Özd­emir mit Mühe ins Amt – Holp­ri­ger Start mit deut­li­chen Warn­si­gna­len

Nur mit Müh und Not hat Cem Özd­emir (Grü­ne) am Mitt­woch im ers­ten Wahl­gang die Wahl zum neu­en Minis­ter­prä­si­den­ten von Baden-Würt­tem­berg über­stan­den. Ledig­lich 93 Abge­ord­ne­te stimm­ten für ihn – bei einer rech­ne­ri­schen Koali­ti­ons­mehr­heit von 112 Man­da­ten ein bla­ma­bles Ergeb­nis. 26 Abge­ord­ne­te ver­wei­ger­ten ihm offen die Gefolg­schaft, vier wei­te­re ent­hiel­ten sich. Das bedeu­tet: Bis zu 19 Stim­men fehl­ten aus den eige­nen Rei­hen. Ein Denk­zet­tel, wie ihn Baden-Würt­tem­berg in die­ser Deut­lich­keit sel­ten erlebt hat – und ein Auf­takt, der die Auto­ri­tät des neu­en Regie­rungs­chefs von Anfang an beschä­digt.

Die Wahl mar­kiert das Ende der 15-jäh­ri­gen Ära Win­fried Kret­sch­mann, der über Jah­re hin­weg auf par­tei­über­grei­fen­den Rück­halt zäh­len konn­te. Davon kann bei sei­nem Nach­fol­ger kei­ne Rede sein. Özd­emir, Sohn tür­ki­scher Gast­ar­bei­ter und auf­ge­wach­sen in Bad Urach, ist zwar der ers­te Minis­ter­prä­si­dent mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik – ein his­to­ri­sches Datum, das jedoch durch das schwa­che Wahl­er­geb­nis bereits über­schat­tet wird. Bei der Land­tags­wahl am 8. März hat­ten die Grü­nen mit 30,2 Pro­zent zwar knapp die stärks­te Kraft gestellt, doch der ver­meint­li­che Erfolg ver­dank­te sich vor allem einer aggres­siv per­so­na­li­sier­ten Kam­pa­gne und einer pro­gram­ma­ti­schen Belie­big­keit, die Kri­ti­ker längst als Wahl­kampf­tak­tik ent­larvt haben.

SPD-Frak­ti­ons­chef Sascha Bin­der sprach unver­blümt von einem „Fehl­start“. Özd­emir müs­se erst ein­mal sei­nen eige­nen Laden in den Griff bekom­men, bevor er das Land regie­ren kön­ne. Auch inner­halb der grün-schwar­zen Koali­ti­on rumort es: Wer der­art vie­le Stim­men aus den eige­nen Rei­hen ver­liert, kann nicht mehr glaub­haft Geschlos­sen­heit demons­trie­ren. Das Miss­trau­ens­vo­tum aus den Hin­ter­bän­ken dürf­te ihn die gesam­te Legis­la­tur über ver­fol­gen.

Dass das schwa­che Ergeb­nis kein Zufall der gehei­men Abstim­mung ist, zeigt ein Blick auf Özd­emirs poli­ti­sche Bilanz. Als Bun­des­mi­nis­ter für Ernäh­rung und Land­wirt­schaft (2021 bis 2025) hin­ter­ließ er einen Scher­ben­hau­fen: Voll­mun­di­ge Ankün­di­gun­gen zum Umbau der Tier­hal­tung, zur Pes­ti­zid­re­duk­ti­on und zur Stär­kung der Bio-Land­wirt­schaft ver­puff­ten nahe­zu voll­stän­dig oder ver­san­de­ten in der Ampel-Koali­ti­on. Statt Refor­men lie­fer­te Özd­emir vor allem Pres­se­ter­mi­ne. Die mas­si­ven Bau­ern­pro­tes­te der Jah­re 2023 und 2024 waren das unmit­tel­ba­re Echo die­ses Ver­sa­gens: Die Land­wirt­schaft warf ihm ideo­lo­gi­sche Kli­en­tel­po­li­tik vor, Umwelt­ver­bän­de beklag­ten zugleich sei­ne Ein­kni­cke gegen­über der Agrar­lob­by. Es gelang ihm, bei­de Sei­ten gleich­zei­tig zu ent­täu­schen – eine poli­ti­sche Leis­tung der beson­de­ren Art.

