Man muss Friedrich Merz fast bewundern: Jahrelang stand Angela Merkels „Wir schaffen das“ in der Union herum wie ein politisch kontaminierter Atommüllbehälter, den niemand anfassen wollte. Und nun kommt ausgerechnet Merz, der große Anti-Merkel im Maßanzug, hebt den Deckel und sagt: Moment mal, das kann man doch noch benutzen. Nicht für Flüchtlinge natürlich, nicht für Willkommenskultur, nicht für dieses ganze moralisch aufgeladene Jahr 2015. Sondern für Reformen. Für Rente, Pflege, Gesundheit, Steuern. Also für alles, was in Berlin zuverlässig so lange „geschafft“ wird, bis am Ende eine Kommission, ein Prüfauftrag und drei neue Ausnahmen herauskommen.
„Wir schaffen das, wir können das schaffen“, sagt Merz beim CDU-Landesparteitag in Linstow. Das klingt wie Merkel, nur mit weniger Raute und mehr Steuerberaterseminar. Die Kanzlerin der asymmetrischen Demobilisierung hatte ihren Satz einst in eine historische Krise gestellt. Merz stellt ihn in die Reformwerkstatt der schwarz-roten Koalition. Dort liegt Deutschland inzwischen auf der Hebebühne, der Motor raucht, die Rechnung ist offen, und der Meister ruft: Keine Sorge, Ersatzteile bestellen wir am Mittwoch bei den Sozialpartnern.
Politisch ist das Manöver reizvoll. Merz übernimmt nicht Merkels Politik, sondern ihr Beruhigungsvokabular. Das ist der eigentliche Machtwechsel: Früher wollte er die Merkel-Ära überwinden, jetzt recycelt er ihre erfolgreichste Durchhalteformel. Aus „Merkel muss weg“ wird „Merkel-Satz muss her“. Die Union nennt das vermutlich Pragmatismus. Satiriker nennen es Resteverwertung.
Natürlich ist der Kontext ein anderer. Merkel sprach 2015 über Aufnahme, Verwaltung, Integration und staatliche Belastbarkeit. Merz spricht über Reformen, die niemand so recht bezahlen, aber auch niemand offen verweigern will. Der Satz wandert damit von der Flüchtlingspolitik in die Sozialstaatsmechanik. Früher hieß „Wir schaffen das“: Der Staat ist stärker als die Krise. Heute heißt es: Die Koalition ist hoffentlich stärker als ihre eigenen Arbeitsgruppen.
Besonders hübsch ist dabei, dass Merz die Formel ausgerechnet vor wichtigen Wahlen hervorholt. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin steht die CDU unter Druck, und da braucht es Zuversicht, aber bitte ohne zu viel Merkel. Also nimmt man den berühmten Satz, entkernt ihn politisch, lackiert ihn neu und stellt ihn als Reformoptimismus auf die Bühne. Ein bisschen 2015 für Leute, die 2015 eigentlich nicht mochten.
Das Problem ist nur: Ein Satz macht noch keine Staatskunst. Merkel konnte mit „Wir schaffen das“ polarisieren, weil dahinter eine reale Entscheidung stand. Merz riskiert das Gegenteil: eine große Formel vor kleiner Umsetzung. Wenn am Ende die Rentenreform niemandem wehtun darf, die Steuerreform niemandem etwas kosten soll, die Pflege bezahlbar bleiben muss und die Koalition trotzdem geschlossen wirken will, dann heißt „Wir schaffen das“ bald nur noch: Wir vertagen das.
So gesehen ist Merz’ Merkel-Moment weniger historisch als symptomatisch. Die deutsche Politik hat ein erstaunliches Talent, alte Sätze in neue Krisen zu tragen, als wären sie Mehrwegflaschen. Man gibt sie am Pfandautomaten der Öffentlichkeit ab und hofft, dass noch ein bisschen Vertrauen herauskommt. Merz macht auf Merkel, aber ohne Merkelismus. Er übernimmt die Tonlage der Zuversicht, während seine Partei noch sortiert, ob sie dafür applaudieren oder sich vorsichtshalber distanzieren soll.
Am Ende bleibt ein Kanzler, der an sich und seine Koalition glauben lassen will, indem er den berühmtesten Satz seiner Vorgängerin aus dem Archiv holt. Das ist nicht falsch. Es ist nur sehr deutsch: Erst bekämpft man ein politisches Erbe, dann entdeckt man, dass es kommunikativ nützlich ist, und schließlich nennt man es Führung.