Wie vie­le Ein­zel­ak­ti­en ein breit diver­si­fi­zier­tes Port­fo­lio wirk­lich braucht

Ein Port­fo­lio aus weni­gen Ein­zel­ak­ti­en kann auf den ers­ten Blick gut gestreut wir­ken. Wer Titel aus ver­schie­de­nen Bran­chen aus­wählt, meh­re­re Län­der berück­sich­tigt und nicht alles auf ein ein­zel­nes Unter­neh­men setzt, erfüllt bereits vie­le Grund­re­geln der Geld­an­la­ge. Aus Sicht der Kapi­tal­markt­for­schung reicht das jedoch oft nicht aus. Ent­schei­dend ist nicht nur die Anzahl der Posi­tio­nen, son­dern auch, wie stark das Port­fo­lio noch von ein­zel­nen Unter­neh­men, Bran­chen oder Regio­nen abhängt.

Eine Aus­wer­tung von HQ Trust zeigt, wie groß die­ser Unter­schied sein kann. Das Fami­ly Office unter­such­te, wie vie­le Ein­zel­ak­ti­en nötig sind, um das unsys­te­ma­ti­sche Risi­ko eines Port­fo­li­os deut­lich zu sen­ken. Als unsys­te­ma­ti­sches Risi­ko wird jener Teil der Schwan­kun­gen bezeich­net, der nicht aus dem Gesamt­markt stammt, son­dern aus ein­zel­nen Unter­neh­men oder Bran­chen. Dazu zäh­len etwa ent­täu­schen­de Quar­tals­zah­len, Manage­ment­feh­ler, regu­la­to­ri­sche Ein­grif­fe oder bran­chen­spe­zi­fi­sche Belas­tun­gen. Die­ses Risi­ko lässt sich durch Diver­si­fi­ka­ti­on redu­zie­ren, wird am Markt lang­fris­tig aber nicht zuver­läs­sig mit einer höhe­ren Ren­di­te ver­gü­tet.

Als Ver­gleichs­maß­stab dien­te der MSCI All Coun­try World Index, kurz MSCI ACWI. Der Index umfasst gro­ße und mit­tel­gro­ße Unter­neh­men aus Indus­trie- und Schwel­len­län­dern und gilt als einer der wich­tigs­ten glo­ba­len Akti­en­maß­stä­be. Er ent­hält mehr als 2.500 Ein­zel­ti­tel aus 23 Indus­trie­län­dern und 24 Schwel­len­län­dern. Damit bil­det er einen sehr brei­ten Aus­schnitt des welt­wei­ten Akti­en­mark­tes ab.

Die Ergeb­nis­se der Unter­su­chung zei­gen, dass ech­te Diver­si­fi­ka­ti­on deut­lich mehr Titel erfor­dert, als vie­le Anle­ger ver­mu­ten. Wer nur eine Aktie hält, trägt ein stark kon­zen­trier­tes Risi­ko. Am Bei­spiel der größ­ten Index­po­si­ti­on, zuletzt Nvi­dia, wären laut HQ Trust rund zwei Drit­tel der Schwan­kun­gen titel­spe­zi­fisch. Das Port­fo­lio hängt dann fast voll­stän­dig an der Ent­wick­lung eines ein­zel­nen Unter­neh­mens.

Auch mit den zehn größ­ten Akti­en des MSCI ACWI ist das Pro­blem noch nicht gelöst. Zwar sinkt das unsys­te­ma­ti­sche Risi­ko dann deut­lich, bleibt mit rund 35 Pro­zent aber hoch. Hin­zu kommt, dass die­se Spit­zen­grup­pe stark von US-ame­ri­ka­ni­schen Tech­no­lo­gie- und Wachs­tums­wer­ten geprägt ist. Unter­neh­men wie Nvi­dia, Apple, Micro­soft, Ama­zon, Alpha­bet, Broad­com, TSMC, Meta und Tes­la domi­nie­ren die obe­re Inde­xe­be­ne. Wich­ti­ge Sek­to­ren wie Gesund­heit, Ener­gie oder Finan­zen sind in einer sol­chen Aus­wahl kaum oder gar nicht ver­tre­ten. Von einer aus­ge­wo­ge­nen Markt­ab­de­ckung kann daher noch nicht gespro­chen wer­den.

Nach den Berech­nun­gen von HQ Trust wird die in der aka­de­mi­schen Lite­ra­tur häu­fig genann­te Schwel­le von weni­ger als zehn Pro­zent unsys­te­ma­ti­schem Risi­ko erst mit rund 90 der größ­ten Akti­en erreicht. Ein stren­ge­rer Maß­stab, der ein unter­neh­mens­spe­zi­fi­sches Risi­ko von weni­ger als fünf Pro­zent ver­langt, wird erst bei knapp 200 Ein­zel­ak­ti­en erreicht. Selbst bei 300 Akti­en ver­bleibt laut der Ana­ly­se noch ein unsys­te­ma­ti­sches Risi­ko von etwa drei Pro­zent. Für eine nahe­zu voll­stän­di­ge Index­re­pli­ka­ti­on wäre eine noch grö­ße­re Zahl von Titeln erfor­der­lich.

