Lin­ne­mann – Poli­tik nach Stim­mungs­la­ge

Kaum im Amt, ent­deckt Susi Lin­ne­mann sein Herz für die pfle­gen­den Ange­hö­ri­gen. Bei deren Ren­ten­an­sprü­chen, so ver­kün­det der neue Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, wol­le er nun doch nicht spa­ren. Die geplan­ten Ein­schnit­te sol­len mög­lichst vom Tisch, die Ren­ten­punk­te erhal­ten blei­ben. Was auf den ers­ten Blick wie sozia­le Ein­sicht klingt, wirft bei nähe­rem Hin­se­hen jedoch eine unan­ge­neh­me Fra­ge auf: Wie belast­bar ist eine Poli­tik, die erst mil­li­ar­den­schwe­re Ein­spa­run­gen auf den Weg bringt und kurz dar­auf vor den poli­ti­schen Fol­gen zurück­schreckt?

Geplant war eine deut­li­che Kür­zung. Die Pfle­ge­kas­sen zah­len unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen Ren­ten­bei­trä­ge für Men­schen, die Ange­hö­ri­ge zu Hau­se ver­sor­gen. Die­se Zah­lun­gen soll­ten künf­tig nur noch zu 70 Pro­zent geleis­tet wer­den. Für das Jahr 2027 waren dadurch Ein­spa­run­gen von rund 1,8 Mil­li­ar­den Euro vor­ge­se­hen. Ange­sichts der finan­zi­el­len Pro­ble­me der Pfle­ge­ver­si­che­rung soll­te die Maß­nah­me dazu bei­tra­gen, Bei­trags­er­hö­hun­gen zu ver­mei­den. Nun erklärt Lin­ne­mann, aus­ge­rech­net an die­ser Stel­le dür­fe nicht gespart wer­den.

Mensch­lich lässt sich das leicht nach­voll­zie­hen. Mil­lio­nen Men­schen über­neh­men täg­lich Pfle­ge­ar­beit, die der Staat und das pro­fes­sio­nel­le Pfle­ge­sys­tem kaum erset­zen könn­ten. Wer Ange­hö­ri­ge ver­sorgt, ver­zich­tet häu­fig auf Arbeits­zeit, Ein­kom­men und beruf­li­che Ent­wick­lung und nimmt damit schon wäh­rend des Erwerbs­le­bens finan­zi­el­le Nach­tei­le in Kauf. Sol­chen Men­schen anschlie­ßend auch noch Ren­ten­an­sprü­che zu kür­zen, wäre sozi­al­po­li­tisch schwer ver­mit­tel­bar. Dass Lin­ne­mann die­sen Punkt erkennt, ist daher kei­nes­wegs das Pro­blem.

Das Pro­blem beginnt dort, wo poli­ti­sche Empö­rung an die Stel­le eines belast­ba­ren Finan­zie­rungs­kon­zepts tritt. Lin­ne­mann möch­te die Kür­zung ver­hin­dern, räumt aber gleich­zei­tig ein, dass eine Gegen­fi­nan­zie­rung erst noch gefun­den wer­den müs­se. Genau dar­in zeigt sich das bekann­te Mus­ter: Eine unpo­pu­lä­re Spar­maß­nah­me wird öffent­lich kas­siert, wäh­rend die Rech­nung zunächst offen­bleibt. Poli­tisch ist das bequem. Finanz­po­li­tisch ist es das Gegen­teil.

Denn das Defi­zit der Pfle­ge­ver­si­che­rung ver­schwin­det nicht dadurch, dass ein Minis­ter erklärt, an einer bestimm­ten Stel­le nicht spa­ren zu wol­len. Wer 1,8 Mil­li­ar­den Euro an vor­ge­se­he­nen Ein­spa­run­gen streicht, muss sagen, wo die­ses Geld statt­des­sen her­kom­men soll. Höhe­re Bei­trä­ge? Mehr Steu­er­mit­tel? Kür­zun­gen an ande­rer Stel­le? Neue Schul­den? Jede die­ser Mög­lich­kei­ten hat Kon­se­quen­zen. Wer sich vor die­ser Ant­wort drückt, ver­schiebt das Pro­blem ledig­lich.

