Wie Geld wirk­lich ent­steht: Die Mecha­nis­men unse­res moder­nen Finanz­sys­tems

Die Ent­ste­hung von Geld in unse­rem moder­nen Finanz­sys­tem ist ein Pro­zess, der sich grund­le­gend von der weit­läu­fi­gen Vor­stel­lung unter­schei­det, dass der Staat das gesam­te Geld druckt oder dass Ban­ken ledig­lich das Erspar­te ihrer Kun­den wei­ter­ver­lei­hen. Gro­ße Zen­tral­ban­ken wie die Deut­sche Bun­des­bank oder die Bank of Eng­land haben in den letz­ten Jah­ren mehr­fach offi­zi­ell klar­ge­stellt: Der über­wie­gen­de Groß­teil des Gel­des wird von pri­va­ten Geschäfts­ban­ken durch die Ver­ga­be von Kre­di­ten erzeugt.

Hier ist eine detail­lier­te Auf­schlüs­se­lung, wie das moder­ne Geld­sys­tem funk­tio­niert:

Phy­si­sches Bar­geld (Zen­tral­bank­geld)

Nur ein sehr klei­ner Teil der Geld­men­ge (im Euro­raum aktu­ell etwa 10 %) besteht aus phy­si­schen Bank­no­ten und Mün­zen.

  • Her­stel­lung: Die­ses Geld wird von der Zen­tral­bank (z. B. der EZB) in Umlauf
    gebracht. Die Mün­zen wer­den meist im Auf­trag der natio­na­len Regie­run­gen
    geprägt.
  • Seig­ni­o­ra­ge-Pro­fit (Schlag­schatz): Die Zen­tral­bank ver­kauft die Schei­ne
    qua­si zum Nenn­wert an die Geschäfts­ban­ken. Die Dif­fe­renz zwi­schen den
    mini­ma­len Pro­duk­ti­ons­kos­ten (weni­ge Cent pro Schein) und dem Nenn­wert
    (z.B. 50 Euro) wird als Seig­ni­o­ra­ge-Pro­fit bezeich­net. Die­se Gewin­ne flie­ßen
    letzt­lich an die natio­na­len Noten­ban­ken und Staa­ten zurück.

Elek­tro­ni­sches Geschäfts­bank­geld (Giral­geld / Buch­geld)

Der Löwen­an­teil der Geld­men­ge – rund 90 % – exis­tiert aus­schließ­lich in digi­ta­ler Form als Zah­len auf Kon­ten. Die­ses Geld ent­steht nicht bei der Zen­tral­bank, son­dern dezen­tral bei Tau­sen­den pri­va­ten Geschäfts­ban­ken.

  • Schöp­fung durch Bilanz­ver­län­ge­rung: Wenn eine Bank einen Kre­dit ver­gibt, ver­leiht sie nicht das Geld ande­rer Spa­rer. Statt­des­sen trägt sie den Kre­dit­ver­trag auf der Aktiv­sei­te ihrer Bilanz als For­de­rung ein und schreibt dem Kre­dit­neh­mer im sel­ben Moment den­sel­ben Betrag auf des­sen Giro­kon­to
    (Pas­siv­sei­te) gut. Durch die­sen simp­len Buchungs­vor­gang ent­steht neu­es Geld gewis­ser­ma­ßen „aus dem Nichts“.
  • Geld als Schuld: Nahe­zu alles Giral­geld ist „Schuld­geld“. Es kommt nur des­halb in Umlauf, weil sich jemand (ein Staat, ein Unter­neh­men oder eine Pri­vat­per­son) ver­schul­det.
  • Geld­ver­nich­tung: Wenn ein Kun­de sei­nen Kre­dit tilgt, pas­siert genau das Gegen­teil (Bilanz­ver­kür­zung). Das Geld ver­schwin­det wie­der aus dem Wirt­schafts­kreis­lauf. Die Bank behält ledig­lich die Zin­sen als ihren Gewinn.

Die Gren­zen der Geld­schöp­fung (War­um Ban­ken nicht unend­lich Geld dru­cken kön­nen)

Auch wenn Ban­ken Geld per Knopf­druck erschaf­fen, unter­lie­gen sie stren­gen regu­la­to­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Gren­zen:

  • Kre­dit­nach­fra­ge und Boni­tät: Es muss einen kre­dit­wür­di­gen Kun­den geben, der einen Kre­dit auf­neh­men möch­te. Wenn Kun­den Kre­di­te nicht zurück­zah­len, macht die Bank Ver­lus­te, die ihr eige­nes Kapi­tal auf­zeh­ren – bis hin zur Insol­venz.
  • Eigen­ka­pi­tal­vor­schrif­ten (z.B. Basel III): Für jeden ver­ge­be­nen Kre­dit muss eine Bank einen bestimm­ten Pro­zent­satz an ech­tem Eigen­ka­pi­tal (z.B. Akti­en­ka­pi­tal) als Risi­ko­puf­fer vor­hal­ten. Die­ses Kapi­tal kann sie nicht ein­fach “erschaf­fen”, sie muss es erwirt­schaf­ten oder von Inves­to­ren ein­sam­meln.
  • Geld­po­li­tik der Zen­tral­bank: Wenn die Zen­tral­bank die Leit­zin­sen anhebt, wer­den Kre­di­te für die End­kun­den teu­rer. Die Nach­fra­ge nach Kre­di­ten sinkt, und die Geld­schöp­fung der pri­va­ten Ban­ken bremst sich ab.

