Zurück­wei­sun­gen an den Bin­nen­gren­zen im ers­ten Halb­jahr 2026

Wor­um es ins­ge­samt geht

Die Bun­des­re­gie­rung beant­wor­tet eine Klei­ne Anfra­ge der Frak­ti­on Die Lin­ke zu Zurück­wei­sun­gen an deut­schen Bin­nen­gren­zen im 1. Halb­jahr 2026. Die Ant­wort ent­hält umfang­rei­che Sta­tis­ti­ken, recht­li­che Ein­ord­nun­gen, Begrün­dun­gen der aktu­el­len Grenz­po­li­tik sowie Bewer­tun­gen gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen.

1. Poli­ti­scher und recht­li­cher Hin­ter­grund

  • Seit 7. Mai 2025 weist die Bun­des­po­li­zei Men­schen ohne Ein­rei­se­pa­pie­re auch bei geäu­ßer­tem Asyl­ge­such zurück.
  • Grund­la­ge: § 18 Abs. 2 AsylG (Ein­rei­se­ver­wei­ge­rung bei Ein­rei­se aus siche­rem EU-Staat).
  • Die­se Pra­xis ist juris­tisch stark umstrit­ten, da EU-Recht (Dub­lin-Ver­ord­nung) Vor­rang hat.
  • Meh­re­re Gerich­te (VG Ber­lin, VG Karls­ru­he) stuf­ten Zurück­wei­sun­gen als rechts­wid­rig ein.
  • BMI beruft sich teils auf Art. 72 AEUV (Aus­nah­me zur Wah­rung öffent­li­cher Ord­nung), obwohl der EuGH bis­her alle der­ar­ti­gen Beru­fun­gen ande­rer Staa­ten zurück­ge­wie­sen hat.

2. Uner­laub­te Ein­rei­sen – Zah­len 1. Halb­jahr 2026

Gesamt: 24.829 Davon:

  • Land­gren­zen: 20.095
  • Luft­gren­zen: 4.537
  • See­gren­zen: 197

Häu­figs­te Grenz­ab­schnit­te: Frank­reich, Schweiz, Öster­reich, Polen.

Top-Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten: Ukrai­nisch, Tür­kisch, Afgha­nisch, Syrisch, Alge­risch.

3. Asyl­ge­su­che bei uner­laub­ter Ein­rei­se

  • 1. Halb­jahr 2026: 1.576 Asyl­ge­su­che
  • Davon Land­gren­zen: 1.024
  • Luft­gren­zen: 544

Wei­ter­lei­tun­gen an Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen: 927 Per­so­nen.

4. Zurück­wei­sun­gen

Gesamt: 17.935 Davon:

  • Land­gren­zen: 13.989
  • Luft­gren­zen: 3.942

Rechts­grund­la­gen:

  • Auf­enthG: 17.243
  • AsylG: 546
  • FreizügG/EU: 146

Zurück­wei­sun­gen nach § 18 Abs. 2 AsylG: 514 Fäl­le (Jan–Jun 2026).

Top-Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten bei AsylG-Zurück­wei­sun­gen: Rus­sisch, Tür­kisch, Alge­risch, Ukrai­nisch, Afgha­nisch.

5. Unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge

  • Uner­laub­te Ein­rei­sen: 740
  • Wei­ter­lei­tung an Jugend­äm­ter: 324
  • Zurück­wei­sun­gen: 287
  • Häu­figs­te Her­kunfts­län­der: Soma­lia, Alge­ri­en, Afgha­ni­stan.

6. Schleu­ser­kri­mi­na­li­tät

  • 610 fest­ge­stell­te Schleu­ser (Jan–Jun 2026)
  • Haupt­na­tio­na­li­tä­ten: Syrisch, Ukrai­nisch, Tür­kisch, Deutsch.
  • Auf­grif­fe über­wie­gend an Grenz­über­gän­gen.

7. Gerichts­ver­fah­ren

  • 17 Ver­fah­ren anhän­gig (5 Eil­ver­fah­ren, 12 Haupt­sa­chen).
  • Meh­re­re Gerich­te ver­pflich­te­ten die Bun­des­po­li­zei, Asyl­su­chen­den den Grenz­über­tritt zu gestat­ten (Dub­lin-Ver­fah­ren muss ein­ge­lei­tet wer­den).

8. Kos­ten der Grenz­kon­trol­len

Seit Wie­der­ein­füh­rung der Bin­nen­grenz­kon­trol­len (Sept 2024):

  • Mehr­kos­ten: ca. 194,7 Mio. Euro
  • Haupt­pos­ten: Mehr­ar­beits­ver­gü­tung, Unter­kunft, Betrieb von Kon­troll­stel­len.

9. Prü­fung von Abschie­bungs­ver­bo­ten

  • Bun­des­po­li­zei führt laut Bun­des­re­gie­rung Ein­zel­fall­prü­fun­gen durch.
  • Berück­sich­tigt wer­den „amts­be­kann­te ziel­staats­be­zo­ge­ne Abschie­bungs­ver­bo­te“.
  • Kri­ti­sche Punk­te:
    • Wie effek­tiv Betrof­fe­ne Rechts­an­wäl­te errei­chen kön­nen, bleibt unklar.
    • EGMR for­dert gründ­li­che Prü­fung von Risi­ken (Ket­ten­ab­schie­bung, Haft­be­din­gun­gen etc.).

10. Kon­tro­ver­se Punk­te / Kri­tik der Fra­ge­stel­ler

  • Bun­des­re­gie­rung lie­fert kei­ne kon­kre­ten Zah­len zur behaup­te­ten „Not­la­ge“.
  • Asyl­zah­len sind laut Stu­di­en und Aus­sa­gen des Kanz­lers deut­lich gesun­ken.
  • Zurück­wei­sun­gen erfol­gen ohne Dub­lin-Ver­fah­ren, obwohl EU-Recht dies ver­langt.
  • Gerich­te stell­ten fest, dass Asyl­ge­su­che an der Gren­ze teil­wei­se nicht kor­rekt erfasst wur­den.
  • Effek­ti­ver Rechts­schutz (Anwalt, Zeit, Prü­fung) ist nicht gewähr­leis­tet.

Kurz­fa­zit

Die Druck­sa­che zeigt ein mas­si­ves Span­nungs­feld zwi­schen:

  • poli­tisch gewoll­ter restrik­ti­ver Grenz­po­li­tik,
  • euro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben,
  • men­schen­recht­li­chen Anfor­de­run­gen,
  • und tat­säch­li­cher Ver­wal­tungs­pra­xis.

Die Bun­des­re­gie­rung ver­tei­digt die Zurück­wei­sun­gen, wäh­rend Gerich­te und Fach­leu­te erheb­li­che Rechts­ver­stö­ße sehen.


Quel­le: Bun­des­tags­druck­sa­che 21/7782

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