Die Thuky­di­des-Fal­le als diplo­ma­ti­sche Warn­for­mel

Beim jüngs­ten Besuch Donald Trumps in Chi­na ist ein Begriff erneut in den Mit­tel­punkt der außen­po­li­ti­schen Debat­te gerückt, der seit Jah­ren als Deu­tungs­mus­ter für das Ver­hält­nis zwi­schen Washing­ton und Peking dient: die „Thuky­di­des-Fal­le“. Chi­nas Staats- und Par­tei­chef Xi Jin­ping soll den his­to­ri­schen Ver­weis im Gespräch mit Trump auf­ge­grif­fen haben. Ame­ri­ka­ni­sche und inter­na­tio­na­le Medi­en erklär­ten dar­auf­hin aus­führ­lich, was mit der For­mel gemeint ist und war­um sie im Kon­text der ame­ri­ka­nisch-chi­ne­si­schen Riva­li­tät poli­tisch auf­ge­la­den ist.

Der Begriff geht auf den anti­ken His­to­ri­ker Thuky­di­des zurück, der den Pelo­pon­ne­si­schen Krieg zwi­schen Athen und Spar­ta beschrieb. Sei­ne berühm­te Dia­gno­se lau­te­te sinn­ge­mäß, dass der Auf­stieg Athens und die dadurch aus­ge­lös­te Furcht Spar­tas den Krieg unver­meid­lich gemacht hät­ten. In der moder­nen Poli­tik­wis­sen­schaft wur­de dar­aus die The­se, dass Macht­ver­schie­bun­gen zwi­schen einer eta­blier­ten Groß­macht und einer auf­stre­ben­den Her­aus­for­de­rer­macht beson­ders kon­flikt­träch­tig sind.

Bekannt gemacht hat die­se Les­art vor allem der Har­vard-Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Gra­ham Alli­son. In sei­nem Buch Desti­ned for War: Can Ame­ri­ca and Chi­na Escape Thucydides’s Trap? über­trug er das his­to­ri­sche Mus­ter auf das Ver­hält­nis zwi­schen den USA und Chi­na. Alli­son argu­men­tiert, dass eine auf­stei­gen­de Macht, die den Sta­tus einer bestehen­den Ord­nungs­macht infra­ge stellt, struk­tu­rel­len Stress erzeugt: Miss­trau­en wächst, Sicher­heits­in­ter­es­sen wer­den enger defi­niert, mili­tä­ri­sche Signa­le wer­den leich­ter miss­ver­stan­den. Sein Har­vard-Pro­jekt ver­weist auf 16 his­to­ri­sche Fäl­le aus rund 500 Jah­ren, in denen eine neue Macht eine eta­blier­te Macht her­aus­for­der­te; nach die­ser Zäh­lung ende­ten 12 davon in Krieg.

Gera­de des­halb ist Xis Bezug­nah­me diplo­ma­tisch bedeut­sam. Sie war kei­ne bei­läu­fi­ge his­to­ri­sche Bemer­kung, son­dern eine Rah­mung des gegen­wär­ti­gen Macht­kon­flikts. In die­ser Les­art steht Chi­na für die auf­stei­gen­de Macht, die USA für den eta­blier­ten Hege­mon. Die Bot­schaft lau­tet: Bei­de Sei­ten müss­ten ver­hin­dern, dass Riva­li­tät, Angst und Fehl­kal­ku­la­ti­on in eine mili­tä­ri­sche Eska­la­ti­on füh­ren. Zugleich ent­hält die For­mel eine poli­ti­sche Zuspit­zung. Wer von der Thuky­di­des-Fal­le spricht, legt nahe, dass nicht allein kon­kre­te Streit­fra­gen wie Tai­wan, Han­dels­be­schrän­kun­gen, Tech­no­lo­gie­ex­por­te oder Mili­tär­prä­senz im Indo­pa­zi­fik ent­schei­dend sind, son­dern die tie­fer­lie­gen­de Struk­tur des Macht­über­gangs selbst.