Zen­tral­bank­re­ser­ven (Das Zwei-Kreis­lauf-Sys­tem)

Es gibt zwei völ­lig von­ein­an­der getrenn­te Geld­kreis­läu­fe: Den für
Bürger/Unternehmen (Bar­geld und Giral­geld) und den für Ban­ken. Letz­te­rer funk­tio­niert über Zen­tral­bank­re­ser­ven.

  • Ver­wen­dungs­zweck: Dies ist „elek­tro­ni­sches Zen­tral­bank­geld“, das aus­schließ­lich von Ban­ken, Staa­ten und Zen­tral­ban­ken genutzt wird. Wenn Sie Geld an eine Per­son über­wei­sen, die bei einer ande­ren Bank ist, nut­zen die
    Ban­ken im Hin­ter­grund ihre Zen­tral­bank­re­ser­ven, um die­se Zah­lung unter­ein­an­der abzu­wi­ckeln.
  • Min­dest­re­ser­ve: Ban­ken sind gesetz­lich ver­pflich­tet, einen bestimm­ten Pro­zent­satz ihrer Kun­den­ein­la­gen in Form die­ser Reser­ven bei die Zen­tral­bank zu hin­ter­le­gen.
  • Quan­ti­ta­ti­ve Locke­rung (QE): Wenn die Zen­tral­bank die Wirt­schaft stüt­zen will, kauft sie Wert­pa­pie­re (z.B. Staats­an­lei­hen) von Geschäfts­ban­ken und bezahlt die­se mit neu geschaf­fe­nen Zen­tral­bank­re­ser­ven. Dies soll die Ban­ken
    ani­mie­ren, mehr Kre­di­te an die Real­wirt­schaft zu ver­ge­ben.

Das Fiat-Geld­sys­tem

Unser moder­nes Sys­tem ist ein Fiat-Geld­sys­tem (von latei­nisch fiat = “es wer­de”). Das Geld ist nicht mehr durch phy­si­sche Roh­stof­fe wie Gold gedeckt.

  • Ver­trau­en und Wirt­schafts­leis­tung: Der Wert des Gel­des basiert heu­te auf dem Ver­trau­en, dass es von ande­ren als Zah­lungs­mit­tel akzep­tiert wird. Fun­da­men­tiert wird die­ser Wert durch die tat­säch­li­che Wirt­schafts­leis­tung (Waren und Dienst­leis­tun­gen) des Wäh­rungs­rau­mes.
  • Steu­er­pflicht als Anker: Der Staat zwingt sei­ne Bür­ger, Steu­ern in der staat­li­chen Wäh­rung zu bezah­len. Dies garan­tiert eine stän­di­ge, fun­da­men­ta­le Nach­fra­ge nach genau die­sem Geld und sta­bi­li­siert des­sen Wert.

Aus­blick: Der digi­ta­le Euro (CBDC)

In Zukunft könn­te sich die­ses Sys­tem wei­ter­ent­wi­ckeln. Zen­tral­ban­ken arbei­ten der­zeit an digi­ta­len Zen­tral­bank­wäh­run­gen (Cen­tral Bank Digi­tal Cur­ren­ci­es, z. B. dem digi­ta­len Euro). Dabei wür­den Bür­ger und Unter­neh­men erst­mals die Mög­lich­keit erhal­ten, elek­tro­ni­sches Geld direkt von der Zen­tral­bank zu hal­ten – ein Pri­vi­leg, das bis­her den Geschäfts­ban­ken über die Zen­tral­bank­re­ser­ven vor­be­hal­ten war.

Zusam­men­fas­send lässt sich sagen: Geld ist heu­te pri­mär ein
Buch­hal­tungs­me­cha­nis­mus. Es ent­steht haupt­säch­lich durch die Kre­dit­ver­ga­be pri­va­ter Ban­ken. Die­ses Sys­tem ermög­lich­te in den letz­ten Jahr­zehn­ten eine enor­me Fle­xi­bi­li­tät und Finan­zie­rung von wirt­schaft­li­chem Wachs­tum, es erfor­dert jedoch eine stren­ge Auf­sicht und klu­ge Zen­tral­bank­po­li­tik, um sys­te­mi­sche Insta­bi­li­tä­ten, Infla­ti­on und unkon­trol­lier­te Schul­den­ber­ge zu ver­hin­dern.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater