Hat Zuwan­de­rung den Woh­nungs­man­gel ver­schärft?

Die Fra­ge, ob Zuwan­de­rung den Woh­nungs­man­gel in Deutsch­land ver­schärft hat, lässt sich grund­sätz­lich mit Ja beant­wor­ten. Mehr Men­schen bedeu­ten bei einem gege­be­nen Woh­nungs­be­stand eine höhe­re Nach­fra­ge nach Woh­nun­gen. Aller­dings wäre es zu kurz gegrif­fen, die heu­ti­ge Woh­nungs­not allein auf Migra­ti­on zurück­zu­füh­ren. Ent­schei­dend ist viel­mehr das Zusam­men­spiel aus star­kem Bevöl­ke­rungs­zu­wachs, einer Kon­zen­tra­ti­on der Nach­fra­ge auf bestimm­te Städ­te und Regio­nen und einem Woh­nungs­bau, der mit die­ser Ent­wick­lung vie­ler­orts nicht Schritt gehal­ten hat.

Die Grö­ßen­ord­nung der Zuwan­de­rung ist erheb­lich. Addiert man die jähr­li­chen Wan­de­rungs­sal­den des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes, sind zwi­schen 2015 und 2025 ins­ge­samt rund 6,12 Mil­lio­nen Men­schen mehr aus dem Aus­land nach Deutsch­land zuge­zo­gen als Deutsch­land ver­las­sen haben. Beson­ders hohe Wan­de­rungs­über­schüs­se gab es 2015 mit rund 1,14 Mil­lio­nen Men­schen und 2022 mit rund 1,46 Mil­lio­nen. Seit­dem ist die Net­to­zu­wan­de­rung aller­dings deut­lich zurück­ge­gan­gen. Im Jahr 2025 betrug sie noch etwa 235.000 Per­so­nen.

Die­se zusätz­li­chen Men­schen benö­ti­gen Wohn­raum. Dabei spielt zunächst kei­ne Rol­le, aus wel­chem Grund jemand nach Deutsch­land kommt – ob als Arbeit­neh­mer, Stu­dent, EU-Bür­ger, Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger oder Schutz­su­chen­der. Jeder zusätz­li­che Haus­halt erhöht grund­sätz­lich die Nach­fra­ge auf dem Woh­nungs­markt. Das bedeu­tet aller­dings nicht, dass sechs Mil­lio­nen zusätz­li­che Ein­woh­ner auch sechs Mil­lio­nen zusätz­li­che Woh­nun­gen erfor­dern. Men­schen leben in Haus­hal­ten zusam­men, und Zuge­wan­der­te ver­fü­gen im Durch­schnitt über weni­ger Wohn­flä­che pro Per­son als Men­schen ohne Zuwan­de­rungs­ge­schich­te. Der Sach­ver­stän­di­gen­rat für Inte­gra­ti­on und Migra­ti­on weist zudem dar­auf hin, dass Zuge­wan­der­te häu­fi­ger in grö­ße­ren oder über­be­leg­ten Haus­hal­ten leben.

Par­al­lel zur Zuwan­de­rung ist der Woh­nungs­be­stand gewach­sen. Ende 2015 gab es in Deutsch­land rund 41,5 Mil­lio­nen Woh­nun­gen, Ende 2025 waren es etwa 44,0 Mil­lio­nen. Inner­halb von zehn Jah­ren kamen damit rund 2,5 Mil­lio­nen Woh­nun­gen hin­zu. Die­ser Ver­gleich zeigt bereits, dass Deutsch­land durch­aus erheb­lich gebaut hat. Er beweist aber weder, dass die­se 2,5 Mil­lio­nen Woh­nun­gen aus­schließ­lich wegen der Zuwan­de­rung benö­tigt wur­den, noch lässt sich die Zahl direkt mit den 6,12 Mil­lio­nen Net­to­zu­wan­de­rern ver­glei­chen. Ent­schei­dend ist die Zahl der Haus­hal­te, deren Grö­ße und vor allem der Ort, an dem die Woh­nun­gen benö­tigt wer­den.

Gera­de die räum­li­che Ver­tei­lung ist ein Kern des Pro­blems. Deutsch­land hat nicht über­all Woh­nungs­man­gel. Wäh­rend Woh­nun­gen in wirt­schaft­lich schwä­che­ren oder schrump­fen­den Regio­nen teil­wei­se leer ste­hen, herrscht in vie­len Groß­städ­ten, Uni­ver­si­täts­städ­ten und wirt­schafts­star­ken Regio­nen erheb­li­che Knapp­heit. Genau dort­hin zieht es sowohl Men­schen aus dem Aus­land als auch Bin­nen­wan­de­rer aus ande­ren Tei­len Deutsch­lands. Der Sach­ver­stän­di­gen­rat für Inte­gra­ti­on und Migra­ti­on stellt des­halb fest, dass beson­ders in Städ­ten eine stei­gen­de Nach­fra­ge auf ein nur lang­sam wach­sen­des Ange­bot trifft.

Dass die Zuwan­de­rung den zusätz­li­chen Woh­nungs­be­darf mess­bar erhöht hat, zei­gen auch Modell­rech­nun­gen des Insti­tuts der deut­schen Wirt­schaft. Für die Jah­re 2021 bis 2025 muss­te das Insti­tut sei­nen geschätz­ten jähr­li­chen Woh­nungs­be­darf von ursprüng­lich rund 308.000 auf etwa 372.600 Woh­nun­gen erhö­hen. Als wesent­li­chen Grund nennt das IW eine deut­lich höhe­re Zuwan­de­rung als zuvor ange­nom­men. Die tat­säch­li­che Zuwan­de­rung lag nach die­sen Berech­nun­gen um etwa 1,5 Mil­lio­nen Men­schen über der ursprüng­li­chen Pro­gno­se, unter ande­rem infol­ge der Flucht­mi­gra­ti­on aus der Ukrai­ne seit 2022.

