Gro­ße Wor­te, wenig Gegen­leis­tung

Trump und Kim Jong-un: Was hat die per­sön­li­che Bezie­hung den USA tat­säch­lich gebracht?

Donald Trump bezeich­net sein Ver­hält­nis zum nord­ko­rea­ni­schen Macht­ha­ber Kim Jong-un seit Jah­ren als außer­ge­wöhn­lich gut. Aus der anfäng­li­chen Eska­la­ti­on mit gegen­sei­ti­gen Dro­hun­gen ent­wi­ckel­te sich 2018 eine per­sön­li­che Gip­fel­di­plo­ma­tie, die welt­weit Auf­merk­sam­keit erreg­te. Trump war der ers­te amtie­ren­de US-Prä­si­dent, der sich mit einem nord­ko­rea­ni­schen Staats­chef traf. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet jedoch nicht, ob die Bil­der aus Sin­ga­pur spek­ta­ku­lär waren, son­dern was die Ver­ei­nig­ten Staa­ten für die­se per­sön­li­che Bezie­hung kon­kret erhal­ten haben.

Das wich­tigs­te Ergeb­nis des Gip­fels von Sin­ga­pur am 12. Juni 2018 war zunächst ein poli­ti­sches Grund­satz­pa­pier. Trump und Kim ver­pflich­te­ten sich dar­in zu neu­en Bezie­hun­gen zwi­schen den USA und Nord­ko­rea, zu einem dau­er­haf­ten Frie­den auf der korea­ni­schen Halb­in­sel und zur Arbeit an einer voll­stän­di­gen Denu­kle­a­ri­sie­rung. Außer­dem sag­te Nord­ko­rea die Rück­ga­be sterb­li­cher Über­res­te ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten aus dem Korea­krieg zu. (Wei­ße Haus) Tat­säch­lich über­gab Nord­ko­rea im Juli 2018 ins­ge­samt 55 Behäl­ter mit mut­maß­li­chen Über­res­ten ame­ri­ka­ni­scher Kriegs­to­ter. Das war ein rea­les und huma­ni­tär bedeut­sa­mes Ergeb­nis der neu­en Kon­tak­te.

Auch sicher­heits­po­li­tisch gab es zunächst eine gewis­se Ent­span­nung. Kim hat­te 2018 ein frei­wil­li­ges Mora­to­ri­um für Atom­tests und Tests weit­rei­chen­der bal­lis­ti­scher Rake­ten ver­kün­det. Wäh­rend der inten­sivs­ten Pha­se der Trump-Kim-Diplo­ma­tie blie­ben die beson­ders pro­vo­kan­ten Atom- und Inter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten­tests des­halb zunächst aus. Die Trump-Regie­rung wer­te­te die­se Pau­se als Erfolg ihrer Poli­tik. Aller­dings war das Mora­to­ri­um weder ein umfas­sen­der Abrüs­tungs­ver­trag noch bedeu­te­te es die Still­le­gung des nord­ko­rea­ni­schen Atom­pro­gramms. Nord­ko­rea konn­te wei­ter­hin an Rake­ten, nuklea­rem Mate­ri­al und ande­ren Waf­fen­sys­te­men arbei­ten.

Trump erhielt damit etwas, das sei­ne Vor­gän­ger nicht erreicht hat­ten: einen direk­ten per­sön­li­chen Zugang zur nord­ko­rea­ni­schen Füh­rung und vor­über­ge­hend eine deut­lich weni­ger kon­fron­ta­ti­ve Atmo­sphä­re. Die Gefahr einer unmit­tel­ba­ren mili­tä­ri­schen Eska­la­ti­on, die 2017 noch sehr real erschie­nen war, ging zurück. Das ist nicht bedeu­tungs­los. Diplo­ma­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le zwi­schen zwei ato­mar bewaff­ne­ten Geg­nern kön­nen hel­fen, Miss­ver­ständ­nis­se und unkon­trol­lier­te Eska­la­tio­nen zu ver­mei­den. Trump kann des­halb mit gewis­sem Recht dar­auf ver­wei­sen, dass sei­ne Gesprächs­stra­te­gie zeit­wei­se eine ande­re Dyna­mik erzeug­te.

Doch gemes­sen an sei­nem ursprüng­lich for­mu­lier­ten Haupt­ziel fällt die Bilanz wesent­lich schlech­ter aus. Nord­ko­rea hat sei­ne Atom­waf­fen nicht auf­ge­ge­ben. Der zwei­te Trump-Kim-Gip­fel im Febru­ar 2019 in Hanoi ende­te ohne Abkom­men. Die ent­schei­den­de Streit­fra­ge war, wie weit Nord­ko­rea sei­ne nuklea­ren Anla­gen abbau­en wür­de und wel­che Sank­tio­nen die USA im Gegen­zug auf­he­ben soll­ten. Ein über­prüf­ba­rer Gesamt­plan zur Denu­kle­a­ri­sie­rung kam nicht zustan­de. Auch die beim Tref­fen an der demi­li­ta­ri­sier­ten Zone im Juni 2019 ver­ein­bar­te Wie­der­auf­nah­me von Arbeits­ge­sprä­chen führ­te letzt­lich nicht zum Durch­bruch.

