Woh­nungs­not in deut­schen Groß­städ­ten – war­um bezahl­ba­rer Wohn­raum immer knap­per wird

Die ange­spann­te Lage auf den Woh­nungs­märk­ten deut­scher Groß­städ­te gehört zu den drän­gends­ten sozia­len und wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men der Gegen­wart. Beson­ders in Ber­lin, Ham­burg, Köln, Düs­sel­dorf und Mün­chen fällt es vie­len Men­schen zuneh­mend schwer, eine Woh­nung zu fin­den, die sowohl ihren Bedürf­nis­sen ent­spricht als auch dau­er­haft bezahl­bar ist. Betrof­fen sind längst nicht mehr aus­schließ­lich Haus­hal­te mit nied­ri­gen Ein­kom­men. Auch Beschäf­tig­te mit mitt­le­ren Ein­kom­men, jun­ge Fami­li­en, Stu­die­ren­de, Aus­zu­bil­den­de und Men­schen, die für einen Arbeits­platz in eine Groß­stadt zie­hen, erle­ben einen Woh­nungs­markt, auf dem ver­füg­ba­re Woh­nun­gen knapp und Neu­ver­mie­tun­gen häu­fig teu­er sind. Hin­ter die­ser Ent­wick­lung steht jedoch nicht eine ein­zel­ne Ursa­che, son­dern ein Zusam­men­spiel aus hoher Nach­fra­ge, zu gerin­ger Bau­tä­tig­keit, stei­gen­den Kos­ten, begrenz­ten Flä­chen und poli­ti­schen sowie recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen.

Ein grund­le­gen­des Pro­blem besteht in der anhal­ten­den Dis­kre­panz zwi­schen Woh­nungs­an­ge­bot und Woh­nungs­nach­fra­ge. Wirt­schaft­lich star­ke Metro­pol­re­gio­nen zie­hen Men­schen wegen ihrer Arbeits­plät­ze, Hoch­schu­len, kul­tu­rel­len Ange­bo­te und sozia­len Infra­struk­tur an. Gleich­zei­tig ver­än­dert sich die Struk­tur der Haus­hal­te. Eine wach­sen­de Zahl von Ein­per­so­nen­haus­hal­ten erhöht bei­spiels­wei­se den Woh­nungs­be­darf auch dann, wenn die Bevöl­ke­rungs­zahl weni­ger stark zunimmt. In vie­len Groß­städ­ten wächst der Bedarf an Woh­nun­gen des­halb schnel­ler, als zusätz­li­cher Wohn­raum geschaf­fen wer­den kann.

Beson­ders deut­lich zeigt sich die­se Ent­wick­lung in Ber­lin. Die Haupt­stadt ist seit Beginn der 2010er-Jah­re stark gewach­sen. Die Bau­tä­tig­keit konn­te mit die­sem Wachs­tum trotz erheb­li­cher Neu­bau­ak­ti­vi­tä­ten nicht dau­er­haft Schritt hal­ten. Ähn­li­che Eng­päs­se bestehen auch in ande­ren wirt­schaft­lich attrak­ti­ven Städ­ten. Dabei beschränkt sich der Preis­druck längst nicht mehr auf beson­ders begehr­te Innen­stadt­vier­tel. Stei­gen­de Wohn­kos­ten erfas­sen zuneh­mend äuße­re Stadt­tei­le und das Umland, weil Woh­nungs­su­chen­de auf güns­ti­ge­re Stand­or­te aus­wei­chen und dadurch auch dort die Nach­fra­ge steigt.

Der nahe­lie­gen­de Aus­weg wäre ein deut­lich grö­ße­res Woh­nungs­an­ge­bot. In der Pra­xis lässt sich die­ses jedoch nicht kurz­fris­tig schaf­fen. Zwi­schen der Pla­nung eines Wohn­ge­bäu­des und sei­ner Fer­tig­stel­lung kön­nen meh­re­re Jah­re lie­gen. Grund­stü­cke müs­sen ver­füg­bar sein, Bebau­ungs­plä­ne erstellt oder geän­dert, Geneh­mi­gun­gen erteilt, Finan­zie­run­gen gesi­chert und Bau­un­ter­neh­men gefun­den wer­den. Selbst bereits geneh­mig­te Pro­jek­te wer­den des­halb nicht zwangs­läu­fig unmit­tel­bar gebaut. Deutsch­land ver­fügt über einen erheb­li­chen Bestand geneh­mig­ter, aber noch nicht fer­tig­ge­stell­ter Woh­nun­gen. Das zeigt, dass die Woh­nungs­fra­ge nicht allein durch schnel­ler erteil­te Bau­ge­neh­mi­gun­gen gelöst wer­den kann.

Hin­zu kommt eine erheb­li­che Ver­teue­rung des Bau­ens. Mate­ri­al, Löh­ne und tech­ni­sche Gebäu­de­aus­stat­tung sind lang­fris­tig deut­lich teu­rer gewor­den. Anfor­de­run­gen an Ener­gie­ef­fi­zi­enz, Schall­schutz, Brand­schutz, Bar­rie­re­frei­heit und Gebäu­de­tech­nik erhö­hen einer­seits die Qua­li­tät und Sicher­heit neu­er Gebäu­de, kön­nen ande­rer­seits aber die Her­stel­lungs­kos­ten stei­gern. Zugleich erschwe­ren kom­ple­xe Pla­nungs- und Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren die schnel­le Umset­zung von Pro­jek­ten. Jede zusätz­li­che Vor­ga­be mag für sich genom­men nach­voll­zieh­bar sein; in ihrer Sum­me kön­nen zahl­rei­che Anfor­de­run­gen jedoch dazu füh­ren, dass Pla­nung und Bau auf­wen­di­ger und teu­rer wer­den.

Eine zen­tra­le Rol­le spielt außer­dem die Finan­zie­rung. Immo­bi­li­en­pro­jek­te wer­den in der Regel nur teil­wei­se mit Eigen­ka­pi­tal finan­ziert. Stei­gen die Kre­dit­zin­sen, erhö­hen sich des­halb die Kos­ten eines Neu­bau­pro­jekts erheb­lich. Ein Gebäu­de, das unter den Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen einer lang­jäh­ri­gen Nied­rig­zins­pha­se wirt­schaft­lich trag­fä­hig gewe­sen wäre, kann bei höhe­ren Zin­sen plötz­lich unren­ta­bel wer­den. Pro­jekt­ent­wick­ler ver­schie­ben Vor­ha­ben, ver­än­dern ihre Pla­nun­gen oder ver­zich­ten voll­stän­dig auf deren Umset­zung. Dadurch kann die Neu­bau­tä­tig­keit gera­de in einer Pha­se zurück­ge­hen, in der wegen der bestehen­den Woh­nungs­knapp­heit eigent­lich beson­ders viel gebaut wer­den müss­te.

Noch schwie­ri­ger wird die Situa­ti­on durch die Ent­wick­lung der Grund­stücks­prei­se. Bau­land ist in attrak­ti­ven Städ­ten begrenzt und lässt sich nicht belie­big ver­meh­ren. Hohe Boden­prei­se ver­teu­ern jedes dar­auf errich­te­te Gebäu­de, unab­hän­gig davon, ob spä­ter Miet- oder Eigen­tums­woh­nun­gen ent­ste­hen. Wer ein Grund­stück zu einem hohen Preis erwirbt, muss ent­spre­chend hohe Ein­nah­men erzie­len, damit sich das Pro­jekt wirt­schaft­lich trägt. Dadurch ent­steht ins­be­son­de­re in guten Lagen ein struk­tu­rel­ler Anreiz, hoch­prei­si­ge Woh­nun­gen zu errich­ten. Preis­güns­ti­ger Neu­bau lässt sich unter sol­chen Bedin­gun­gen häu­fig nur rea­li­sie­ren, wenn Grund­stü­cke ver­güns­tigt bereit­ge­stellt, För­der­mit­tel ein­ge­setzt oder Tei­le eines Pro­jekts gezielt für preis­ge­bun­de­nen Wohn­raum reser­viert wer­den.

