Der „drit­te Chi­na-Schock“?

Mit „Chi­na-Schock“ bezeich­nen Öko­no­men die tief­grei­fen­den Aus­wir­kun­gen der chi­ne­si­schen Inte­gra­ti­on in die Welt­wirt­schaft auf Pro­duk­ti­on, Han­del, Beschäf­ti­gung und poli­ti­sche Sta­bi­li­tät ande­rer Län­der. Die Deut­sche Bank spricht von „Chi­na Shock 2.0“, der Öko­nom Arvind Subra­ma­ni­an von einem „drit­ten Chi­na-Schock“.

1. Der ers­te Chi­na-Schock: bil­li­ge Indus­trie­gü­ter

Der klas­si­sche Chi­na-Schock setz­te vor allem nach Chi­nas WTO-Bei­tritt 2001 ein. Chi­na wur­de zur „Werk­bank der Welt“:

  • west­li­che Unter­neh­men ver­la­ger­ten Pro­duk­ti­on nach Chi­na,
  • chi­ne­si­sche Tex­ti­li­en, Elek­tro­nik, Möbel und ande­re Kon­sum­gü­ter über­schwemm­ten die Welt­märk­te,
  • Ver­brau­cher pro­fi­tier­ten von nied­ri­ge­ren Prei­sen,
  • zugleich ver­lo­ren tra­di­tio­nel­le Indus­trie­re­gio­nen in den USA und Euro­pa Arbeits­plät­ze.

Der Schock bestand nicht dar­in, dass der Welt­han­del ins­ge­samt schrumpf­te. Viel­mehr ver­teil­ten sich die Gewin­ne und Ver­lus­te sehr ungleich: Kon­su­men­ten und inter­na­tio­nal täti­ge Unter­neh­men gewan­nen, wäh­rend bestimm­te Arbeit­neh­mer, Regio­nen und Bran­chen dau­er­haft unter Anpas­sungs­druck gerie­ten.

2. „Chi­na-Schock 2.0“: High­tech, Elek­tro­au­tos und Über­ka­pa­zi­tä­ten

Der gegen­wär­ti­ge Schock unter­schei­det sich vom ers­ten. Chi­na expor­tiert nicht mehr über­wie­gend ein­fa­che, arbeits­in­ten­si­ve Waren, son­dern zuneh­mend tech­nisch anspruchs­vol­le Indus­trie­pro­duk­te:

  • Elek­tro­au­tos,
  • Bat­te­rien,
  • Solar­mo­du­le,
  • Maschi­nen,
  • Elek­tro­nik,
  • Halb­lei­ter und KI-bezo­ge­ne Aus­rüs­tung.

Chi­na expor­tier­te erst­mals mehr als eine Mil­li­on Auto­mo­bi­le in einem Monat. Ein erheb­li­cher Teil des Wachs­tums wird von Euro­pa, Latein­ame­ri­ka und dem Nahen Osten auf­ge­nom­men. Gleich­zei­tig steu­ert Chi­na erneut auf einen Han­dels­über­schuss von mehr als einer Bil­li­on US-Dol­lar zu.

Der ent­schei­den­de Unter­schied lau­tet:

Beim ers­ten Chi­na-Schock ver­dräng­te Chi­na vor allem nied­rig qua­li­fi­zier­te Pro­duk­ti­on. Beim neu­en Schock kon­kur­riert Chi­na direkt mit den indus­tri­el­len Kern­sek­to­ren Euro­pas.

Beson­ders betrof­fen ist Deutsch­land, weil sein Wirt­schafts­mo­dell stark auf Auto­mo­bil­bau, Maschi­nen­bau, Che­mie und Expor­ten beruht.

3. War­um man­che Öko­no­men von einem „drit­ten“ Chi­na-Schock spre­chen

Subra­ma­ni­an zählt offen­bar brei­ter. Der „drit­te Chi­na-Schock“ bezeich­net nicht nur eine neue Export­wel­le, son­dern die Kom­bi­na­ti­on meh­re­rer Kräf­te:

Chi­ne­si­sche Indus­trie­po­li­tik

Der Staat för­dert stra­te­gi­sche Indus­trien durch Kre­di­te, Sub­ven­tio­nen, Infra­struk­tur, Beschaf­fungs­re­geln und poli­ti­sche Ziel­vor­ga­ben. Dadurch ent­ste­hen sehr gro­ße Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten.

Schwa­che chi­ne­si­sche Bin­nen­nach­fra­ge

Die Immo­bi­li­en­kri­se, hohe Spar­quo­ten und vor­sich­ti­ge Ver­brau­cher begren­zen den Kon­sum im Inland. Unter­neh­men müs­sen ihre Pro­duk­ti­on daher stär­ker im Aus­land abset­zen.

Unter­be­wer­te­te Wäh­rung

Ein Deut­sche-Bank-Stra­te­ge schätz­te, dass der Yuan gegen­über dem Euro trotz einer jüngs­ten Auf­wer­tung wei­ter­hin unge­fähr 15 Pro­zent unter­be­wer­tet sei. Dadurch wer­den chi­ne­si­sche Expor­te in Euro­pa güns­ti­ger und euro­päi­sche Pro­duk­te in Chi­na teu­rer.

Tech­no­lo­gi­scher Auf­stieg

Chi­na kon­kur­riert inzwi­schen nicht nur über Löh­ne, son­dern über Ska­len­ef­fek­te, Auto­ma­ti­sie­rung, Bat­te­rie­tech­nik, Lie­fer­ket­ten und Geschwin­dig­keit der Pro­dukt­ent­wick­lung.

Geo­po­li­ti­sche Umlei­tung des Han­dels

Da die USA chi­ne­si­sche Pro­duk­te stär­ker mit Zöl­len und Beschrän­kun­gen bele­gen, wer­den chi­ne­si­sche Waren ver­mehrt in ande­re Märk­te gelenkt. Euro­pa wird damit zum wich­tigs­ten Aus­weich­markt.

4. War­um Deutsch­land beson­ders ver­wund­bar ist

Deutsch­land steht unter Druck von meh­re­ren Sei­ten:

  • chi­ne­si­sche Her­stel­ler gewin­nen Markt­an­tei­le in Euro­pa,
  • deut­sche Auto­bau­er ver­lie­ren zugleich Markt­an­tei­le in Chi­na,
  • US-Zöl­le erschwe­ren den Zugang zum ame­ri­ka­ni­schen Markt,
  • hohe Ener­gie­prei­se belas­ten die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on,
  • der star­ke Euro gegen­über dem Yuan ver­schlech­tert die preis­li­che Wett­be­werbs­fä­hig­keit.

Damit wird das frü­he­re deut­sche Erfolgs­mo­dell dop­pelt getrof­fen. Deutsch­land hat­te lan­ge hoch­wer­ti­ge Maschi­nen und Autos nach Chi­na expor­tiert und zugleich von rela­tiv güns­ti­ger Ener­gie pro­fi­tiert. Heu­te pro­du­ziert Chi­na vie­le die­ser Güter selbst und expor­tiert sie zuneh­mend.

In die­sem Zusam­men­hang geht es um mög­li­che wei­te­re Stel­len­strei­chun­gen bei Volks­wa­gen und um Gewinn­pro­ble­me deut­scher Auto­bau­er im Chi­na­ge­schäft.

5. Wes­halb der neue Schock poli­tisch bri­san­ter ist

Der ers­te Chi­na-Schock betraf vor allem ein­zel­ne Regio­nen und Beschäf­tig­ten­grup­pen. Der neue Schock berührt gan­ze natio­na­le Wachs­tums­mo­del­le.

Für Euro­pa ent­steht ein Ziel­kon­flikt:

  • Ver­brau­cher pro­fi­tie­ren von güns­ti­gen Elek­tro­au­tos, Bat­te­rien und Solar­mo­du­len.
  • Die Ener­gie­wen­de benö­tigt chi­ne­si­sche Tech­no­lo­gie.
  • Gleich­zei­tig dro­hen euro­päi­sche Her­stel­ler Markt­an­tei­le, Inves­ti­tio­nen und Arbeits­plät­ze zu ver­lie­ren.
  • Han­dels­bar­rie­ren kön­nen die eige­ne Trans­for­ma­ti­on ver­teu­ern.
  • Untä­tig­keit kann zur Deindus­tria­li­sie­rung bei­tra­gen.

Des­halb wer­den Zöl­le allein kaum als aus­rei­chen­de Ant­wort betrach­tet. Dis­ku­tiert wer­den auch stren­ge­re Sub­ven­ti­ons­kon­trol­len, loka­le Pro­duk­ti­ons­vor­ga­ben, eine euro­päi­sche Indus­trie­po­li­tik und eine Auf­wer­tung bezie­hungs­wei­se stär­ke­re Fle­xi­bi­li­sie­rung des Yuan.

6. War­um „Schock“ nicht auto­ma­tisch „unfai­rer Wett­be­werb“ bedeu­tet

Der Begriff soll­te ana­ly­tisch ver­wen­det wer­den. Chi­nas Erfolg beruht nicht aus­schließ­lich auf Sub­ven­tio­nen oder Wäh­rungs­steue­rung. Wei­te­re Fak­to­ren sind:

  • sehr gro­ße Pro­duk­ti­ons­se­ri­en,
  • leis­tungs­fä­hi­ge Zulie­fer­netz­wer­ke,
  • nied­ri­ge Stück­kos­ten,
  • schnel­le Inno­va­ti­ons­zy­klen,
  • inten­si­ve Kon­kur­renz zwi­schen chi­ne­si­schen Unter­neh­men,
  • lang­fris­ti­ge Inves­ti­tio­nen in Infra­struk­tur und Aus­bil­dung.

Ein Teil des euro­päi­schen Pro­blems ist des­halb auch haus­ge­macht: hohe Kos­ten, lang­sa­me Geneh­mi­gun­gen, frag­men­tier­te Kapi­tal­märk­te, schwa­che Inves­ti­tio­nen und Ver­zö­ge­run­gen bei Soft­ware, Bat­te­rien und Elek­tro­mo­bi­li­tät.

Fazit

Der „neue“ bezie­hungs­wei­se „drit­te Chi­na-Schock“ beschreibt eine neue Pha­se der Glo­ba­li­sie­rung: Chi­na expor­tiert nicht mehr nur bil­li­ge Kon­sum­gü­ter, son­dern kon­kur­riert in den tech­no­lo­gi­schen und indus­tri­el­len Kern­be­rei­chen der west­li­chen Volks­wirt­schaf­ten.

Für Euro­pa und beson­ders Deutsch­land ist dies gefähr­li­cher als der ers­te Schock, weil nun nicht nur ein­zel­ne Fabri­ken betrof­fen sind, son­dern zen­tra­le Säu­len des Wirt­schafts­mo­dells. Der Kern des Kon­flikts lau­tet daher nicht mehr ledig­lich „Chi­na pro­du­ziert bil­li­ger“, son­dern „Chi­na pro­du­ziert zuneh­mend die­sel­ben hoch­wer­ti­gen Güter – in grö­ße­rem Maß­stab, zu nied­ri­ge­ren Kos­ten und mit wach­sen­der tech­no­lo­gi­scher Kom­pe­tenz“.


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