Kanz­ler­tausch? Nein dan­ke. Tauscht lie­ber die CDU aus.

In Ber­lin wird wie­der geraunt. Das ist dort eine eige­ne Regie­rungs­form. Ande­re Län­der haben Kabi­net­te, Par­la­men­te, Minis­te­ri­en. Deutsch­land hat Flu­re, in denen „etwas durch die Flu­re geht“. Zur­zeit geht dort angeb­lich der Name Hen­drik Wüst her­um, wie ein poli­ti­scher Haus­geist mit NRW-Akten­map­pe. Man stellt sich das unge­fähr so vor: Fried­rich Merz sitzt im Kanz­ler­amt, irgend­wo zwi­schen Reform­ver­spre­chen, Wirt­schafts­wen­de und der nächs­ten unfall­frei­en Pres­se­kon­fe­renz, und plötz­lich öff­net sich die Tür. Her­ein tritt jemand, der weni­ger nach Dau­er­kri­se klingt und mehr nach „Ich kann auch mit Grü­nen, ohne dass mir der Blut­druck aus dem Gesicht springt“.

Die Fra­ge, die nun ernst­haft dis­ku­tiert wird, lau­tet: Soll­te man den Kanz­ler aus­tau­schen? Eine schö­ne Fra­ge, fast rüh­rend in ihrer tech­ni­schen Beschei­den­heit. Als hät­te Deutsch­land gera­de ein Pro­blem mit dem Fah­rer­sitz und nicht mit dem gan­zen Fahr­zeug, das seit Jah­ren ohne TÜV über die Auto­bahn der Geschich­te rum­pelt. Man könn­te also Merz her­aus­neh­men und Wüst ein­set­zen. Oder Söder. Oder Spahn, falls man der Repu­blik bewei­sen möch­te, dass Umfra­ge­wer­te tat­säch­lich noch wei­ter sin­ken kön­nen. Danach wür­de die­sel­be Uni­on mit dem­sel­ben poli­ti­schen Reflex­ap­pa­rat, den­sel­ben Nebel­ma­schi­nen und der­sel­ben pani­schen Angst vor der eige­nen Gegen­wart wei­ter­ma­chen. Nur eben mit ande­rem Gesicht auf den Pla­ka­ten.

Das ist unge­fähr so, als wür­de man bei einem bren­nen­den Haus dar­über bera­ten, ob der Feu­er­wehr­helm viel­leicht in einer freund­li­che­ren Far­be bes­ser ankä­me. Natür­lich wirkt Hen­drik Wüst im Ver­gleich zu Fried­rich Merz wie ein moder­ne­res Betriebs­sys­tem. Er stürzt nicht bei jedem Satz ab, er sen­det kei­ne auto­ma­ti­schen Stadt­bild-Feh­ler­mel­dun­gen, und er kann ver­mut­lich einen Satz über gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt sagen, ohne dass drei Lan­des­ver­bän­de ner­vös nach rechts blin­ken. Aber das Pro­blem ist nicht nur Merz. Merz ist nicht der Betriebs­un­fall der CDU. Er ist ihr Pro­dukt.

Die CDU hat Merz nicht trotz sei­ner poli­ti­schen Beschränkt­hei­ten nach oben getra­gen, son­dern wegen ihnen. End­lich wie­der kla­re Kan­te, end­lich Schluss mit Mer­kel, end­lich Wirt­schafts­kom­pe­tenz, end­lich die­se legen­dä­re bür­ger­li­che Här­te, die in Talk­shows immer sehr über­zeu­gend klingt und in der Rea­li­tät meist dar­an schei­tert, dass Kran­ken­häu­ser, Schu­len, Bahn­stre­cken und Pfle­ge­hei­me nicht durch mar­ki­ge Sät­ze saniert wer­den. Nun steht die Uni­on da und wun­dert sich, dass ein Kanz­ler, der sein poli­ti­sches Leben lang vor allem als Gegen­ent­wurf zu Ange­la Mer­kel insze­niert wur­de, nicht plötz­lich als inte­gra­ti­ve Figur der Gegen­wart funk­tio­niert.

Und jetzt soll also der Kanz­ler­tausch die Lösung sein. Das Wort allein ist schon ein klei­nes Meis­ter­werk deut­scher Kri­sen­ver­wal­tung. Kanz­ler­tausch. Klingt nach Garan­tie­fall. Nach: „Der gelie­fer­te Regie­rungs­chef ent­spricht nicht der Pro­dukt­be­schrei­bung.“ Bit­te Ori­gi­nal­ver­pa­ckung auf­be­wah­ren, Rück­sen­dung nur mit kon­struk­ti­vem Miss­trau­ens­vo­tum. Der Kun­de Bun­des­tag kann Ersatz­wa­re wäh­len, sofern die SPD mit­macht und der Bun­des­prä­si­dent die Retou­re bestä­tigt.

