Vor einem Jahr gewann Friedrich Merz die Bundestagswahl mit dem Versprechen einer „Wirtschaftswende“. Wachstum war das zentrale Wahlkampfthema. Ein Jahr später stellt sich die entscheidende Frage: Handelt es sich um eine echte strukturelle Trendwende – oder um einen staatlich finanzierten Zwischenaufschwung?
Für Anleger ist diese Unterscheidung zentral. Denn konjunkturelle Impulse wirken kurzfristig. Strukturelle Reformen entscheiden über langfristige Produktivität, Unternehmensgewinne und Standortattraktivität.
1. Wachstum: Konjunkturelle Belebung statt struktureller Stärke
Die Bundesregierung erwartet für das laufende Jahr rund ein Prozent Wirtschaftswachstum. Das klingt zunächst nach Stabilisierung nach drei schwachen Jahren.
Der entscheidende Punkt liegt jedoch im Potenzialwachstum – also der langfristigen, aus eigener Kraft erzielbaren Wachstumsrate einer Volkswirtschaft. Dieses wurde auf nur noch 0,5–0,6 % jährlich nach unten korrigiert.
Das aktuelle Plus speist sich überwiegend aus:
- kreditfinanzierten Staatsausgaben (Verteidigung, Infrastruktur),
- statistischen Sondereffekten.
Mit anderen Worten: Der Staat expandiert, nicht die strukturelle Wettbewerbsfähigkeit. Für Kapitalmärkte ist das ein Warnsignal. Nachhaltiges Gewinnwachstum entsteht aus Produktivität – nicht aus Defizitfinanzierung.
2. Bürokratieabbau: Ankündigungen dominieren
Geplant war eine Reduktion der Bürokratiekosten um 25 %. Umgesetzt wurde bislang wenig.
Das Lieferkettengesetz bleibt im Kern bestehen, Berichtspflichten wurden lediglich abgeschwächt. Auch andere Entlastungen kommen langsamer als angekündigt.
Für Unternehmen bedeutet das:
Planungsunsicherheit und administrative Kosten bleiben hoch. Gerade für Mittelständler – Rückgrat der deutschen Wirtschaft – ist das ein strukturelles Problem.
3. Arbeitsmarkt & Demografie: Das eigentliche Risiko
Der demografische Wandel ist der vielleicht größte Standortfaktor der nächsten 20 Jahre.
Maßnahmen wie:
- steuerliche Anreize für längeres Arbeiten,
- eine „Work-and-Stay-Agentur“ für Fachkräfte,
- verschärfte Regeln in der Grundsicherung
sind eher inkrementelle Anpassungen.
Was bislang fehlt, sind strukturelle Eingriffe:
- Reform des Ehegattensplittings (Arbeitsanreize für Zweitverdiener),
- Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung,
- Begrenzung abschlagsfreier Frühverrentung.
Ohne solche Reformen steigen Sozialbeiträge weiter – ein direkter Kostenfaktor für Unternehmen und ein Belastungsfaktor für Nettolöhne. Für Investoren bedeutet das: steigende strukturelle Lohnnebenkosten und Druck auf Margen.
4. Steuerpolitik: Entlastung auf Raten
Mit rund 30 % Unternehmensbesteuerung liegt Deutschland im oberen OECD-Drittel.
Die versprochene schnelle Entlastung bleibt aus. Stattdessen:
- verbesserte Abschreibungsregeln,
- schrittweise Senkung der Körperschaftsteuer ab 2028.
Gleichzeitig wird über eine Anhebung des Spitzensteuersatzes diskutiert – was viele mittelständische Unternehmer direkt betreffen würde, da sie der Einkommensteuer unterliegen.
Für Kapitalmärkte heißt das:
Kurzfristig keine spürbare Verbesserung der Standortattraktivität. Fiskalische Spielräume bleiben eng.
5. Energie: Subvention statt Strukturreform
Hohe Strompreise sind ein Wettbewerbsnachteil für die Industrie.
Die Regierung reagiert mit:
- Senkung der Stromsteuer (nur für Industrie),
- Reduzierung von Netzentgelten,
- Einführung eines Industriestrompreises.
Doch subventionierte Preise senken nicht die tatsächlichen Systemkosten. Entscheidend wäre eine strukturelle Reform des Energiemarktdesigns, der Netzinfrastruktur und der Genehmigungsverfahren.
Für Anleger im Industriesektor bedeutet das:
Kurzfristige Entlastung, aber keine verlässliche, langfristig kalkulierbare Kostenbasis.
6. Innovation: Kapitalmarkt bleibt Engpass
Mit dem „Deutschlandfonds“ sollen staatliche Mittel privates Kapital hebeln. Das Ziel: bessere Finanzierung für Zukunftstechnologien.
Gleichzeitig steigen die Subventionen deutlich – ein Widerspruch zum versprochenen „Ende der Subventionitis“.
Das Kernproblem bleibt bestehen:
Eine risikoarme, stark regulierte Wirtschaftsstruktur begünstigt etablierte Geschäftsmodelle stärker als disruptive Innovation.
Für Venture-Capital- und Wachstumsinvestoren ist das ein struktureller Standortnachteil.
7. Infrastruktur & Schulden: Viel Geld, offene Effizienzfrage
Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen verschafft fiskalischen Spielraum. Investitionen steigen deutlich.
Doch Geld allein schafft keine Produktivität.
Lange Planungs- und Genehmigungsverfahren bremsen Projekte weiterhin. Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass Sondervermögen Haushaltslücken kaschieren.
Für Kapitalmärkte entscheidend ist nicht die Höhe der Investitionen, sondern deren Kapitalrendite. Und die bleibt unklar.
8. Außenwirtschaft: Diversifizierung ohne Industrie-Strategie
Neue Handelsabkommen (z. B. mit Mercosur und Indien) sind geopolitisch sinnvoll.
Doch eine umfassende industriepolitische Strategie für eine Welt mit US-Protektionismus und China-Risiken ist bislang nicht erkennbar.
Für exportorientierte Unternehmen bleibt die geopolitische Unsicherheit hoch.
Gesamtfazit für Anleger
Ein Jahr nach dem großen Versprechen zeigt sich:
- Die Konjunktur stabilisiert sich.
- Der Staat stimuliert.
- Die Schulden steigen.
- Strukturreformen bleiben begrenzt.
Das kurzfristige Wachstum verdeckt die langfristige Schwäche des Potenzialwachstums.
Für Investoren heißt das:
- Deutschland bleibt kurzfristig stabilisierungsfähig.
- Langfristige Produktivitätsdynamik ist jedoch nicht gesichert.
- Standortattraktivität verbessert sich langsamer als erhofft.
- Strukturelle Reformrisiken bleiben politisch sensibel.
Die eigentliche „Wirtschaftswende“ wäre nicht ein Prozent mehr BIP – sondern eine klare Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Innovationskraft.
Ob diese noch kommt, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Für langfristig orientierte Anleger ist genau das die relevante Variable.