Für Pri­vat­an­le­ger hat die­se Rech­nung eine kla­re prak­ti­sche Kon­se­quenz. Wer mit einem Ein­zel­ak­ti­en­de­pot ein ähn­li­ches Chan­ce-Risi­ko-Pro­fil wie ein glo­ba­ler Akti­en­in­dex errei­chen will, müss­te eine sehr gro­ße Zahl von Unter­neh­men hal­ten, regel­mä­ßig über­wa­chen und neu gewich­ten. Das ver­ur­sacht Auf­wand, erhöht die Kom­ple­xi­tät und kann je nach Depot­grö­ße auch zu ungüns­ti­gen Posi­ti­ons­grö­ßen füh­ren. Ein Port­fo­lio aus 20, 30 oder 50 Akti­en kann sinn­voll sein, wenn Anle­ger bewusst Schwer­punk­te set­zen, Divi­den­denstra­te­gien ver­fol­gen oder bestimm­te Geschäfts­mo­del­le bevor­zu­gen. Es ist aber nicht mit einem glo­bal gestreu­ten Index­port­fo­lio gleich­zu­set­zen.

Die zen­tra­le Bot­schaft lau­tet daher nicht, dass Ein­zel­ak­ti­en grund­sätz­lich unge­eig­net sind. Sie lau­tet viel­mehr: Wer nur weni­ge Ein­zel­ak­ti­en hält, über­nimmt spe­zi­fi­sche Risi­ken, die sich durch brei­te­re Streu­ung ver­mei­den lie­ßen. Die­se Risi­ken kön­nen sich aus­zah­len, müs­sen es aber nicht. Sie sind Aus­druck akti­ver Aus­wahl­ent­schei­dun­gen und nicht auto­ma­tisch ein effi­zi­en­ter Ersatz für den Gesamt­markt.

Für die meis­ten Anle­ger bleibt des­halb ein breit gestreu­ter Welt-ETF die ein­fa­che­re Lösung, wenn das Ziel eine glo­ba­le Markt­ab­de­ckung zu nied­ri­gen Kos­ten ist. Pro­duk­te auf den MSCI ACWI oder den FTSE All-World bün­deln Tau­sen­de Akti­en aus ver­schie­de­nen Län­dern und Bran­chen in einem ein­zi­gen Wert­pa­pier. Ein­zel­ak­ti­en kön­nen ein sol­ches Basis­in­vest­ment ergän­zen. Wer sie jedoch als voll­stän­di­gen Ersatz für einen Welt­in­dex ein­set­zen will, soll­te wis­sen, dass ech­te Diver­si­fi­ka­ti­on erst bei einer deut­lich höhe­ren Titel­zahl beginnt, als vie­le Depots tat­säch­lich ent­hal­ten.


Ein Port­fo­lio muss nicht und soll­te für vie­le Anle­ger auch nicht aus­schließ­lich aus Akti­en bestehen. Die HQ-Trust-Ana­ly­se beant­wor­tet vor allem eine enge­re Fra­ge: Wie vie­le Ein­zel­ak­ti­en braucht man, um das akti­en­spe­zi­fi­sche Risi­ko inner­halb eines Akti­en­port­fo­li­os stark zu redu­zie­ren? Sie beant­wor­tet nicht die umfas­sen­de­re Fra­ge nach der opti­ma­len Ver­mö­gens­auf­tei­lung.

Die wich­tigs­te Kri­tik lau­tet daher: Diver­si­fi­ka­ti­on inner­halb der Akti­en­quo­te ist nicht das­sel­be wie Diver­si­fi­ka­ti­on des Gesamt­ver­mö­gens. Ein Port­fo­lio aus 200 oder 300 Akti­en kann akti­en­in­tern breit gestreut sein, bleibt aber wei­ter­hin stark abhän­gig vom glo­ba­len Akti­en­markt. In einer all­ge­mei­nen Bör­sen­kri­se fal­len häu­fig auch gut diver­si­fi­zier­te Akti­en­port­fo­li­os deut­lich. Das sys­te­ma­ti­sche Markt­ri­si­ko ver­schwin­det durch mehr Akti­en nicht.

