Deutsch­lands Indus­trie­auf­trags­bü­cher so voll wie nie

Deutsch­lands Indus­trie­auf­trags­bü­cher so voll wie nie – doch Öko­no­men mah­nen zur Vor­sicht

Die deut­sche Indus­trie mel­det einen his­to­ri­schen Rekord: Der rea­le Auf­trags­be­stand im Ver­ar­bei­ten­den Gewer­be ist im Mai 2026 auf den höchs­ten Stand seit Beginn der Daten­rei­he im Jahr 2015 gestie­gen. Sai­son- und kalen­der­be­rei­nigt leg­te er gegen­über dem Vor­mo­nat um 1,7 Pro­zent zu und über­traf das Vor­jah­res­ni­veau sogar um 9,5 Pro­zent. Es ist der stärks­te monat­li­che Anstieg seit Sep­tem­ber 2021 – damals aller­dings vor allem durch Coro­na-beding­te Nach­hol­ef­fek­te getrie­ben.

Haupt­mo­tor des aktu­el­len Wachs­tums ist der Maschi­nen­bau, der sei­nen Auf­trags­be­stand um 3,3 Pro­zent stei­gern konn­te. Auch die Her­stel­ler von Daten­ver­ar­bei­tungs­ge­rä­ten sowie elek­tro­ni­schen und opti­schen Erzeug­nis­sen ver­zeich­ne­ten mit einem Plus von 3,0 Pro­zent deut­li­che Zuwäch­se. Einen ande­ren Weg schlug hin­ge­gen die Auto­mo­bil­in­dus­trie ein, die einen Rück­gang von 0,8 Pro­zent hin­neh­men muss­te und damit den posi­ti­ven Gesamt­trend etwas dämpf­te.

Auf­ge­schlüs­selt nach Güter­grup­pen zeigt sich ein dif­fe­ren­zier­tes Bild: Kon­sum­gü­ter ver­zeich­ne­ten mit 3,6 Pro­zent den stärks­ten Zuwachs, gefolgt von Inves­ti­ti­ons­gü­tern mit 1,6 Pro­zent und Vor­leis­tungs­gü­tern mit 1,2 Pro­zent. Beim Blick auf die Her­kunft der Bestel­lun­gen über­tra­fen die Aus­lands­auf­trä­ge mit einem Anstieg von 2,0 Pro­zent die Inlands­auf­trä­ge, die um 0,9 Pro­zent zuleg­ten – ein Zei­chen dafür, dass die inter­na­tio­na­le Nach­fra­ge nach deut­schen Indus­trie­pro­duk­ten wei­ter­hin robust ist.

Beson­ders aus­sa­ge­kräf­tig ist die soge­nann­te Reich­wei­te des Auf­trags­be­stands, also die Zeit­span­ne, über die die vor­han­de­nen Auf­trä­ge die aktu­el­le Pro­duk­ti­on aus­las­ten könn­ten. Die­se stieg im Mai auf 8,9 Mona­te, nach 8,8 Mona­ten im April – eben­falls ein Rekord­wert. Dabei bestehen erheb­li­che Unter­schie­de zwi­schen den Güter­grup­pen: Wäh­rend Inves­ti­ti­ons­gü­ter eine außer­ge­wöhn­lich lan­ge Reich­wei­te von 12,4 Mona­ten auf­wei­sen, lie­gen Vor­leis­tungs­gü­ter bei kon­stan­ten 4,6 Mona­ten und Kon­sum­gü­ter bei 4,2 Mona­ten.

Die star­ken Auf­trags­zah­len pas­sen ins Bild wei­te­rer posi­ti­ver Kon­junk­tur­si­gna­le. So leg­te die deut­sche Indus­trie­pro­duk­ti­on im Mai stär­ker zu als von Ana­lys­ten erwar­tet wor­den war. Der S&P‑Global-Einkaufsmanagerindex mel­de­te im Juni zudem den sechs­ten Monat in Fol­ge eine stei­gen­de Pro­duk­ti­on im ver­ar­bei­ten­den Gewer­be – ein kla­res Zei­chen für einen anhal­ten­den Auf­wärts­trend.

Den­noch warnt Alex­an­der Krue­ger, Chef­öko­nom bei Beth­mann HAL, vor über­schwäng­li­chem Opti­mis­mus. „Hohe Auf­trags­be­stän­de sind nur dann etwas wert, wenn sie auch tat­säch­lich in Pro­duk­ti­on umge­setzt wer­den”, betont der Volks­wirt. Trotz des jüngs­ten Reform­pa­kets der Regie­rungs­ko­ali­ti­on dürf­ten vie­le Unter­neh­men in ihrer Inves­ti­ti­ons- und Pro­duk­ti­ons­pla­nung vor­sich­tig blei­ben. Als Haupt­grün­de nennt Krue­ger die nach wie vor schwie­ri­gen Geschäfts­be­din­gun­gen, die im euro­päi­schen Ver­gleich hohen Ener­gie­kos­ten sowie eine zuneh­men­de Ten­denz zur Ver­la­ge­rung von Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten ins Aus­land – ein struk­tu­rel­les Pro­blem, das kurz­fris­tig kaum zu lösen sein dürf­te.

Hin­zu kommt ein exter­nes Risi­ko: Die erneut auf­ge­flamm­ten Span­nun­gen im Nahen Osten dro­hen die inter­na­tio­na­len Lie­fer­ket­ten zu belas­ten und könn­ten die Auf­trags­be­stän­de wei­ter auf­blä­hen – nicht als Zei­chen gestie­ge­ner Nach­fra­ge, son­dern weil Eng­päs­se bei Vor­pro­duk­ten und Roh­stof­fen die Abar­bei­tung bestehen­der Auf­trä­ge ver­zö­gern. Stei­gen­de Auf­trags­be­stän­de wären in die­sem Sze­na­rio kein Zei­chen von Stär­ke, son­dern Aus­druck von Lie­fer­pro­ble­men.

Die aktu­el­len Zah­len zeich­nen damit das Bild einer deut­schen Indus­trie, die auf den ers­ten Blick in robus­ter Ver­fas­sung ist, aber wei­ter­hin unter dem Druck struk­tu­rel­ler und geo­po­li­ti­scher Her­aus­for­de­run­gen steht. Ob der Rekord­auf­trags­be­stand tat­säch­lich in wirt­schaft­li­ches Wachs­tum und Beschäf­ti­gung ummünz­bar ist, wird sich erst in den kom­men­den Mona­ten zei­gen.

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