Die systematische Ausspähung der SPD-Spitze durch die Organisation Gehlen und später den BND in den Jahren 1953 bis 1962 stellt eines der dunkelsten Kapitel der frühen Bundesrepublik dar. Konrad Adenauer, der als „Vater der Bundesrepublik“ gefeiert wird, erwies sich hier nicht als Hüter der demokratischen Ordnung, sondern als ihr subtilster Untergräber. Statt die SPD als legitimen parlamentarischen Gegner zu akzeptieren, behandelte er sie als existenzielle Bedrohung und instrumentalisierte einen staatlichen Auslandsgeheimdienst für parteipolitische Inlandsspionage – ein klarer Verfassungsbruch, der die Grundprinzipien der Gewaltenteilung und des fairen politischen Wettbewerbs verletzte.
Unter der Regie von Hans Globke, einem Mann mit schwerer NS-Vergangenheit, und Reinhard Gehlen entstand ein effizientes System der Überwachung. Fast 500 Berichte, in heißen Phasen bis zu zwölf pro Tag, landeten auf Adenauers Schreibtisch. Sie enthielten nicht nur strategische Interna, Wahlkampfpläne und taktische Überlegungen, sondern auch höchstpersönliche Informationen über den Gesundheitszustand von Politikern wie Willy Brandt und Herbert Wehner. Der Kanzler kommentierte diese Berichte teilweise handschriftlich – ein erschreckendes Indiz, wie sehr er diese illegal erlangten Informationen als normales Regierungswerkzeug betrachtete.
Besonders perfide war die personelle Konstruktion: Ein SPD-Funktionär wie Siegfried Ortloff wurde als Maulwurf eingesetzt, während Siegfried Ziegler als Doppelagent innerhalb der Partei fungierte. So wurde die innerste Führung der Opposition gläsern gemacht. Adenauer sicherte sich damit einen massiven, undemokratischen Wettbewerbsvorteil, der die „Adenauer-Wahlen“ mitprägte. Der Vergleich mit Watergate drängt sich auf – nur dass Nixon für seinen Skandal stürzte, während Adenauer unbeschadet blieb und bis heute weitgehend unkritisch glorifiziert wird.
Diese Affäre entlarvt die tiefe Ambivalenz der Ära Adenauer. Gewiss: Der Kanzler leistete Historisches bei der Westintegration und dem Aufbau einer stabilen Demokratie. Doch gleichzeitig zeigte er ein autoritäres Demokratieverständnis, das den politischen Gegner nicht als Partner in der pluralistischen Ordnung, sondern als Feind behandelte. Die personellen Kontinuitäten zum NS-Regime im Sicherheitsapparat verstärkten diesen autoritären Zug zusätzlich. Dass solche Praktiken jahrelang möglich waren, ohne dass die Institutionen wirksam eingriffen, legt die Fragilität der jungen Bundesrepublik schonungslos offen.
Die späte Aufarbeitung durch die Unabhängige Historikerkommission unter Klaus-Dietmar Henke ist verdienstvoll, ändert aber nichts daran, dass das offizielle Geschichtsbild Adenauers bis heute viel zu glatt bleibt. Wer die Gründungsgeschichte der Bundesrepublik ehrlich betrachtet, muss anerkennen: Die Demokratie wurde nicht nur gegen äußere Feinde verteidigt, sondern auch gegen ihre eigenen Gründerväter geschützt. Adenauers Spionageaffäre bleibt ein mahnendes Beispiel dafür, wie schnell Machtkonzentration und „Staatsräson“ zu einem schleichenden Verfassungsverrat führen können.