Warum kurze Laufzeiten derzeit besonders attraktiv sind
Der Zinsmarkt zeigt derzeit eine ungewöhnliche Konstellation. Während der Einlagezins der Europäischen Zentralbank bei 2,25 Prozent liegt, bieten zahlreiche Banken für Festgeld mit kurzen Laufzeiten deutlich höhere Verzinsungen. Besonders bei Laufzeiten von zwölf bis 24 Monaten finden sich Angebote um oder oberhalb von 3 Prozent. Für Sparer entsteht damit eine Situation, die es in dieser Form seit einigen Jahren kaum gegeben hat.
Der entscheidende Punkt ist allerdings nicht, dass Banken ihren Kunden einfach mehr zahlen, als sie selbst bei der Notenbank erhalten. Der Vergleich greift zu kurz, weil der EZB-Einlagezins für kurzfristige Einlagen der Banken bei der Zentralbank gilt, während Festgeld eine Refinanzierung mit fester Laufzeit darstellt. Für Banken ist daher entscheidend, zu welchen Konditionen sie sich alternativ am Kapitalmarkt oder untereinander finanzieren können.
Genau dort haben sich die Bedingungen deutlich verändert. Die Renditen deutscher Staatsanleihen sind kräftig gestiegen. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten zuletzt zeitweise bei mehr als 3,3 Prozent und damit auf dem höchsten Niveau seit vielen Jahren. Auch kürzere Laufzeiten haben spürbar zugelegt. Gleichzeitig sind die Geldmarktsätze gestiegen, zu denen sich Banken untereinander für längere Zeiträume Geld leihen.
Dadurch werden Kundeneinlagen für Banken wieder attraktiver. Ein Institut, das sich über ein- oder zweijähriges Festgeld refinanzieren kann, erhält planbare Mittel und muss dafür unter Umständen weniger zahlen als bei alternativen Finanzierungsquellen. Das erklärt, warum Banken derzeit verstärkt um Einlagen konkurrieren und die Konditionen für Festgeld und teilweise auch für Tagesgeld anheben.
Für Anleger ist vor allem der Vergleich mit sicheren Staatsanleihen interessant. Einjährige Bundeswertpapiere werfen derzeit Renditen im Bereich von rund 2,6 bis 2,7 Prozent ab, zweijährige Papiere knapp unter 3 Prozent. Gute Festgeldangebote können darüber liegen. Wer beispielsweise für zwölf Monate etwas mehr als 3 Prozent erhält, bekommt damit einen spürbaren Aufschlag gegenüber einer vergleichbaren Bundesanleihe.
Dieser Aufschlag ist allerdings nicht kostenlos. Festgeld ist während der vereinbarten Laufzeit in der Regel nicht verfügbar und kann nicht einfach verkauft werden. Bundesanleihen sind dagegen börsentäglich handelbar, unterliegen bei einem vorzeitigen Verkauf aber Kursschwankungen. Hinzu kommt, dass Bankeinlagen und Staatsanleihen unterschiedliche Sicherheitsmechanismen haben. Festgeld fällt innerhalb der Europäischen Union grundsätzlich bis 100.000 Euro je Kunde und Bank unter die gesetzliche Einlagensicherung. Bei ausländischen Instituten greift dabei das Sicherungssystem des jeweiligen Heimatlandes.
Gerade deshalb sollte bei sehr ähnlichen Zinssätzen nicht nur auf die letzte Nachkommastelle geschaut werden. Ein etwas höherer Zins bei einer ausländischen Bank kann attraktiv sein, doch der zusätzliche Ertrag fällt bei kleineren Anlagebeträgen oft überschaubar aus. Wer für eine geringe Zinsdifferenz lieber bei einem Institut mit deutscher Einlagensicherung bleibt, kauft sich damit vor allem Einfachheit und im möglichen Entschädigungsfall einen vertrauteren rechtlichen Rahmen.
Besonders groß ist der Unterschied derzeit zwischen guten Marktangeboten und den Konditionen vieler klassischer Bestandskundenkonten. Während attraktive Tages- oder Festgeldangebote deutlich über 2 Prozent und teilweise über 3 Prozent liegen, werden Guthaben bei traditionellen Banken und Sparkassen häufig noch deutlich niedriger verzinst. Wer größere Beträge über längere Zeit auf schlecht verzinsten Konten liegen lässt, verzichtet damit auf einen erheblichen Teil der möglichen Zinserträge.
Allerdings darf bei der Bewertung nicht nur auf den Nominalzins geschaut werden. Entscheidend ist die reale Rendite nach Inflation und gegebenenfalls nach Steuern. Bei einer Inflationsrate von rund 2,9 Prozent reicht ein Zinssatz von 2,5 Prozent nicht aus, um die Kaufkraft vollständig zu erhalten. Erst bei Renditen um oder oberhalb von 3 Prozent nähert sich die reale Verzinsung vor Steuern dem positiven Bereich.
Auch die steuerliche Betrachtung ist differenzierter, als es auf den ersten Blick scheint. Zinserträge unterliegen grundsätzlich der Abgeltungsteuer, allerdings steht Anlegern ein Sparer-Pauschbetrag zur Verfügung. Bei 10.000 Euro Anlagevermögen und 3 Prozent Zins entstehen 300 Euro Zinsertrag. Bleibt der persönliche Pauschbetrag ungenutzt, fällt darauf keine Steuer an. Bei 50.000 Euro entstehen 1.500 Euro Zinsen. Sind noch 1.000 Euro Sparer-Pauschbetrag verfügbar, wird nur der darüber hinausgehende Teil besteuert. Die effektive Nettorendite liegt damit deutlich höher, als wenn der gesamte Zinsertrag steuerpflichtig wäre.
Für Sparer ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Kurzlaufendes Festgeld ist derzeit wieder eine ernst zu nehmende Alternative. Wer Geld für zwölf oder 24 Monate sicher anlegen kann und in diesem Zeitraum nicht darauf angewiesen ist, findet Konditionen, die teilweise sogar über den Renditen vergleichbarer Bundesanleihen liegen.
Bei längeren Laufzeiten wird der Vorteil deutlich kleiner. Wer sich fünf oder zehn Jahre bindet, sollte Festgeld stärker mit Bundesanleihen und anderen festverzinslichen Wertpapieren vergleichen. Dort können handelbare Anleihen attraktiver sein, insbesondere wenn die angebotenen Festgeldzinsen den längeren Kapitalmarktrenditen kaum noch einen Aufschlag bieten.
Für langfristigen Vermögensaufbau bleibt ohnehin eine andere Frage entscheidend. Festgeld und Anleihen dienen vor allem der planbaren Verzinsung und Stabilität. Wer über viele Jahre reale Vermögenszuwächse anstrebt und zwischenzeitliche Kursschwankungen aushalten kann, wird in der Regel weiterhin einen erheblichen Aktienanteil benötigen.
Die derzeitige Zinslage macht Festgeld also nicht zur neuen Dauerlösung für Vermögensaufbau. Sie schafft aber eine interessante Gelegenheit für kurzfristig verfügbares oder sicher zu parkendes Kapital. Vor allem bei kurzen Laufzeiten lohnt es sich derzeit, die Konditionen verschiedener Anbieter genau zu vergleichen, statt größere Guthaben unverzinst oder zu sehr niedrigen Zinsen auf dem bestehenden Konto liegen zu lassen.