War­um die US-Wirt­schaft stär­ker ist, als es scheint

Seit der Pan­de­mie hat sich in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ein wirt­schaft­li­ches Mus­ter ver­fes­tigt, das Öko­no­men als „K‑förmige Ent­wick­lung” bezeich­nen: Wäh­rend wohl­ha­ben­de Haus­hal­te und Ver­mö­gens­be­sit­zer boo­men, kämp­fen nied­ri­ge­re Ein­kom­mens­schich­ten mit stei­gen­den Lebens­hal­tungs­kos­ten und sta­gnie­ren­den Löh­nen. Die New York Fed hat bestä­tigt, dass das US-Kon­sum­wachs­tum seit Anfang 2023 klar ent­lang die­ser K‑Form ver­lief – beson­ders aus­ge­prägt in der Pha­se hoher Zin­sen und des begin­nen­den KI-Booms.

Auf den ers­ten Blick klingt das nach einem Nar­ra­tiv, das man aus vie­len west­li­chen Volks­wirt­schaf­ten kennt: eine klei­ne Eli­te an der Spit­ze, ein brei­ter Rest, der zurück­bleibt. Doch genau hier liegt nach Ansicht man­cher Ana­lys­ten ein Miss­ver­ständ­nis. Der obe­re Arm des K ist kei­nes­wegs eine klei­ne, abge­ho­be­ne Grup­pe – er umfasst Zehn­mil­lio­nen von Haus­hal­ten mit enor­mer öko­no­mi­scher Schlag­kraft.

Die Zah­len hin­ter dem Mas­sen­wohl­stand

Der Car­lyle-Ana­lyst Jason Tho­mas hat ver­sucht, die­ses Phä­no­men zu quan­ti­fi­zie­ren. Sei­ner Ein­schät­zung nach las­sen sich rund 45 Mil­lio­nen ame­ri­ka­ni­sche Haus­hal­te – etwa ein Drit­tel aller Haus­hal­te im Land – als finan­zi­ell beson­ders resi­li­ent ein­stu­fen. Die Grün­de dafür sind viel­schich­tig.

Zunächst spielt der Immo­bi­li­en­markt eine zen­tra­le Rol­le. Mehr als 50 Mil­lio­nen Haus­hal­te besit­zen ein mit Hypo­thek belas­te­tes Eigen­heim, des­sen Wert seit 2020 im Durch­schnitt um die Hälf­te gestie­gen ist. Beson­ders bemer­kens­wert: 96 Pro­zent die­ser Haus­hal­te haben sich nied­ri­ge, lang­fris­ti­ge Fest­zin­sen gesi­chert. Aus der Dif­fe­renz zwi­schen den aktu­el­len Hypo­the­ken­zin­sen von 6,55 Pro­zent und den durch­schnitt­li­chen Bestands­zin­sen von nur 4,28 Pro­zent ergibt sich ein hand­fes­ter finan­zi­el­ler Vor­teil: Schät­zungs­wei­se 300 Mil­li­ar­den US-Dol­lar an zusätz­li­chem ver­füg­ba­rem Ein­kom­men wer­den dadurch frei­ge­setzt, weil Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner deut­lich weni­ger Zin­sen zah­len, als es zu aktu­el­len Kon­di­tio­nen der Fall wäre.

Hin­zu kommt die Alters­vor­sor­ge. Rund 73 Mil­lio­nen Haus­hal­te ver­fü­gen über Ren­ten­kon­ten, über­wie­gend in Form von 401k-Plä­nen, die stark akti­en­las­tig inves­tiert sind. Seit 2020 sind die­se Kon­ten um ins­ge­samt 6,7 Bil­lio­nen US-Dol­lar gewach­sen – eine jähr­li­che Wachs­tums­ra­te von 12,7 Pro­zent. Der jah­re­lan­ge Akti­en­boom hat sich damit direkt in den Ver­mö­gens­wer­ten brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten nie­der­ge­schla­gen, nicht nur in den Depots einer klei­nen Finanz­eli­te.