Dar­in zeigt sich ein grund­le­gen­der Ziel­kon­flikt des Woh­nungs­mark­tes. Pri­va­te Unter­neh­men inves­tie­ren grund­sätz­lich dort, wo sie unter Berück­sich­ti­gung von Kos­ten und Risi­ken eine aus­rei­chen­de Ren­di­te erwar­ten kön­nen. Von ihnen kann des­halb nicht auto­ma­tisch erwar­tet wer­den, dass sie Woh­nun­gen zu Prei­sen errich­ten, die unter den gege­be­nen Bau- und Grund­stücks­kos­ten wirt­schaft­lich kaum trag­fä­hig sind. Gleich­zei­tig ist Woh­nen kein gewöhn­li­ches Kon­sum­gut. Men­schen kön­nen auf Wohn­raum nicht ver­zich­ten und benö­ti­gen ihn dort, wo ihr beruf­li­ches und sozia­les Leben statt­fin­det. Gera­de des­halb kommt dem Staat und den Kom­mu­nen eine beson­de­re Rol­le zu. Sie kön­nen durch sozia­len Woh­nungs­bau, kom­mu­na­le Woh­nungs­un­ter­neh­men, För­der­pro­gram­me, Bau­land­po­li­tik und pla­nungs­recht­li­che Vor­ga­ben Ein­fluss dar­auf neh­men, wel­che Woh­nun­gen ent­ste­hen und für wel­che Ein­kom­mens­grup­pen sie zugäng­lich sind.

Auch die Nut­zung knap­per Flä­chen wird damit zu einer poli­ti­schen Ver­tei­lungs­fra­ge. Städ­te benö­ti­gen nicht nur Woh­nun­gen, son­dern eben­so Gewer­be­flä­chen, Büros, Schu­len, Ver­kehrs­in­fra­struk­tur, Grün­an­la­gen und sozia­le Ein­rich­tun­gen. Gleich­zei­tig kon­kur­rie­ren ver­schie­de­ne For­men des Woh­nungs­baus mit­ein­an­der. Hoch­prei­si­ge Eigen­tums­woh­nun­gen, frei finan­zier­te Miet­woh­nun­gen und geför­der­ter Woh­nungs­bau bean­spru­chen die­sel­ben begrenz­ten Flä­chen. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet daher nicht allein, wie viel gebaut wird, son­dern eben­so, was gebaut wird, wo es ent­steht und für wel­che Bevöl­ke­rungs­grup­pen der neue Wohn­raum bezahl­bar ist.

Für Woh­nungs­su­chen­de wird die ange­spann­te Lage beson­ders bei Neu­ver­mie­tun­gen sicht­bar. In Städ­ten wie Ber­lin lie­gen die öffent­lich ange­bo­te­nen Mie­ten deut­lich über dem Niveau vie­ler bestehen­der Miet­ver­hält­nis­se. Dar­aus ent­steht eine zuneh­men­de Spal­tung des Woh­nungs­mark­tes. Wer seit vie­len Jah­ren in einer ver­gleichs­wei­se güns­ti­gen Woh­nung lebt, ist häu­fig wesent­lich weni­ger belas­tet als jemand, der neu in die Stadt zieht oder wegen einer ver­än­der­ten Lebens­si­tua­ti­on eine grö­ße­re Woh­nung benö­tigt. Ein Umzug kann dadurch einen erheb­li­chen Anstieg der monat­li­chen Wohn­kos­ten ver­ur­sa­chen. Die­se soge­nann­te Lock-in-Wir­kung führt zugleich dazu, dass man­che Men­schen in Woh­nun­gen blei­ben, die eigent­lich nicht mehr opti­mal zu ihrer Lebens­si­tua­ti­on pas­sen, weil ein Wech­sel finan­zi­ell kaum attrak­tiv ist.