Gleich­zei­tig konn­te der Woh­nungs­bau mit die­sem Bedarf nicht Schritt hal­ten. Im Jahr 2025 wur­den in Deutsch­land nur rund 206.600 Woh­nun­gen fer­tig­ge­stellt. Das waren 18 Pro­zent weni­ger als 2024 und der nied­rigs­te Wert seit 2012. Zwi­schen 2021 und 2023 waren es noch jeweils rund 294.000 Woh­nun­gen gewe­sen. Damit lag die tat­säch­li­che Bau­tä­tig­keit zuletzt deut­lich unter ver­schie­de­nen Schät­zun­gen des zusätz­li­chen Bedarfs.

Der Woh­nungs­man­gel kann jedoch nicht allein mit der Zuwan­de­rung seit 2015 erklärt wer­den. In deut­schen Groß­städ­ten war Wohn­raum bereits zuvor knapp. Eine Unter­su­chung des Insti­tuts der deut­schen Wirt­schaft aus dem Jahr 2014 beschrieb schon damals ange­spann­te Woh­nungs­märk­te ins­be­son­de­re in Ber­lin, Mün­chen und Ham­burg. Für den Zeit­raum 2011 bis 2015 erga­ben spä­te­re Berech­nun­gen des Insti­tuts, dass bun­des­weit nur etwa 53 Pro­zent des errech­ne­ten zusätz­li­chen Bau­be­darfs tat­säch­lich rea­li­siert wur­den; in vie­len Groß­städ­ten war das Ver­hält­nis noch ungüns­ti­ger.

Hin­zu kom­men struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen inner­halb der bereits vor­han­de­nen Bevöl­ke­rung. Die durch­schnitt­li­chen Haus­hal­te wer­den klei­ner, und ins­be­son­de­re die Zahl der Ein­per­so­nen­haus­hal­te ist lang­fris­tig gestie­gen. Dadurch kann selbst bei gleich­blei­ben­der Ein­woh­ner­zahl mehr Wohn­raum benö­tigt wer­den. Gleich­zei­tig kon­zen­trie­ren sich Arbeits­plät­ze, Hoch­schu­len und Infra­struk­tur in bestimm­ten Bal­lungs­räu­men, was zusätz­li­che Bin­nen­wan­de­rung aus­löst. Hohe Grund­stücks­prei­se, gestie­ge­ne Bau­kos­ten, höhe­re Finan­zie­rungs­kos­ten, lang­wie­ri­ge Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren und begrenz­tes Bau­land erschwe­ren wie­der­um die Aus­wei­tung des Ange­bots.

Die Ent­wick­lung zeigt des­halb zwei Din­ge gleich­zei­tig. Ers­tens hat die star­ke Zuwan­de­rung der ver­gan­ge­nen Jah­re die Nach­fra­ge nach Wohn­raum deut­lich erhöht und damit den Woh­nungs­man­gel ins­be­son­de­re in ohne­hin ange­spann­ten Städ­ten und Bal­lungs­räu­men ver­schärft. Ohne die­se zusätz­li­che Nach­fra­ge wären vie­le regio­na­le Woh­nungs­märk­te wahr­schein­lich weni­ger ange­spannt. Zwei­tens ent­stand die Knapp­heit nicht allein durch Migra­ti­on. In meh­re­ren Groß­städ­ten bestand bereits vor der gro­ßen Flücht­lings­zu­wan­de­rung des Jah­res 2015 ein erheb­li­ches Miss­ver­hält­nis zwi­schen Woh­nungs­bau und wach­sen­der Nach­fra­ge.

Auch der umge­kehr­te Schluss wäre daher zu ein­fach: Aus der Tat­sa­che, dass Zuwan­de­rung zusätz­li­chen Wohn­raum benö­tigt, folgt nicht, dass eine Ver­rin­ge­rung der aus­län­di­schen Bevöl­ke­rung auto­ma­tisch sämt­li­che Woh­nungs­pro­ble­me lösen wür­de. Woh­nungs­man­gel ist regio­nal, betrifft unter­schied­li­che Woh­nungs­ty­pen und Preis­seg­men­te und hängt wesent­lich davon ab, wo Men­schen leben und arbei­ten wol­len. Zudem kön­nen Arbeits­kräf­te, die selbst zuge­wan­dert sind, gleich­zei­tig Teil der wirt­schaft­li­chen Basis für Bau­wirt­schaft, Pfle­ge, Indus­trie und ande­re Berei­che sein. Der Sach­ver­stän­di­gen­rat weist bei­spiels­wei­se dar­auf hin, dass Woh­nungs­knapp­heit inzwi­schen selbst zu einem Hin­der­nis bei der Gewin­nung aus­län­di­scher Fach­kräf­te gewor­den ist.

Das sach­li­che Fazit lau­tet des­halb: Zuwan­de­rung hat den Woh­nungs­man­gel in Deutsch­land nicht ver­ur­sacht, aber sie hat ihn deut­lich ver­schärft. Beson­ders pro­ble­ma­tisch wur­de dies dort, wo eine stark wach­sen­de Bevöl­ke­rung auf ein schon zuvor knap­pes Woh­nungs­an­ge­bot traf. Die ent­schei­den­de woh­nungs­po­li­ti­sche Fra­ge ist daher nicht nur, wie vie­le Men­schen nach Deutsch­land kom­men, son­dern ob der Woh­nungs­be­stand dort schnell genug wächst, wo die zusätz­li­che Nach­fra­ge tat­säch­lich ent­steht.


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