Noch deut­li­cher wird das Pro­blem aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve. Die Inter­na­tio­na­le Atom­ener­gie­be­hör­de stell­te im Juni 2026 fest, dass die Uran­an­rei­che­rungs­an­la­gen in Yongby­on und Kangson wei­ter betrie­ben wer­den und Nord­ko­rea sei­ne Pro­duk­ti­on von waf­fen­fä­hi­gem Nukle­ar­ma­te­ri­al aus­baut. Das Stock­hol­mer Frie­dens­for­schungs­in­sti­tut SIPRI schätzt, dass Nord­ko­rea Anfang 2026 wahr­schein­lich etwa 60 Atom­spreng­köp­fe zusam­men­ge­setzt hat­te und über genü­gend spalt­ba­res Mate­ri­al für min­des­tens 30 wei­te­re ver­füg­te. Der zen­tra­le stra­te­gi­sche Anspruch der Trump-Diplo­ma­tie – eine Denu­kle­a­ri­sie­rung Nord­ko­re­as – ist damit bis­lang nicht erreicht wor­den.

Gleich­zei­tig hat Kim Jong-un durch die per­sön­li­chen Gip­fel­tref­fen selbst eini­ges gewon­nen. Ein inter­na­tio­nal weit­ge­hend iso­lier­ter Macht­ha­ber wur­de auf Augen­hö­he mit dem Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten emp­fan­gen. Schon die­se Bil­der ver­schaff­ten Kim innen- und außen­po­li­ti­sches Pres­ti­ge. Trump ging dar­über hin­aus auf eine beson­ders wich­ti­ge nord­ko­rea­ni­sche For­de­rung ein: Nach dem Sin­ga­pur-Gip­fel wur­den gro­ße gemein­sa­me Mili­tär­übun­gen mit Süd­ko­rea aus­ge­setzt bezie­hungs­wei­se redu­ziert. Sol­che Übun­gen betrach­tet Pjöng­jang seit lan­gem als Bedro­hung. Auch im August 2026 ord­ne­te Trump erneut eine deut­li­che Redu­zie­rung gemein­sa­mer Übun­gen mit Süd­ko­rea an. Gleich­zei­tig beton­te er erneut sein gutes Ver­hält­nis zu Kim und beschrieb Nord­ko­rea als ihm gegen­über respekt­voll.

Genau hier setzt die Kri­tik von Sena­tor Mark Kel­ly an. Kel­ly befürch­tet, dass Trumps per­sön­li­ches Ver­hält­nis zu Kim die sicher­heits­po­li­ti­schen Inter­es­sen der Ver­ei­nig­ten Staa­ten über­la­gern könn­te. Er argu­men­tiert, eine Ver­rin­ge­rung der Übun­gen schwä­che lang­fris­tig die mili­tä­ri­sche Zusam­men­ar­beit mit Süd­ko­rea, wäh­rend Nord­ko­rea gleich­zei­tig durch sei­ne Part­ner­schaft mit Russ­land stär­ker wer­de.

Die Bilanz der per­sön­li­chen Trump-Kim-Bezie­hung ist des­halb zwie­späl­tig, aber bei der Kern­fra­ge rela­tiv ein­deu­tig. Trump bekam direk­ten Zugang zu Kim, eine zeit­wei­li­ge Ent­span­nung, eine Pau­se bei bestimm­ten beson­ders gefähr­li­chen Waf­fen­tests und die Rück­ga­be von Über­res­ten ame­ri­ka­ni­scher Sol­da­ten. Das waren kon­kre­te Ergeb­nis­se. Was er dage­gen nicht bekam, war das, wor­an der Erfolg sei­ner Nord­ko­rea-Poli­tik ursprüng­lich gemes­sen wer­den soll­te: eine über­prüf­ba­re Abrüs­tung des nord­ko­rea­ni­schen Atom­pro­gramms.

Im Gegen­teil: Acht Jah­re nach dem Gip­fel von Sin­ga­pur ver­fügt Nord­ko­rea über ein wei­ter­ent­wi­ckel­tes Nukle­ar­pro­gramm und deut­lich grö­ße­re mili­tä­ri­sche Fähig­kei­ten. Trumps per­sön­li­che Bezie­hung zu Kim hat also gezeigt, dass per­sön­li­che Diplo­ma­tie Span­nun­gen ver­min­dern und Gesprä­che ermög­li­chen kann. Sie hat bis­lang jedoch nicht bewie­sen, dass ein gutes per­sön­li­ches Ver­hält­nis zu einem auto­ri­tä­ren Staats­chef auto­ma­tisch zu stra­te­gi­schen Zuge­ständ­nis­sen führt. Wenn man die Bezie­hung nicht an den Gip­fel­fo­tos, son­dern an der Denu­kle­a­ri­sie­rung misst, hat Kim deut­lich weni­ger auf­ge­ge­ben, als Trump ursprüng­lich errei­chen woll­te.


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