Ein Mil­li­ar­den­grab auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler

Wäh­rend Mil­lio­nen von Deut­schen die Gür­tel enger schnal­len, Sozi­al­leis­tun­gen gekürzt wer­den und die Bun­des­re­gie­rung gebets­müh­len­ar­tig Spar­sam­keit pre­digt, plant der Staat eine der kost­spie­ligs­ten Bau­maß­nah­men der jün­ge­ren Geschich­te: Die Sanie­rung von Schloss Bel­le­vue, dem Amts­sitz von Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er, soll rund eine Mil­li­ar­de Euro ver­schlin­gen und acht lan­ge Jah­re dau­ern. Was auf den ers­ten Blick wie eine not­wen­di­ge Erhal­tungs­maß­nah­me für ein his­to­ri­sches Gebäu­de klingt, ent­puppt sich bei nähe­rer Betrach­tung als ein Lehr­stück in staat­li­cher Ver­schwen­dungs­men­ta­li­tät – und als fata­les Sym­bol für eine poli­ti­sche Klas­se, die den Kon­takt zur Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen ver­lo­ren zu haben scheint.

Wenn Beton wich­ti­ger ist als Glaub­wür­dig­keit

Begin­nen wir mit den nack­ten Zah­len, denn die­se spre­chen eine deut­li­che Spra­che. Eine Mil­li­ar­de Euro für die Sanie­rung eines Schlos­ses, in dem ein ein­zi­ger Mensch arbei­tet und reprä­sen­tiert. Dazu kom­men rund 200 Mil­lio­nen Euro für einen pro­vi­so­ri­schen Amts­sitz, der wäh­rend der acht­jäh­ri­gen Bau­pha­se errich­tet wer­den muss, weil der Bun­des­prä­si­dent das eigent­li­che Schloss in die­ser Zeit nicht nut­zen kann. Zusam­men also rund 1,2 Mil­li­ar­den Euro aus dem Steu­er­topf, und das wohl­ge­merkt in einem Land, das sei­nen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zeit­gleich erklärt, dass für Schu­len, Stra­ßen, Kran­ken­häu­ser und sozia­le Sicher­heit schlicht nicht genug Geld vor­han­den sei.

Die ange­führ­ten Begrün­dun­gen für das gigan­ti­sche Vor­ha­ben hal­ten einer kri­ti­schen Prü­fung nur bedingt stand. Natür­lich ist ein Gebäu­de aus dem Jahr 1785 sanie­rungs­be­dürf­tig, das liegt in der Natur der Sache. Doch die Behaup­tung, die Decken sei­en nicht mehr sicher, drängt unwei­ger­lich die Fra­ge auf, war­um die­ser Zustand über­haupt ein­tre­ten konn­te. Schließ­lich wur­de das Schloss erst vor rund 20 Jah­ren umfas­send saniert, damals inklu­si­ve neu­er Hei­zungs­an­la­ge und Anschluss an das Fern­wär­me­netz. Wie kann ein Gebäu­de, das gera­de erst auf­wen­dig instand gesetzt wur­de, bin­nen zwei Jahr­zehn­ten wie­der der­art maro­de wer­den, dass nun eine Mil­li­ar­de Euro nötig sind? Ent­we­der wur­de die dama­li­ge Sanie­rung hand­werk­lich man­gel­haft aus­ge­führt, oder die jet­zi­ge Kos­ten­pla­nung bläht das Vor­ha­ben weit über das tat­säch­lich Not­wen­di­ge auf. Bei­des wäre ein Skan­dal.

Das Kli­ma­schutz­ar­gu­ment als Fei­gen­blatt

Beson­ders durch­sich­tig wirkt das Argu­ment der Kli­ma­neu­tra­li­tät. Das Schloss soll bis 2035 kli­ma­neu­tral gestal­tet wer­den, so die offi­zi­el­le Linie. Klingt gut, klingt zeit­ge­mäß, klingt nach Ver­ant­wor­tung. Doch wer genau­er hin­sieht, erkennt die Dop­pel­bö­dig­keit die­ses Vor­ha­bens schnell. Zum einen wur­de besag­te Hei­zungs­an­la­ge bereits vor 20 Jah­ren moder­ni­siert und das Gebäu­de an die Fern­wär­me ange­schlos­sen, was damals als zukunfts­wei­sen­de Maß­nah­me gelobt wur­de. Was ist seit­dem gesche­hen, das nun erneut hun­der­te Mil­lio­nen Euro für die Ener­gie­ver­sor­gung eines ein­zel­nen Amts­ge­bäu­des recht­fer­tigt? Zum ande­ren stellt sich grund­sätz­lich die Fra­ge, ob der Kli­ma­schutz als Begrün­dung für der­ar­ti­ge Luxus­sa­nie­run­gen her­hal­ten soll­te, wäh­rend gleich­zei­tig ener­ge­ti­sche Sanie­rungs­för­de­run­gen für nor­ma­le Haus­be­sit­zer gestri­chen oder dras­tisch redu­ziert wer­den. Kli­ma­schutz ist wich­tig und not­wen­dig, kei­ne Fra­ge. Aber er darf nicht zur beque­men Recht­fer­ti­gung für Aus­ga­ben wer­den, die in Wahr­heit kaum einem ande­ren Zweck die­nen als der Selbst­dar­stel­lung staat­li­cher Reprä­sen­ta­ti­on.

Ein Pro­vi­so­ri­um für 200 Mil­lio­nen Euro

Beson­ders gro­tesk ist die Pla­nung rund um den pro­vi­so­ri­schen Amts­sitz. Wäh­rend acht Jah­re lang am Schloss gebaut wird, benö­tigt der Bun­des­prä­si­dent natür­lich einen Ort, von dem aus er sei­ne Amts­ge­schäf­te füh­ren kann. Das ist ver­ständ­lich und legi­tim. Unver­ständ­lich ist jedoch, dass dafür ein Neu­bau im Wert von 200 Mil­lio­nen Euro errich­tet wird, statt eine vor­han­de­ne und geeig­ne­te Lösung zu fin­den. Das Bei­spiel des frü­he­ren Bun­des­prä­si­den­ten Horst Köh­ler zeigt, dass es auch anders geht: Köh­ler zog wäh­rend einer frü­he­ren Sanie­rungs­pha­se schlicht in das Schloss Char­lot­ten­burg um, ohne gro­ßes Auf­he­bens und ohne teu­ren Neu­bau. War­um ist das heu­te nicht mehr mög­lich? War­um muss ein Gebäu­de für 200 Mil­lio­nen Euro ent­ste­hen, das nach acht Jah­ren sei­nen ursprüng­li­chen Zweck erfüllt hat und dann, bes­ten­falls, einer ande­ren Nut­zung zuge­führt wer­den muss? Und man mache sich nichts vor: Die­ses Pro­vi­so­ri­um wird sehr wahr­schein­lich nicht abrei­ßen. Ein­mal gebaut, bleibt gebaut. Der Staat schafft sich damit ein wei­te­res Reprä­sen­ta­ti­ons­ge­bäu­de, finan­ziert von Steu­er­zah­lern, die womög­lich selbst nicht wis­sen, wie sie ihre nächs­te Ener­gie­rech­nung bezah­len sol­len.

Zwei Amts­sit­ze sind genug – oder doch zu viel?

In die­sem Zusam­men­hang drängt sich eine wei­te­re Fra­ge auf, die in der öffent­li­chen Debat­te zu wenig Beach­tung fin­det: Der Bun­des­prä­si­dent ver­fügt bereits heu­te über zwei Amts­sit­ze. Neben Schloss Bel­le­vue in Ber­lin steht ihm die Vil­la Ham­mer­schmidt in Bonn zur Ver­fü­gung, ein eben­falls nicht gera­de beschei­den dimen­sio­nier­tes Anwe­sen. Die Not­wen­dig­keit die­ses zwei­ten Sit­zes in der alten Bun­des­haupt­stadt war nach dem Umzug nach Ber­lin schon damals umstrit­ten, und sie ist es bis heu­te. Wer ernst­haft über staat­li­che Aus­ga­ben nach­den­ken möch­te, müss­te die­se Fra­ge längst einer ehr­li­chen Ant­wort zuge­führt haben. Statt­des­sen inves­tiert man eine Mil­li­ar­de in den einen Sitz, hält den ande­ren mun­ter in Betrieb und zim­mert neben­bei noch ein 200-Mil­lio­nen-Pro­vi­so­ri­um zusam­men. Das ist kei­ne Haus­halts­po­li­tik, das ist Ver­wal­tungs­irr­sinn.

Das fata­le Signal

Was bleibt, ist vor allem der Scha­den, den die­ses Vor­ha­ben für das Ver­trau­en in den Staat anrich­tet. Ein Bun­des­prä­si­dent hat in beson­de­rem Maße eine mora­li­sche und sym­bo­li­sche Funk­ti­on. Er ist nicht nur Staats­ober­haupt, son­dern auch gesell­schaft­li­cher Ori­en­tie­rungs­punkt, der in schwie­ri­gen Zei­ten um Zusam­men­halt und Opfer­be­reit­schaft wirbt. Genau das aber tut Stein­mei­er regel­mä­ßig, wenn er zu Refor­men mahnt, an die Soli­da­ri­tät appel­liert und erklärt, dass Deutsch­land sich in einer Zeit des Wan­dels und der Ein­schrän­kun­gen befin­de. Die­se Wor­te wer­den hohl und unglaub­wür­dig, wenn gleich­zei­tig sein Amts­sitz für eine Mil­li­ar­de Euro her­aus­ge­putzt wird und ein Pro­vi­so­ri­um für 200 Mil­lio­nen ent­steht. Die Men­schen sind nicht dumm. Sie sehen den Wider­spruch zwi­schen Appell und Rea­li­tät, und sie zie­hen dar­aus ihre Schlüs­se.

Der Staat, der sei­nen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern Beschei­den­heit abver­langt, muss die­se Beschei­den­heit zunächst selbst vor­le­ben. Er muss zei­gen, dass er mit den Mit­teln der Steu­er­zah­ler sorg­sam umgeht, dass er Prio­ri­tä­ten setzt und dass Reprä­sen­ta­ti­on kein Selbst­zweck ist. Schloss Bel­le­vue in einem funk­tio­na­len und wür­de­vol­len Zustand zu erhal­ten, ist durch­aus legi­tim. Ein his­to­ri­sches Gebäu­de darf und soll gepflegt wer­den. Aber eine Mil­li­ar­den-Sanie­rung, beglei­tet von einem 200-Mil­lio­nen-Neu­bau, in einer Zeit des gesell­schaft­li­chen Spar­drucks und wach­sen­der sozia­ler Ungleich­heit – das ist mehr als eine fal­sche Prio­ri­tä­ten­set­zung. Es ist eine poli­ti­sche Geschmack­lo­sig­keit, die das Ver­trau­en in die han­deln­den Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen nach­hal­tig beschä­digt.

Wer den Men­schen in die­sem Land erklä­ren will, dass sie Abstri­che machen müs­sen, soll­te nicht gleich­zei­tig sein Büro für eine Mil­li­ar­de Euro reno­vie­ren las­sen.

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