Wan­dert nie­mand in unse­re Sozi­al­sys­te­me ein? Eine nüch­ter­ne Bestands­auf­nah­me

Die Aus­sa­ge, nie­mand wan­de­re in deut­sche Sozi­al­sys­te­me ein, ist eine Behaup­tung, die in poli­ti­schen Debat­ten immer wie­der zu hören ist. Ein Blick auf die ver­füg­ba­ren Daten und Stu­di­en zeich­net jedoch ein deut­lich dif­fe­ren­zier­te­res und in Tei­len beun­ru­hi­gen­des Bild, das eine ehr­li­che gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­on erfor­dert.

Die Zah­len spre­chen eine kla­re Spra­che

Die Sta­tis­ti­ken der Bun­des­agen­tur für Arbeit las­sen kaum Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum. Inzwi­schen hat fast jeder zwei­te Bezie­her von Bür­ger­geld kei­ne deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit (Der Begriff “Deut­sche” umfasst nicht nur auto­chtho­ne, son­dern auch “natu­ra­li­zed citi­zens”.). Bezieht man die Emp­fän­ger von Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen in die Rech­nung mit ein, steigt die­ser Anteil sogar auf rund 52 bis 53 Pro­zent. Beson­ders auf­schluss­reich ist dabei die Ent­wick­lung über die Zeit: Wäh­rend die Zahl der deut­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die auf staat­li­che Unter­stüt­zung ange­wie­sen sind, in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren um nahe­zu die Hälf­te zurück­ge­gan­gen ist, hat sich die Zahl der aus­län­di­schen Leis­tungs­emp­fän­ger im sel­ben Zeit­raum mehr als ver­dop­pelt. Die­se gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lung ist kein Zufall, son­dern das Ergeb­nis struk­tu­rel­ler Ver­än­de­run­gen in der Zusam­men­set­zung der Zuwan­de­rung nach Deutsch­land.

Noch deut­li­cher wird das Ungleich­ge­wicht, wenn man das Ver­hält­nis von Ein­zah­lern zu Emp­fän­gern betrach­tet. Bei deut­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen kom­men sta­tis­tisch gese­hen zehn sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäf­tig­te auf einen Leis­tungs­emp­fän­ger. Bei bestimm­ten Grup­pen von Geflüch­te­ten, etwa aus Syri­en, Afgha­ni­stan oder der Ukrai­ne, dreht sich die­ses Ver­hält­nis teil­wei­se um: Dort über­steigt die Zahl der Leis­tungs­be­zie­her mitt­ler­wei­le die Zahl der­je­ni­gen, die in die Sozi­al­kas­sen ein­zah­len.

War­um Deutsch­land? Die Rol­le der Pull-Fak­to­ren

Eine wich­ti­ge und oft ver­nach­läs­sig­te Fra­ge lau­tet: War­um wäh­len vie­le Migran­ten Deutsch­land als Ziel­land, obwohl sie zuvor bereits in siche­ren Dritt­staa­ten wie der Tür­kei oder Grie­chen­land Schutz gefun­den hat­ten? Das Phä­no­men der soge­nann­ten Sekun­där­mi­gra­ti­on ver­weist auf einen ratio­na­len Ent­schei­dungs­pro­zess. Deutsch­land bie­tet nicht nur Schutz, son­dern ein umfas­sen­des Leis­tungs­pa­ket: Bür­ger­geld, kos­ten­lo­se Bil­dung, ein hoch­wer­ti­ges Gesund­heits­sys­tem und wei­te­re Sozi­al­leis­tun­gen, die in die­ser Kom­bi­na­ti­on inter­na­tio­nal kaum zu fin­den sind.

Vie­le Migran­ten geben zwar Arbeit als pri­mä­res Ziel ihrer Ein­wan­de­rung an, und die­ses Ziel ist ernst zu neh­men. Den­noch wäre es naiv anzu­neh­men, dass die Exis­tenz eines umfas­sen­den sozia­len Sicher­heits­net­zes bei der Wahl des Ziel­lan­des kei­ne Rol­le spielt. Es han­delt sich dabei nicht um mora­li­sches Ver­sa­gen ein­zel­ner Men­schen, son­dern um ratio­na­les Ver­hal­ten ange­sichts gege­be­ner Anreiz­struk­tu­ren. Hin­zu kommt, dass ins­be­son­de­re für Gering­qua­li­fi­zier­te mit gro­ßen Fami­li­en die Kom­bi­na­ti­on aus Regel­sät­zen, Wohn­geld und Kin­der­geld­leis­tun­gen in der Sum­me Beträ­ge erge­ben kann, die eine schlecht bezahl­te Beschäf­ti­gung finan­zi­ell kaum attrak­ti­ver erschei­nen las­sen als den Ver­bleib im Leis­tungs­be­zug.