Für Peking ist die­se Deu­tung nütz­lich. Sie erlaubt es der chi­ne­si­schen Füh­rung, den Kon­flikt als Fol­ge ame­ri­ka­ni­scher Ner­vo­si­tät gegen­über Chi­nas Auf­stieg dar­zu­stel­len. Die USA erschei­nen in die­ser Per­spek­ti­ve als Macht, die ihren rela­ti­ven Bedeu­tungs­ver­lust nicht akzep­tie­ren will. Washing­ton wie­der­um kann den Begriff anders lesen: als Hin­weis dar­auf, dass Chi­nas wirt­schaft­li­cher, tech­no­lo­gi­scher und mili­tä­ri­scher Auf­stieg die bestehen­de Ord­nung her­aus­for­dert und des­halb Gegen­maß­nah­men aus­löst. Der Begriff beschreibt damit nicht nur eine ana­ly­ti­sche Kon­stel­la­ti­on, son­dern wird selbst Teil stra­te­gi­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Die media­le Reak­ti­on in den USA zeigt, wie stark die For­mel inzwi­schen in der außen­po­li­ti­schen Spra­che ver­an­kert ist. Berich­te von ABC News, Bloom­berg, CBS News und ande­ren grif­fen den Aus­druck unmit­tel­bar auf und erklär­ten ihn als Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis der Trump-Xi-Begeg­nung. Das ist bemer­kens­wert, weil die „Thuky­di­des-Fal­le“ nicht ein­fach ein his­to­ri­scher Ver­gleich ist, son­dern ein Deu­tungs­rah­men mit pro­gnos­ti­schem Anspruch. Er sug­ge­riert, dass die ame­ri­ka­nisch-chi­ne­si­sche Riva­li­tät nicht nur durch ein­zel­ne poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen ent­steht, son­dern aus einer län­ger­fris­ti­gen Ver­schie­bung glo­ba­ler Macht­ver­hält­nis­se.

Gleich­zei­tig ist Vor­sicht gebo­ten. Die The­se ist ein­fluss­reich, aber wis­sen­schaft­lich umstrit­ten. Kri­ti­ker bemän­geln, dass Alli­sons Fall­aus­wahl nicht zwin­gend ist und dass his­to­ri­sche Macht­über­gän­ge sehr unter­schied­li­che Ursa­chen, Akteu­re und Eska­la­ti­ons­me­cha­nis­men hat­ten. Der Ers­te Welt­krieg lässt sich bei­spiels­wei­se nicht allein als Kon­flikt zwi­schen dem auf­stei­gen­den Deutsch­land und dem bri­ti­schen Empire erklä­ren. Auch Bünd­nis­sys­te­me, Natio­na­lis­mus, innen­po­li­ti­sche Zwän­ge, mili­tä­ri­sche Mobi­li­sie­rungs­plä­ne und regio­na­le Kri­sen spiel­ten eine zen­tra­le Rol­le. Eben­so war der Kal­te Krieg nicht nur des­halb kein direk­ter Krieg zwi­schen den USA und der Sowjet­uni­on, weil bei­de Sei­ten die „Fal­le“ ver­mie­den, son­dern auch wegen nuklea­rer Abschre­ckung, insti­tu­tio­na­li­sier­ter Kri­sen­di­plo­ma­tie und der Logik gegen­sei­ti­ger Ver­wund­bar­keit.

Als jour­na­lis­ti­scher Begriff bleibt die Thuky­di­des-Fal­le den­noch wirk­sam, weil sie einen kom­ple­xen Kon­flikt auf eine ver­ständ­li­che Grund­struk­tur redu­ziert: Eine bestehen­de Macht will ihre Ord­nung bewah­ren, eine auf­stei­gen­de Macht ver­langt mehr Ein­fluss, und bei­de Sei­ten inter­pre­tie­ren die Schrit­te der jeweils ande­ren als Bedro­hung. Genau dar­in liegt ihr Nut­zen, aber auch ihr Risi­ko. Wer die For­mel zu stark ver­wen­det, kann den Ein­druck erzeu­gen, ein Krieg zwi­schen den USA und Chi­na sei his­to­risch vor­ge­zeich­net. Das wäre ana­ly­tisch über­zo­gen. Macht­ver­schie­bun­gen erhö­hen Risi­ken, sie erset­zen aber nicht poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen.

Der Begriff ist daher am tref­fends­ten als Warn­si­gnal zu ver­ste­hen, nicht als Pro­gno­se. Er ver­weist auf die Gefahr, dass Riva­li­tät durch Angst, Pres­ti­ge­den­ken und Fehl­wahr­neh­mun­gen eska­liert. Ob dar­aus Krieg, kon­trol­lier­te Kon­kur­renz oder eine neue Form stra­te­gi­scher Koexis­tenz ent­steht, ist offen. Die Ver­wen­dung des Begriffs beim Trump-Besuch zeigt vor allem eines: Washing­ton und Peking wis­sen, dass ihre Riva­li­tät längst nicht mehr nur han­dels­po­li­tisch ist. Sie betrifft die Grund­fra­ge, wie Macht, Sicher­heit und Ord­nung im 21. Jahr­hun­dert ver­teilt wer­den.


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