Für die stra­te­gi­sche Ver­mö­gens­an­la­ge ist des­halb die Asset Allo­ca­ti­on ent­schei­dend: also die Auf­tei­lung auf Anla­ge­klas­sen wie Akti­en, Anlei­hen, Geld­markt, Tages­geld, Immo­bi­li­en, Roh­stof­fe oder ande­re rea­le Ver­mö­gens­wer­te. Akti­en lie­fern lang­fris­tig hohe Ren­di­te­chan­cen, brin­gen aber hohe Schwan­kun­gen und zwi­schen­zeit­li­che Ver­lus­te mit sich. Anlei­hen oder Geld­markt­an­la­gen kön­nen Sta­bi­li­tät und Liqui­di­tät lie­fern. Immo­bi­li­en kön­nen rea­le Sub­stanz und Miet­erträ­ge bie­ten, sind aber weni­ger liqui­de und oft stark kon­zen­triert. Roh­stof­fe oder Gold kön­nen in bestimm­ten Markt­pha­sen diver­si­fi­zie­rend wir­ken, erzeu­gen aber kei­ne lau­fen­den Erträ­ge.

Ob ein rei­nes Akti­en­port­fo­lio sinn­voll ist, hängt von meh­re­ren Fak­to­ren ab: Anla­ge­ho­ri­zont, Risi­ko­trag­fä­hig­keit, Ein­kom­men, Ver­mö­gen, Liqui­di­täts­be­darf, psy­cho­lo­gi­sche Belast­bar­keit, steu­er­li­che Situa­ti­on und Ziel der Anla­ge. Eine jun­ge Per­son mit siche­rem Ein­kom­men, lan­gem Anla­ge­ho­ri­zont und hoher Ver­lust­to­le­ranz kann eine sehr hohe oder sogar voll­stän­di­ge Akti­en­quo­te ratio­nal ver­tre­ten. Für jeman­den kurz vor dem Ruhe­stand, mit geplan­tem Kapi­tal­ver­zehr oder gerin­ger Risi­ko­to­le­ranz wäre ein rei­nes Akti­en­port­fo­lio dage­gen oft unan­ge­mes­sen.

Auch die Aus­sa­ge „breit gestreu­ter Welt-ETF ist meist sinn­voll“ braucht Prä­zi­sie­rung. Ein Welt-ETF ist eine effi­zi­en­te Lösung für den Akti­en­an­teil eines Port­fo­li­os. Er ersetzt aber nicht auto­ma­tisch die Ent­schei­dung, wie hoch die­ser Akti­en­an­teil über­haupt sein soll­te. Ein Anle­ger kann zum Bei­spiel 80 Pro­zent Welt-ETF und 20 Pro­zent Tages­geld oder Anlei­hen hal­ten. Ein ande­rer kann 50 Pro­zent Akti­en und 50 Pro­zent siche­re Zins­an­la­gen bevor­zu­gen. Bei­des kann kor­rekt sein, wenn es zu Ziel, Zeit­ho­ri­zont und Risi­ko­pro­fil passt.

Eine wei­te­re Kri­tik betrifft die Fixie­rung auf die Zahl der Akti­en. Die rei­ne Titel­an­zahl sagt nur begrenzt etwas über ech­te Diver­si­fi­ka­ti­on aus. 100 Akti­en aus dem­sel­ben Land und ähn­li­chen Bran­chen kön­nen schlech­ter diver­si­fi­ziert sein als 60 Akti­en aus unter­schied­li­chen Regio­nen, Sek­to­ren und Wäh­rungs­räu­men. Ent­schei­dend sind Kor­re­la­tio­nen, Gewich­tun­gen, Fak­tor­be­las­tun­gen und Klum­pen­ri­si­ken. Ein Depot aus vie­len US-Tech­no­lo­gie­ak­ti­en ist trotz hoher Titel­zahl kein glo­bal aus­ge­wo­ge­nes Port­fo­lio.

Auch Anlei­hen ver­die­nen eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung. Sie sind nicht auto­ma­tisch „sicher“, denn sie tra­gen Zinsänderungs‑, Kre­dit- und Infla­ti­ons­ri­si­ken. Kurz­lau­fen­de Staats­an­lei­hen oder Geld­markt­fonds ver­hal­ten sich anders als lang­lau­fen­de Unter­neh­mens­an­lei­hen oder Hochz­ins­an­lei­hen. Wer Sta­bi­li­tät sucht, muss daher nicht nur „Anlei­hen“ kau­fen, son­dern Lauf­zeit, Boni­tät, Wäh­rung und Kos­ten beach­ten.

Der sach­li­che­re Schluss wäre also: Ein Welt-ETF ist für vie­le Anle­ger eine sinn­vol­le Kern­lö­sung für die Akti­en­sei­te. Das Gesamt­port­fo­lio soll­te aber aus der per­sön­li­chen Risi­ko­trag­fä­hig­keit her­aus kon­stru­iert wer­den. Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet nicht: „Wie vie­le Akti­en brau­che ich?“, son­dern: „Wie viel Akti­en­ri­si­ko kann und will ich dau­er­haft tra­gen?“ Erst danach folgt die Fra­ge, ob die­ser Akti­en­an­teil über einen Welt-ETF, Ein­zel­ak­ti­en oder eine Kom­bi­na­ti­on umge­setzt wird.


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Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater