Die Rhe­to­rik der Kri­se: Was ein Kanz­ler jetzt aus­spre­chen muss

Die Sanie­rung des „kran­ken Man­nes Euro­pas“: Zwi­schen Struk­tur­re­for­men und gesell­schaft­li­chen Ver­tei­lungs­kämp­fen

Die deut­sche Volks­wirt­schaft sieht sich in der Mit­te der 2020er Jah­re mit einer tief­grei­fen­den struk­tu­rel­len Kri­se kon­fron­tiert. Ange­sichts anhal­ten­der Sta­gna­ti­on, abwan­dern­der Indus­trie­inves­ti­tio­nen und einer schwin­den­den inter­na­tio­na­len Wett­be­werbs­fä­hig­keit hat sich in der öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Debat­te das Schlag­wort vom „kran­ken Mann Euro­pas“ aber­mals eta­bliert. Die Dia­gno­se der Exper­ten fällt weit­ge­hend ein­heit­lich aus: Das his­to­risch gewach­se­ne, stark export- und indus­trie­ori­en­tier­te Geschäfts­mo­dell der Bun­des­re­pu­blik stößt unter den ver­än­der­ten geo­po­li­ti­schen und demo­gra­fi­schen Rah­men­be­din­gun­gen an sei­ne Gren­zen. Weni­ger Einig­keit herrscht jedoch bei der Wahl der the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men. Klar ist indes, dass die anste­hen­de Sanie­rung der deut­schen Wirt­schaft eine Pha­se weit­rei­chen­der Kon­so­li­die­rung ein­läu­tet, die für die Gesell­schaft mit spür­ba­ren Ein­schnit­ten und tem­po­rä­ren Wohl­stands­ver­lus­ten ein­her­ge­hen wird.

Von­sei­ten der Wirt­schafts­ver­bän­de und der kon­ser­va­tiv-libe­ra­len Poli­tik wird pri­mär eine ange­bots­ori­en­tier­te Wen­de gefor­dert. Im Zen­trum die­ser Über­le­gun­gen steht die drän­gen­de Not­wen­dig­keit, die Lohn­stück­kos­ten zu sen­ken und die regu­la­to­ri­sche Belas­tung der Unter­neh­men zu mini­mie­ren, um den Stand­ort Deutsch­land für in- und aus­län­di­sches Kapi­tal wie­der attrak­tiv zu machen. Kon­kret bedeu­tet die­ser Ansatz eine kon­se­quen­te Fle­xi­bi­li­sie­rung des Arbeits­mark­tes und eine Erhö­hung des gesamt­wirt­schaft­li­chen Arbeits­vo­lu­mens. For­de­run­gen nach einer Aus­wei­tung der tarif­li­chen Wochen­ar­beits­zeit sowie dem Ende abschlags­frei­er Früh­ver­ren­tungs­mo­del­le ver­deut­li­chen, dass der demo­gra­fi­sche Wan­del durch eine län­ge­re Lebens­ar­beits­zeit des Ein­zel­nen kom­pen­siert wer­den soll. Die Sanie­rung des Stand­or­tes erfor­dert aus die­ser Per­spek­ti­ve eine Abkehr von der Aus­wei­tung von Frei­zeit­an­sprü­chen zuguns­ten einer gestei­ger­ten Pro­duk­ti­vi­tät.

Eng ver­knüpft mit der For­de­rung nach mehr Arbeits­leis­tung ist die Debat­te um die Lohn­ne­ben­kos­ten. Um die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Unter­neh­men nicht wei­ter zu belas­ten, wird eine strik­te Decke­lung der Arbeit­ge­ber­an­tei­le zur Sozi­al­ver­si­che­rung anvi­siert. Makro­öko­no­misch betrach­tet führt eine sol­che Ent­las­tung der Kapi­tal­sei­te zwangs­läu­fig zu einer Ver­schie­bung der finan­zi­el­len Risi­ken auf die Pri­vat­haus­hal­te. Ange­sichts stei­gen­der Kos­ten im Gesund­heits- und Pfle­ge­sek­tor impli­ziert die­se Stra­te­gie für die Bür­ger unaus­weich­lich höhe­re pri­va­te Zuzah­lun­gen, Leis­tungs­kür­zun­gen im Krank­heits­fall und ein sin­ken­des Ren­ten­ni­veau. Die Sanie­rung der Staats- und Unter­neh­mens­fi­nan­zen geht somit direkt mit einer Reduk­ti­on sozi­al­staat­li­cher Garan­tien ein­her. Auch im Bereich der Grund­si­che­rung signa­li­siert der poli­ti­sche Dis­kurs eine deut­li­che Ver­schär­fung der Gang­art: Die Erhö­hung des Sank­ti­ons­drucks auf Erwerbs­lo­se soll die Arbeits­an­rei­ze im Nied­rig­lohn­sek­tor maxi­mie­ren und gleich­zei­tig den fis­ka­li­schen Spiel­raum des Staa­tes scho­nen.

Wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Insti­tu­te ergän­zen die­ses Bild um eine makro­öko­no­mi­sche Dimen­si­on. Sie wei­sen dar­auf hin, dass Kos­ten­sen­kun­gen allein nicht aus­rei­chen, um die Kri­se zu über­win­den, son­dern dass es mas­si­ver Inves­ti­tio­nen in die ver­nach­läs­sig­te Infra­struk­tur, die Digi­ta­li­sie­rung und die ener­ge­ti­sche Trans­for­ma­ti­on bedarf. Doch auch die­se inves­ti­ve Kom­po­nen­te ent­zieht sich nicht der Logik von Ver­tei­lungs­kon­flik­ten. Da die poli­ti­sche Mehr­heit an der ver­fas­sungs­recht­li­chen Schul­den­brem­se fest­hält, müs­sen die not­wen­di­gen staat­li­chen Inves­ti­ti­ons­mit­tel durch Umschich­tun­gen im lau­fen­den Haus­halt gene­riert wer­den. Dies bedeu­tet in der Pra­xis, dass kon­sum­ti­ve Aus­ga­ben des Staa­tes – etwa Sub­ven­tio­nen im All­tag, För­der­pro­gram­me für pri­va­te Haus­hal­te oder Inves­ti­tio­nen in die kom­mu­na­le sozia­le Infra­struk­tur – zuguns­ten stra­te­gi­scher Wirt­schafts­för­de­rung und Ver­tei­di­gungs­aus­ga­ben zurück­ge­fah­ren wer­den. Für den Arbeit­neh­mer resul­tiert dar­aus im Zusam­men­spiel mit einer restrik­ti­ven Lohn­po­li­tik, die eine Lohn-Preis-Spi­ra­le ver­hin­dern soll, ein poten­zi­el­ler Real­lohn­ver­lust.

Zusam­men­fas­send lässt sich fest­stel­len, dass der Weg aus der öko­no­mi­schen Kri­se nicht über eine schmerz­freie Wei­ter­füh­rung des bis­he­ri­gen Sta­tus quo führt. Die Rück­ge­win­nung der öko­no­mi­schen Stär­ke der Bun­des­re­pu­blik erfor­dert eine Pha­se der soge­nann­ten inter­nen Abwer­tung und struk­tu­rel­len Anpas­sung. Bis die erhoff­ten posi­ti­ven Effek­te die­ser Refor­men – in Form von erneu­er­tem Wachs­tum, gesi­cher­ten indus­tri­el­len Ker­nen und tech­no­lo­gi­schem Vor­sprung – ein­tre­ten, steht der deut­schen Gesell­schaft eine wirt­schafts­po­li­tisch raue Peri­ode bevor. Die Sanie­rung des Stand­or­tes ver­langt von der Bevöl­ke­rung eine höhe­re Arbeits­be­las­tung bei zeit­gleich schrump­fen­den sozi­al­staat­li­chen Siche­rungs­sys­te­men und sta­gnie­ren­der Kauf­kraft. Die öko­no­mi­sche Gene­sung Deutsch­lands wird somit unaus­weich­lich von einem har­ten gesell­schaft­li­chen Anpas­sungs­pro­zess beglei­tet sein.


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