Zu den Kalt­mie­ten kom­men die Betriebs­kos­ten hin­zu. Heiz­ener­gie, Warm­was­ser, kom­mu­na­le Gebüh­ren, Ver­si­che­run­gen, Gebäu­de­dienst­leis­tun­gen und ande­re lau­fen­de Aus­ga­ben kön­nen die tat­säch­li­che Wohn­kos­ten­be­las­tung erheb­lich erhö­hen. Gera­de Haus­hal­te mit gerin­gem oder mitt­le­rem Ein­kom­men spü­ren stei­gen­de Ener­gie- und Betriebs­kos­ten beson­ders stark, weil Woh­nen einen grö­ße­ren Anteil ihres ver­füg­ba­ren Ein­kom­mens bean­sprucht. Ent­schei­dend ist des­halb nicht allein die Höhe der Kalt­mie­te, son­dern die gesam­te monat­li­che Belas­tung.

Die Woh­nungs­not in deut­schen Groß­städ­ten lässt sich daher weder aus­schließ­lich mit Zuwan­de­rung noch mit Büro­kra­tie, hohen Bau­kos­ten oder dem Ver­hal­ten pri­va­ter Inves­to­ren erklä­ren. Sie ist das Ergeb­nis meh­re­rer Ent­wick­lun­gen, die sich gegen­sei­tig ver­stär­ken. Eine hohe Nach­fra­ge trifft auf ein nur lang­sam wach­sen­des Ange­bot. Hohe Grund­stücks­prei­se, Bau­kos­ten und Finan­zie­rungs­kos­ten erschwe­ren zusätz­li­chen Neu­bau. Lang­wie­ri­ge Pla­nungs­pro­zes­se begren­zen die Geschwin­dig­keit, mit der Städ­te auf Ver­än­de­run­gen reagie­ren kön­nen. Gleich­zei­tig führt die wirt­schaft­li­che Logik des Immo­bi­li­en­mark­tes dazu, dass preis­güns­ti­ger Neu­bau in beson­ders teu­ren Lagen häu­fig nicht ohne öffent­li­che För­de­rung oder ande­re staat­li­che Instru­men­te ent­steht.

Eine nach­hal­ti­ge Ver­bes­se­rung setzt des­halb an meh­re­ren Stel­len gleich­zei­tig an. Städ­te benö­ti­gen schnel­ler ver­füg­ba­res Bau­land, ver­läss­li­che­re und effi­zi­en­te­re Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren sowie Rah­men­be­din­gun­gen, unter denen ein­fa­cher und kos­ten­güns­ti­ger gebaut wer­den kann. Bestehen­de Gebäu­de kön­nen durch Auf­sto­ckun­gen, Dach­aus­bau­ten und Umnut­zun­gen zusätz­li­chen Wohn­raum schaf­fen, ohne neue Sied­lungs­flä­chen in glei­chem Umfang zu bean­spru­chen. Gleich­zei­tig blei­ben sozia­ler und kom­mu­na­ler Woh­nungs­bau wich­tig, wenn auch Haus­hal­te mit nied­ri­ge­ren Ein­kom­men Zugang zu ange­spann­ten Woh­nungs­märk­ten erhal­ten sol­len. Hin­zu kommt die Fra­ge, wie Ver­kehr und Infra­struk­tur im Umland ver­bes­sert wer­den kön­nen, damit sich der Woh­nungs­markt einer Metro­po­le nicht aus­schließ­lich auf ihr Stadt­ge­biet kon­zen­triert.

Die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung besteht damit nicht dar­in, eine ein­zi­ge Ursa­che der Woh­nungs­not zu besei­ti­gen. Erfor­der­lich ist viel­mehr eine lang­fris­ti­ge Woh­nungs­po­li­tik, die Neu­bau, Bestand, Boden­po­li­tik, sozia­le För­de­rung, Infra­struk­tur und wirt­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen gemein­sam betrach­tet. Bezahl­ba­rer Wohn­raum ent­steht nicht allein dadurch, dass mehr gebaut wird. Ent­schei­dend ist, aus­rei­chend Woh­nun­gen dort zu schaf­fen, wo Men­schen leben und arbei­ten wol­len, und gleich­zei­tig dafür zu sor­gen, dass ein ange­mes­se­ner Teil die­ses Wohn­raums auch für Haus­hal­te mit nied­ri­gen und mitt­le­ren Ein­kom­men erreich­bar bleibt. Genau dar­in liegt eine der zen­tra­len stadt­po­li­ti­schen Auf­ga­ben der kom­men­den Jah­re.


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