Hin­zu kom­men Alt­las­ten, die Özd­emir bis heu­te anhaf­ten. Die Annah­me eines Pri­vat­kre­dits beim umstrit­te­nen Lob­by­is­ten Moritz Hun­zin­ger sowie die Ver­stri­ckung in die Bonus­mei­len-Affä­re Anfang der 2000er Jah­re haben sein Image als unbe­stech­li­cher Sau­ber­mann nach­hal­tig beschä­digt. Wer heu­te mit mora­li­schem Ges­tus auf­tritt, muss sich an sei­ner Ver­gan­gen­heit mes­sen las­sen – und die ist bei Özd­emir kei­nes­wegs makel­los.

Auf­fäl­lig ist die Dis­kre­panz zwi­schen Insze­nie­rung und Sub­stanz. Unmit­tel­bar nach der Ver­ei­di­gung ließ sich der frisch­ge­ba­cke­ne Minis­ter­prä­si­dent demons­tra­tiv in der Stadt­bahn ablich­ten, statt den Dienst­wa­gen zur Vil­la Reit­zen­stein zu neh­men – eine PR-Pose, wie sie typisch ist für einen Poli­ti­ker, der die Büh­ne stets mehr liebt als die Akten­ar­beit. Schon im Wahl­kampf hat­te die „Bre­zel-Stra­te­gie“, die kal­ku­lier­te Selbst­ver­mark­tung als boden­stän­di­ger „ana­to­li­scher Schwa­be“, alles über sei­nen Poli­tik­stil ver­ra­ten: Sym­bo­lik vor Sub­stanz, Image vor Inhalt. Beob­ach­ter zwei­feln zuneh­mend, ob die­se auf die Per­son zuge­schnit­te­ne Show aus­reicht, um die enor­men struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Lan­des anzu­ge­hen. Die Auto- und Zulie­fer­indus­trie – das wirt­schaft­li­che Rück­grat Baden-Würt­tem­bergs – steckt in einer exis­tenz­be­dro­hen­den Kri­se: Trans­for­ma­ti­ons­druck, schärfs­te inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz und gra­vie­ren­de Stand­ort­nach­tei­le bedro­hen Hun­dert­tau­sen­de Arbeits­plät­ze. Mit Bre­zeln und Bahn­fo­tos wird sich die­se Kri­se nicht bewäl­ti­gen las­sen.

Özd­emir führt eine Neu­auf­la­ge der grün-schwar­zen Koali­ti­on, die bereits seit 10 Jah­ren regiert – und deren Reform­stau vie­le der heu­ti­gen Pro­ble­me erst mit­ver­ur­sacht hat. Der Koali­ti­ons­ver­trag ver­spricht Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung und Wirt­schafts­för­de­rung, doch ähn­li­che Ver­spre­chen wur­den in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig gebro­chen. Ob der selbst­er­nann­te „Ober-Rea­lo“ tat­säch­lich den Spa­gat zwi­schen Kli­ma­schutz und indus­tri­el­ler Wett­be­werbs­fä­hig­keit bewäl­tigt – oder, wie schon im Bun­des­mi­nis­te­ri­um, vor allem an sei­ner eige­nen Ankün­di­gungs­rhe­to­rik schei­tert – wird sich rasch zei­gen. Eines aber ist nach die­sem Wahl­tag bereits klar: Özd­emir regiert ohne fes­ten Rück­halt – nicht ein­mal in der eige­nen Koali­ti­on.

Für Cem Özd­emir beginnt nun die eigent­li­che Bewäh­rungs­pro­be – und die Vor­aus­set­zun­gen sind denk­bar schlecht. Der ehe­ma­li­ge Bun­des­mi­nis­ter muss bewei­sen, dass er mehr kann als Wahl­kampf­auf­trit­te und media­le Selbst­in­sze­nie­rung. Ob er dazu in der Lage ist, darf nach allem, was sei­ne bis­he­ri­ge poli­ti­sche Bilanz zeigt, mit gutem Grund bezwei­felt wer­den.


Wie hilf­reich war die­ser Bei­trag?

Kli­cke auf die Ster­ne um zu bewer­ten!

Durch­schnitt­li­che Bewer­tung 0 / 5. Anzahl Bewer­tun­gen: 0

Bis­her kei­ne Bewer­tun­gen! Sei der Ers­te, der die­sen Bei­trag bewer­tet.

Es tut uns leid, dass der Bei­trag für dich nicht hilf­reich war!

Las­se uns die­sen Bei­trag ver­bes­sern!

Wie kön­nen wir die­sen Bei­trag ver­bes­sern?

Disclaimer: Dieser Beitrag dient lediglich zu allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Bitte konsultieren Sie vor jeder Anlageentscheidung einen unabhängigen Finanzberater