Hohe Ausschüttungen, monatliche Erträge und scheinbar stabile Einnahmen – sogenannte Covered-Call-ETFs erleben seit einigen Jahren einen deutlichen Nachfrageboom. Gerade in Phasen steigender Zinsen, schwankender Märkte oder nach langen Börsenrallys suchen viele Anleger nach Alternativen zu klassischen Dividendenstrategien.
Doch wie funktionieren Covered-Call-ETFs wirklich?
Und sind zweistellige Ausschüttungsrenditen tatsächlich so attraktiv, wie sie auf den ersten Blick wirken?
Was steckt hinter der Covered-Call-Strategie?
Covered-Call-ETFs verfolgen einen kombinierten Ansatz:
- Der Fonds hält ein Aktienportfolio
meist auf Basis bekannter Indizes wie S&P 500, MSCI World, Nasdaq 100 oder DAX. - Parallel verkauft der ETF Call-Optionen
also Kaufoptionen auf genau diese Aktien oder auf den zugrunde liegenden Index.
Der Käufer der Option erhält das Recht, die Aktie zu einem festgelegten Preis (dem sogenannten Strike) zu kaufen.
Der ETF erhält im Gegenzug eine Optionsprämie – und genau diese Prämie ist die eigentliche Einkommensquelle der Strategie.
Diese Prämien werden regelmäßig vereinnahmt und meist monatlich an Anleger ausgeschüttet.
Wie entstehen die laufenden Erträge?
Der Erfolg einer Covered-Call-Strategie hängt entscheidend vom Marktverlauf ab:
Seitwärtsmärkte – das Idealumfeld
Bleibt der Aktienkurs unter dem vereinbarten Strike-Preis, verfällt die Option wertlos.
Der Fonds behält sowohl die Aktie als auch die vereinnahmte Optionsprämie.
→ Die Prämie wird zum nahezu reinen Zusatzertrag.
Steigende Märkte – begrenztes Aufwärtspotenzial
Steigt der Kurs über den Strike, wird die Aktie „abgerufen“.
Der ETF verkauft sie zum vorher festgelegten Preis.
→ Kursgewinne oberhalb dieses Niveaus gehen verloren.
Die Strategie tauscht also unbegrenzte Kurschancen gegen sofortige Einnahmen.
Fallende Märkte – begrenzter Schutz
Die vereinnahmte Optionsprämie wirkt wie ein kleiner Puffer gegen Kursverluste.
Ein echter Kapitalschutz besteht jedoch nicht – bei stärkeren Markteinbrüchen sind auch Covered-Call-ETFs klar im Minus.
Der entscheidende Unterschied zu Dividenden-ETFs
Covered-Call-ETFs werden häufig mit klassischen Dividendenstrategien verwechselt – dabei unterscheiden sich beide Konzepte grundlegend:
- Dividenden-ETFs leben von Unternehmensgewinnen und Ausschüttungspolitik.
- Covered-Call-ETFs generieren Erträge aus den Optionsmärkten.
Ein zentraler Faktor ist dabei die implizite Volatilität:
Je stärker die erwarteten Kursschwankungen, desto höher sind in der Regel die Optionsprämien.
Gerade in nervösen Marktphasen können Covered-Call-ETFs deshalb besonders hohe Ausschüttungen erzielen – selbst dann, wenn Aktienkurse stagnieren.
Wie hoch sind die Ausschüttungen wirklich?
In der Praxis liegen die jährlichen Ausschüttungsrenditen häufig zwischen:
- 7 und 10 Prozent,
- in einzelnen Marktphasen auch darüber.
Wichtig ist jedoch eine saubere Einordnung:
Diese Renditen stammen nicht aus Kursgewinnen, sondern aus dem fortlaufenden Verkauf von Optionen.
Hohe Ausschüttungen bedeuten daher nicht automatisch hohe Gesamtrenditen.
Unterschiedliche ETF-Konzepte
Am Markt haben sich mehrere Varianten etabliert:
Passive Covered-Call-ETFs
Sie verkaufen meist regelmäßig sogenannte at-the-money Calls – unabhängig vom Marktumfeld.
- hohe Planbarkeit
- einfache Struktur
- dauerhaft gedeckeltes Kurspotenzial
Aktiv verwaltete Income-ETFs
Anbieter wie J.P. Morgan kombinieren:
- ausgewählte Qualitätsaktien
- flexible Optionsstrategien
- Zielausschüttungen von etwa 7 bis 9 Prozent jährlich
Diese Fonds verzichten auf eine strikte Indexabbildung und versuchen, die Nachteile reiner Optionsstrategien abzumildern.
Mischmodelle
Ein Teil des Portfolios wird mit Calls überlagert, ein anderer bleibt vollständig investiert.
→ Kompromiss zwischen laufendem Einkommen und Kurswachstum.
Der Blick in die Praxis: hohe Ausschüttung – schwächere Gesamtperformance
Der US-Markt liefert inzwischen belastbare Langzeiterfahrungen.
Das Ergebnis ist ernüchternd:
Covered-Call-ETFs erzielen über mehrere Jahre hinweg deutlich geringere Gesamterträge als klassische Aktien-ETFs.
Beispielhafte Größenordnung:
- Covered-Call-ETF auf den S&P 500: rund 50–60 % Gesamtertrag in fünf Jahren
- klassischer S&P-500-ETF: über 110 % im gleichen Zeitraum
Die Differenz entsteht durch den permanenten Verzicht auf starke Aufwärtsbewegungen – genau jene Phasen, die langfristig den Großteil der Aktienrendite ausmachen.
Kritikpunkte und strukturelle Risiken
Covered-Call-ETFs sind kein „Free Lunch“. Zu den zentralen Nachteilen zählen:
- gedeckeltes Wachstum in Haussephasen
- langfristige Renditenachteile gegenüber Aktienindizes
- sinkende Optionsprämien, da immer mehr Marktteilnehmer dieselbe Strategie verfolgen
- psychologische Renditeillusion durch hohe Ausschüttungen bei schwacher Kursentwicklung
Nicht selten stammt ein Teil der Ausschüttungen faktisch aus der eigenen Substanz – was viele Anleger übersehen.
Für wen sind Covered-Call-ETFs geeignet?
Sinnvoll eingesetzt werden können sie vor allem von Anlegern:
- mit klarem Einkommensfokus
- in der Entnahmephase oder im Ruhestand
- mit Erwartung seitwärts tendierender Märkte
- als Ergänzung, nicht als Kerninvestment
Ungeeignet sind sie hingegen für:
- langfristigen Vermögensaufbau
- junge Anleger mit hohem Zeithorizont
- Investoren mit Fokus auf maximale Aktienrendite
Fazit: planbares Einkommen – aber mit klaren Grenzen
Covered-Call-ETFs sind keine besseren Aktienfonds und kein Renditewunder.
Sie sind strukturierte Einkommensinstrumente mit einem klaren Tauschgeschäft:
regelmäßige Erträge heute gegen geringeres Wachstum morgen.
Wer diesen Zielkonflikt versteht und bewusst akzeptiert, kann sie sinnvoll einsetzen – etwa als Cashflow-Baustein im Gesamtportfolio.
Wer jedoch maximale Wertentwicklung sucht, fährt langfristig mit klassischen Aktien-ETFs deutlich besser.
Oder anders gesagt:
Covered-Call-ETFs liefern kein passives Einkommen ohne Preis –
sondern planbare Einnahmen mit eingebauter Renditebremse.