Qua­li­fi­ka­ti­ons­struk­tur als struk­tu­rel­les Kern­pro­blem

Ein wesent­li­cher Grund für die hohe Abhän­gig­keit vie­ler Geflüch­te­ter von staat­li­chen Leis­tun­gen liegt in der Qua­li­fi­ka­ti­ons­struk­tur der Zuwan­dern­den. Ein erheb­li­cher Teil der Geflüch­te­ten, ins­be­son­de­re aus Syri­en, ver­fügt über ein Bil­dungs­ni­veau, das den Anfor­de­run­gen des deut­schen Arbeits­mark­tes nur bedingt ent­spricht. Damit ist kein Urteil über per­sön­li­che Fähig­kei­ten oder Moti­va­ti­on ver­bun­den, son­dern eine nüch­ter­ne Beschrei­bung einer Rea­li­tät, die arbeits­markt­po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen hat.

Häu­fig wird als Erklä­rung für gerin­ge Beschäf­ti­gungs­quo­ten auf büro­kra­ti­sche Arbeits­zu­gangs­be­schrän­kun­gen ver­wie­sen. Doch die­ser Erklä­rungs­an­satz trägt nur begrenzt: Aner­kann­te Flücht­lin­ge haben in Deutsch­land weit­ge­hend unein­ge­schränk­ten Zugang zum Arbeits­markt, den­noch liegt die Beschäf­ti­gungs­quo­te bei syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen deut­lich unter 40 Pro­zent. Beson­ders aus­sa­ge­kräf­tig ist in die­sem Zusam­men­hang der euro­päi­sche Ver­gleich bei ukrai­ni­schen Geflüch­te­ten. In Polen oder den Nie­der­lan­den ist deren Erwerbs­quo­te erheb­lich höher als in Deutsch­land. Beob­ach­ter füh­ren dies auf das deut­sche Sys­tem zurück, das weni­ger Druck zur raschen Arbeits­auf­nah­me erzeugt und statt­des­sen auf lang­wie­ri­ge Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men setzt, die zwar gut gemeint, aber nicht immer ziel­füh­rend sind.

Die lang­fris­ti­ge fis­ka­li­sche Bilanz

Über den unmit­tel­ba­ren Leis­tungs­be­zug hin­aus stellt sich die Fra­ge nach der lang­fris­ti­gen wirt­schaft­li­chen Bilanz. Stu­di­en aus den Nie­der­lan­den und Däne­mark, die den gesam­ten Erwerbs­ver­lauf von Migran­ten über Jahr­zehn­te hin­weg ver­fol­gen, kom­men zu einem ernüch­tern­den Ergeb­nis: Flucht­mi­gran­ten belas­ten die öffent­li­chen Haus­hal­te in der Sum­me ihres Lebens net­to, weil sie wäh­rend ihrer Erwerbs­bio­gra­fie nicht aus­rei­chend ein­zah­len, um die auf­ge­wen­de­ten Kos­ten für Bil­dung, Infra­struk­tur, Gesund­heit und Alters­ver­sor­gung zu decken. Die­se Erkennt­nis stellt nicht den huma­ni­tä­ren Schutz­ge­dan­ken in Fra­ge, macht aber deut­lich, dass das gegen­wär­ti­ge Sys­tem kei­ne nach­hal­ti­ge Grund­la­ge bil­det.

Steue­rung statt Abschot­tung

Aus all die­sen Befun­den ergibt sich kei­ne Argu­men­ta­ti­on für Abschot­tung oder für eine pau­scha­le Ableh­nung von Zuwan­de­rung. Deutsch­land braucht Migra­ti­on, allein schon ange­sichts des demo­gra­fi­schen Wan­dels und des Fach­kräf­te­man­gels. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist jedoch, wel­che Art von Zuwan­de­rung das Land aktiv gestal­tet. Län­der wie Aus­tra­li­en oder Däne­mark machen vor, wie eine kon­se­quen­te Steue­rung der Ein­wan­de­rung nach Qua­li­fi­ka­ti­on und Arbeits­markt­be­darf aus­se­hen kann. Sie set­zen auf gere­gel­te Arbeits­mi­gra­ti­on statt auf weit­ge­hend unkon­trol­lier­te Flucht­mi­gra­ti­on und haben dabei deut­lich güns­ti­ge­re fis­ka­li­sche Ergeb­nis­se erzielt.

Die Behaup­tung, nie­mand wan­de­re in die deut­schen Sozi­al­sys­te­me ein, ist ange­sichts der vor­lie­gen­den Daten schlicht nicht halt­bar. Sie ist ein Bei­spiel dafür, wie gut gemein­te poli­ti­sche Nar­ra­ti­ve die Rea­li­tät ver­de­cken und damit einer sach­li­chen Pro­blem­lö­sung im Weg ste­hen. Eine ehr­li­che Debat­te, die sowohl huma­ni­tä­re Ver­pflich­tun­gen als auch die Trag­fä­hig­keit des Sozi­al­staa­tes ernst nimmt, ist längst über­fäl­lig.


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