Aber war­um so klein den­ken? War­um nur den Kanz­ler aus­tau­schen? War­um nicht gleich die CDU aus der Regie­rung? Das wäre wenigs­tens ein ehr­li­cher Reform­vor­schlag. Denn was sich gera­de zeigt, ist nicht die per­sön­li­che Tra­gö­die eines Fried­rich Merz, der end­lich Kanz­ler wur­de und nun fest­stel­len muss, dass die Rea­li­tät kein Auf­sichts­rat ist. Es ist die poli­ti­sche Erschöp­fung einer Par­tei, die seit Jah­ren vor­gibt, sie habe die Lösun­gen, wenn man ihr nur end­lich wie­der die Schlüs­sel gibt. Jetzt hat sie die Schlüs­sel, steht vor der Tür und merkt: Sie hat nie gelernt, das Schloss zu bedie­nen.

Beson­ders komisch ist dabei die Behaup­tung, die Uni­on müs­se nun „lie­fern“. Lie­fern was genau? Eine Wirt­schafts­wen­de, die vor allem dar­in besteht, dass die Wirt­schaft fest­stellt, dass war­me Wor­te kei­ne Inves­ti­tio­nen erset­zen? Eine Migra­ti­ons­po­li­tik, die täg­lich här­ter klingt und trotz­dem nie­man­den über­zeugt, weil sie zwi­schen Sym­bol­hand­lung und AfD-Panik pen­delt? Eine Moder­ni­sie­rung des Staa­tes durch Men­schen, die digi­ta­le Ver­wal­tung ver­mut­lich für eine beson­ders muti­ge Excel-Tabel­le hal­ten?

Der Witz ist: Die CDU redet über Füh­rungs­wech­sel, weil sie über Macht­ver­lust nicht reden will. Sie fragt: „Wer kann Merz erset­zen?“, weil die eigent­li­che Fra­ge viel unan­ge­neh­mer ist: „War­um soll­te die­se Par­tei gera­de jetzt wei­ter­re­gie­ren?“ Nur weil sie Angst vor Neu­wah­len hat? Nur weil die SPD auch kei­ne Lust hat, dem Wäh­ler noch ein­mal zu erklä­ren, war­um sie schon wie­der als Juni­or­part­ner in einer Regie­rung sitzt, die sie tags­über kri­ti­siert und nachts sta­bi­li­siert? Nur weil alle demo­kra­ti­schen Par­tei­en panisch auf die AfD star­ren und dabei so tun, als sei Still­stand eine Form von Ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie?

Natür­lich wäre ein Aus­tausch der CDU aus der Regie­rung nicht auto­ma­tisch die Lösung aller Pro­ble­me. Das Land hät­te danach immer noch maro­de Infra­struk­tur, eine schwä­cheln­de Indus­trie, über­for­der­te Kom­mu­nen, eine aggres­si­ve Rech­te und eine poli­ti­sche Öffent­lich­keit, die aus jedem Halb­satz eine Staats­kri­se destil­liert. Aber wenigs­tens wäre die Illu­si­on been­det, dass die Uni­on noch ein­mal kurz den alten Werk­zeug­kas­ten auf­klappt und Deutsch­land mit Ord­nung, Wachs­tum und einem Kanz­ler im kor­rekt sit­zen­den Sak­ko repa­riert.

Viel­leicht braucht es gar kei­nen Ein­wech­sel­kanz­ler. Viel­leicht braucht es eine Aus­wech­sel­par­tei. Eine CDU, die drau­ßen sitzt und ein­mal in Ruhe dar­über nach­denkt, war­um sie nach Jah­ren der Selbst­be­schrei­bung als letz­te Bas­ti­on der Ver­nunft vor allem Ner­vo­si­tät pro­du­ziert. Eine Par­tei, die begreift, dass „gegen die Grü­nen“, „gegen die Ampel“, „gegen Mer­kel“, „gegen links“ und „gegen die AfD, aber bit­te mit AfD-Sound“ kein Regie­rungs­pro­gramm erge­ben. Das ist kein Kom­pass, das ist ein poli­ti­scher Flip­per­au­to­mat.

Also nein: Kein Kanz­ler­tausch als Ber­li­ner Per­so­nal­thea­ter. Kein Wüst als freund­li­che­rer Merz mit bes­se­rem WLAN. Kein Söder als staats­män­nisch lackier­ter Dau­er­wahl­kämp­fer. Kein Spahn als Erin­ne­rungs­ser­vice dar­an, dass man­che Come­backs bes­ser in der Schub­la­de blei­ben. Wenn die Regie­rung nicht funk­tio­niert, dann soll­te man nicht nur den Mann an der Spit­ze aus­tau­schen, son­dern die Par­tei, die ihn dort­hin gebracht hat und jetzt so tut, als sei sie von sei­nem Schei­tern völ­lig über­rascht.

Raus aus der Regie­rung, CDU. Nicht aus Stra­fe. Aus Grün­den der poli­ti­schen Hygie­ne. Und viel­leicht auch, damit das Land end­lich auf­hört, jede Kri­se als Fra­ge zu behan­deln, wel­cher Christ­de­mo­krat sie am foto­ge­ne­ren ver­wal­tet.

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