Rech­net man Immo­bi­li­en- und Akti­en­ver­mö­gen zusam­men, ergibt sich ein beein­dru­cken­des Bild: Die 45 Mil­lio­nen Haus­hal­te mit Expo­si­ti­on in bei­den Anla­ge­klas­sen geben jähr­lich fast 15 Bil­lio­nen US-Dol­lar aus. Das ent­spricht etwa dem Drei­fa­chen des deut­schen Brut­to­in­lands­pro­dukts und 70 Pro­zent der chi­ne­si­schen Wirt­schafts­leis­tung – eine Kon­sum­kraft, die ihres­glei­chen sucht.

Eine Wirt­schaft mit zwei Geschwin­dig­kei­ten

Die­se Dyna­mik erzeugt eine posi­ti­ve Feed­back-Schlei­fe: Stei­gen­de Aus­ga­ben der wohl­ha­ben­de­ren Haus­hal­te trei­ben das Wirt­schafts­wachs­tum an, was wie­der­um die Unter­neh­mens­ge­win­ne erhöht, die Akti­en­kur­se stei­gen lässt und so erneut mehr Kon­sum ermög­licht. Das Ergeb­nis ist eine US-Wirt­schaft, die fak­tisch mit zwei Geschwin­dig­kei­ten fährt – eine gemäch­li­che­re, die an euro­päi­sche Ver­hält­nis­se erin­nert, und eine deut­lich schnel­le­re, ange­trie­ben vom brei­ten Wohl­stands­seg­ment.

Sicht­bar wird die­ser Trend beson­ders in bestimm­ten Kon­sum­be­rei­chen: Luxus­gü­ter, Pre­mi­um-Rei­sen, geho­be­ne Gas­tro­no­mie und Live-Events boo­men seit drei Jah­ren, selbst wäh­rend der Kon­sum in ein­kom­mens­schwä­che­ren Schich­ten schwä­chelt.

Risi­ken blei­ben bestehen

Ganz ohne Schat­ten­sei­ten ist die­ses Bild jedoch nicht. Eine Stag­fla­ti­on könn­te weni­ger wohl­ha­ben­de Fami­li­en beson­ders hart tref­fen und gleich­zei­tig die Ver­mö­gens­märk­te unter Druck set­zen, auf denen der beschrie­be­ne Wohl­stands­ef­fekt beruht. Die star­ke Abhän­gig­keit des Kon­sums von Finanz­an­la­gen macht die gesam­te Dyna­mik zudem anfäl­lig für Markt­kor­rek­tu­ren – soll­te es an den Akti­en- oder Immo­bi­li­en­märk­ten zu einem deut­li­chen Ein­bruch kom­men, könn­te sich der posi­ti­ve Kreis­lauf schnell umkeh­ren.

Auch inner­halb des obe­ren Arms des K selbst zeich­net sich mög­li­cher­wei­se eine wei­te­re Spal­tung ab: zwi­schen Super­rei­chen und „nor­ma­len” wohl­ha­ben­den Haus­hal­ten, deren wirt­schaft­li­che Rea­li­tä­ten sich zuneh­mend unter­schei­den könn­ten.

Bis­lang ist die befürch­te­te grö­ße­re Kor­rek­tur aus­ge­blie­ben – die Resi­li­enz der ame­ri­ka­ni­schen Haus­hal­te hat diver­se Schocks der ver­gan­ge­nen Jah­re über­stan­den. Die US-Wirt­schaft pro­fi­tiert damit von einer brei­ten, ver­mö­gen­den Mit­tel- und Ober­schicht, deren Kon­sum­kraft die gesam­te Wirt­schafts­leis­tung des Lan­des stützt. Ob sich die­ser Trend fort­setzt, hängt vor allem von zwei Fak­to­ren ab: davon, ob eine grö­ße­re Ver­mö­gens­markt­kri­se aus­bleibt, und davon, ob die Wäh­ler­schaft nicht eine sofor­ti­ge und weit­rei­chen­de Umver­tei­lung ein­for­dert.


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