitik
  • asymmetrischer Preisweitergabe

Erst wenn mehrere dieser Faktoren gleichzeitig nach unten zeigen, werden Verbraucherpreise spürbar fallen.

Bis dahin gilt:
Sinkende Futures sind ein Signal – aber noch kein Rabatt im Supermarkt.


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