Genau des­halb wirkt Lin­ne­manns Auf­tritt wie ein klas­si­scher poli­ti­scher Umfal­ler. Nicht unbe­dingt, weil belegt wäre, dass er per­sön­lich zuvor für die­se kon­kre­te Kür­zung gekämpft hät­te – das lässt sich aus den vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen nicht ablei­ten. Wohl aber, weil er als neu­er Ver­ant­wort­li­cher einen bereits vor­be­rei­te­ten Reform­bau­stein öffent­lich ver­wirft, ohne zugleich eine trag­fä­hi­ge Alter­na­ti­ve prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Aus Regie­rungs­po­li­tik wird damit schnell Ankün­di­gungs­po­li­tik: Was schlecht ankommt, wird zurück­ge­nom­men; wie es danach wei­ter­geht, soll spä­ter geklärt wer­den.

Dabei liegt die eigent­li­che Debat­te längst tie­fer. Ver­tre­ter der Kran­ken­kas­sen, der Pati­en­ten­schüt­zer und der Sozi­al­ver­bän­de machen deut­lich, dass es nicht nur um ein­zel­ne Kür­zun­gen geht, son­dern um die grund­sätz­li­che Finan­zie­rung der Pfle­ge­ver­si­che­rung. Gefor­dert wird unter ande­rem, gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­ben stär­ker aus Steu­er­mit­teln zu finan­zie­ren, anstatt sie den Bei­trags­zah­lern der Pfle­ge­ver­si­che­rung auf­zu­bür­den. Die Stif­tung Pati­en­ten­schutz bezif­fert allein die jähr­li­chen Leis­tun­gen für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge auf 4,2 Mil­li­ar­den Euro und for­dert, dass dafür der Bund auf­kommt.

Damit steht Lin­ne­mann vor einer wesent­lich schwie­ri­ge­ren Auf­ga­be als der öffent­lich­keits­wirk­sa­men Absa­ge an eine Kür­zung. Er muss erklä­ren, wie eine Pfle­ge­ver­si­che­rung dau­er­haft finan­ziert wer­den soll, deren Aus­ga­ben wach­sen und deren Spiel­räu­me klei­ner wer­den. Der Hin­weis auf die gesell­schaft­li­che Bedeu­tung pfle­gen­der Ange­hö­ri­ger ist rich­tig, ersetzt aber kei­ne Reform. Wär­me in der Gesell­schaft ist ein wich­ti­ges poli­ti­sches Ziel – sie bezahlt jedoch kei­ne Rech­nun­gen.

Auch die brei­te Zustim­mung zu Lin­ne­manns Kurs macht die Sache nicht ein­fa­cher. Natür­lich begrü­ßen Sozi­al­ver­bän­de und Pati­en­ten­schüt­zer den Erhalt der Ren­ten­an­sprü­che. Selbst aus den Rei­hen der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen kommt Unter­stüt­zung für die Abkehr von der geplan­ten Kür­zung. Doch gera­de die­se Zustim­mung erhöht den Druck, nun mehr zu lie­fern als gute Wor­te. Wer eine Spar­maß­nah­me als falsch bezeich­net, muss eine bes­se­re Lösung prä­sen­tie­ren.

Lin­ne­mann hat sich mit sei­ner Ankün­di­gung poli­tisch auf die ange­neh­me­re Sei­te gestellt. Gegen Ren­ten­kür­zun­gen für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge zu sein, dürf­te erheb­lich popu­lä­rer sein, als sie zu ver­tei­di­gen. Schwie­ri­ger wird es erst, wenn ent­schie­den wer­den muss, wer statt­des­sen bezahlt. An die­sem Punkt ent­schei­det sich, ob aus dem ver­meint­li­chen Umfal­ler ein Refor­mer wird – oder ob wie­der ein­mal eine unbe­que­me Ent­schei­dung ver­tagt wur­de.

Denn Poli­tik besteht nicht nur dar­in, Nein zu Kür­zun­gen zu sagen. Sie besteht vor allem dar­in, Prio­ri­tä­ten zu set­zen und deren Finan­zie­rung ehr­lich zu benen­nen. Solan­ge Lin­ne­mann zwar ver­spricht, die Ren­ten­punk­te pfle­gen­der Ange­hö­ri­ger zu ret­ten, aber die Mil­li­ar­den­fra­ge unbe­ant­wor­tet lässt, bleibt der Ver­dacht bestehen, dass hier weni­ger eine Reform kor­ri­giert als viel­mehr vor ihrem poli­ti­schen Preis zurück­ge­wi­chen wird.


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